Ich will Nähe, ohne mich gleich für Kinder zu entscheiden! Über den Raum zwischen unverbindlichem Sex und Reihenhaus

Ich bin 31, frisch getrennt und fühle mich gut. Deutlich besser als noch in meiner Beziehung. Und das schon wenige Tage nach der Trennung. Also war es wohl die richtige Entscheidung. Das wird dennoch keine Ode an das Singledasein. Denn mir fehlt etwas Existenzielles. Nähe.

Ja, auch Familie und Freunde sorgen für Nähe. Aber die Küsse und Berührungen vom eigenen Partner zu spüren und Vertrauen zu haben ist doch etwas anderes. Die Lösung haben meine Freunde. Sie feiern geradezu, dass ich die Chance habe, mich auszutoben.

Unverbindlicher Sex, so viel und mit wem auch immer ich möchte.

Unverbindlicher Sex, so viel und mit wem auch immer ich möchte. Ohne jegliche Verpflichtungen. Ihre Idee: Online-Dating, beziehungsweise, nennen wir das Kind doch direkt beim Namen, Tinder. Sie vergessen dabei, dass ich nicht der Typ für diese Art von Nähe bin.

Um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin kein unscheinbares Mäuschen und ich liebe Sex. Es gehört zu meinem Verständnis von Nähe eindeutig dazu. Aber der Akt allein würde meinem Wunsch nach Nähe nicht genügen. Die Basis für Sex ist für mich nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Anziehung. Sex ohne dabei in meinen Gegenüber zumindest verknallt zu sein? Für mich kaum denkbar.

In meiner romantischen Vorstellung braucht es jedoch kein Online Dating.

Trotz oder grade aufgrund meiner Erklärungen höre ich schließlich immer wieder, wie viele Paare in der näheren Umgebung sich doch online kennengelernt haben sollen. Tinder sei nicht nur eine Sexbörse. In meiner romantischen Vorstellung braucht es jedoch kein Online Dating.

Sind da nicht nur die, die nicht in der Lage sind, mit offenen Augen und offenen Herzen durchs Leben zu gehen? Die irgendwie einen Knacks weghaben, nicht vermittelbar sind? Ich möchte jemanden im „echten Leben“ kennenlernen. Und doch, nach zwei Monaten gebe ich nach. Vielleicht muss ich mich an die Entwicklung der Gesellschaft mehr anpassen? Und Online Dating gehört eben dazu?

Ich bin 31. Und bei Tinder angemeldet. Meine Profilbilder zeigen (auch ohne Bikini) recht gut, worauf man sich gegebenenfalls einlässt. Ich gehöre vermutlich nicht zu der Kategorie „mega Granate“, aber wohl „ganz hübsch“ oder auch „süß“, wobei letzteres nicht mit meiner Körpergröße korreliert. Ja, das ist ein großes Ding mit der Körpergröße, auch wenn es in diversen männlichen Profiltexten ins Lächerliche gezogen wird. Ich weiß wovon ich spreche.

Nur wenige kleinere Männer haben „die Größe“ sich auf eine Frau einzulassen, die mit High Heels gut 1,90 m groß ist.

Nur wenige kleinere Männer haben „die Größe“ sich auf eine Frau einzulassen, die mit High Heels gut 1,90 m groß ist. Und das ist auch vollkommen ok, auch ich schaue lieber herauf als herab. Deshalb spiele ich in meinem Profiltext mit offenen Karten. Und eine weitere entscheidende Information lasse ich ebenfalls mit einfließen: Kinder kriegen steht nicht auf meiner To-do-Liste.

Ich hätte nie ahnen können wie wesentlich diese Information ist und wie schlecht ich die Männerwelt offenbar einschätzen konnte. Ich bin 31. Im besten heiratsfähigen und Kinder gebärenden Alter. Allerdings glaube ich weder daran, dass ein Stück Papier die Liebe zu meinem Partner nachweisen muss, noch daran, dass Kinder mein Lebensinhalt werden.

Ich glaube weder daran, dass ein Stück Papier die Liebe zu meinem Partner nachweisen muss, noch daran, dass Kinder mein Lebensinhalt werden.

Letzteres ist nicht nur ein Tabuthema unserer Gesellschaft, sondern schließt nach meiner Erfahrung der letzten Monate fast alle für mich infrage kommenden Männer aus. Sowohl bei Tinder als auch im echten Leben.

Anders als erwartet sind bei Tinder aber nicht ausschließlich Fickbekanntschaften zu machen, sondern ein großer Teil der Männer zwischen 30 und 40 sucht tatsächlich nicht nur die große Liebe, sondern eine Ehefrau und insbesondere die Mutter der zukünftigen Kinder.

Sag niemals nie. Man hat schon Pferde kotzen sehen. Unverhofft kommt oft. Ich würde niemals vollständig ausschließen, dass ich jemals Kinder bekommen werde. Aber ich werde zu diesem Zeitpunkt niemandem versprechen können, dass ich ihm seine Nachkommen gebäre. Und es ist nur fair den potenziellen Partner das wissen zu lassen.

Vielleicht treffe ich irgendwann DEN Mann, der irgendwann genau diesen Wunsch auslöst – Familie gründen, Einschränkungen in Kauf nehmen.

