Ich habe abgetrieben und wünsche mir einen sicheren Zugang zu Schwangerschafts-Abbrüchen für alle Frauen*

„Kommt denn die Schwangerschaft für Sie in Frage?“ Der freundliche Blick der Ärztin mir gegenüber verschwimmt hinter einem Schleier meiner Tränen, die sich in meinen Augen sammeln. Eine einzige fällt und wird schon auf