Vielleicht treffe ich irgendwann DEN Mann, der irgendwann genau diesen Wunsch auslöst – Familie gründen, Einschränkungen in Kauf nehmen – aber dafür das Wunder der Geburt erfahren. Vielleicht treffe ich irgendwann aber auch DEN Mann, mit dem ich das Leben bis zum Ende zu zweit genießen möchte. Ohne jegliche Einschränkungen akzeptieren zu müssen.

Meine Tinder-Matches haben nahezu alle nicht lesen können oder wollen. Sobald das Thema Kinder nach einer Weile angesprochen wird, ist die Erschütterung groß.  „Und du willst wirklich keine Kinder?“ „Aus unseren Genen würden aber zauberhafte Kinder entstehen.“ „Warte mal ab. Über kurz oder lang änderst du deine Meinung und wirst letztlich doch Kinder haben, oder es ist dann eben schon zu spät.“

Aber Kinder als Lebensziel vorauszusetzen – fesselt uns das nicht viel zu sehr? Geht es nicht vielmehr darum, selbst glücklich zu sein? Als Individuum und auch in der Partnerschaft?

Ich suche einen Partner, der mich um meinetwillen liebt, begehrt, sein Leben mit mir verbringen und teilen möchte.

Ich suche einen Partner, der mich um meinetwillen liebt, begehrt, sein Leben mit mir verbringen und teilen möchte. Nicht weil er davon ausgeht, dass ich die Mutter seiner Nachfahren werde, dafür sorge, dass seine Gene weitergetragen werden. Ist diese Lebenseinstellung denn so außergewöhnlich?

Ich bin 31. Stehe mit beiden Beinen im Leben, liebe meinen Job, bin selbstständig, aktiv und eigentlich ziemlich zufrieden – alles in allem kein schlechter Fang. Und dennoch bleibe ich lieber Single, verzichte auf die Nähe, nach der ich mich eigentlich verzehre, als mich der Verpflichtung zu unterwerfen, Kinder zu bekommen oder schließlich jemanden seines Lebenstraums eines Kindes berauben zu müssen.

PS.: Männer, bitte lasst das mit diesen Spiegelselfies!

Danke an Zeus und Adrian. Es ist nicht immer einfach die eigene Lebenseinstellung und Gedanken in Worte zu fassen. Ihr habt mich dazu genötigt. Manchmal ist es beinahe ein perfect match und dann machen die grundlegend unterschiedlichen Lebensziele einen Strich durch die Rechnung. Ich bin mir sicher ihr werdet die Mütter eurer Kinder über kurz oder lang treffen.

Danke auch an meinen Exfreund. Du hattest die Größe und Ausstrahlung die Körpergröße nebensächlich zu machen. Auch wenn sich unsere Lebenswege und Erwartungen in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, du bist großartig.

Laura lebt in Hamburg und sollte eigentlich grade für ein Examen lernen, statt ihr erstes Gedankenspiel zu verfassen. Normalerweise hat sie nichts mit Schreiben am Hut. Aber heute sprudelte es einfach aus ihr heraus.
Sie beschreibt ihren Beruf als professionelles Klugscheißen und kann es auch privat manchmal nicht unterlassen.
Laura ist noch immer bei Tinder angemeldet, hofft aber dennoch ihren Traummann im echten Leben zu treffen. Falls das alles nichts wird, wird sie irgendwann als alte Katzenlady sterben.

Headerfoto: Bewakoof.com Official via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!  

6 Comments

  • „Nur keine Bekehrungsversuche, bitte. “ Nein, gerade das nicht. Ich hoffe die Weiterleitung meiner E-Mail-Adresse klappt.

    Lieber Gruß!

  • Liebe Laura! Dein Text ist großartig! Du solltest unbedingt mehr schreiben! From the bottom of you vagina oder from the bottom of your heart – anregende Gedanken! Deine IkeaFreundin!

  • Was für ein genialer, großartiger, wunderbarer Text!!! Jedes einzelne Wort kann ich unterschreiben und du sprichst mir direkt aus meinem Herzen! Vielen Dank für das auf den Punkt bringen von so vielen reellen Dingen. Ich bin mittlerweile auch entspannter was die Partnersuche angeht. Nun bin ich 39, auf keiner dating Plattform mehr und glaube fest daran, dass wenn es sein soll sich alles fügt, wenn man es fließen lässt und dann kommt alles im echten Leben zu mir und nicht virtuell.
    In tiefer Verbundenheit mit 1,80 m ohne high heels…andrea

    • Liebe Andrea,
      sorry, für die verspätete Rückmeldung. Dass mein Text wirklich veröffentlicht wird, damit hatte ich nicht gerechnet und habe es nun nur durch Zufall (oder Schicksal – danke Jonathan 😉) herausgefunden.
      So schön zu hören, dass ich doch tatsächlich nicht allein bin auf weiter Flur und du dich wiederfinden konntest. 💙🙏
      Tall gils 4 life. ✌️👠😜 Laura.

  • Hallo Laura,

    ich finde Deinen Text hier mutig und gut! Wenn Du Lust hast, würde ich auch gerne mit Dir dieses Thema aus einem anderem Blickwinkel beleuchten/diskutieren, nur nicht für jeden einsehbar. Hier im Kommentarbereich…

    Lieber Gruß!

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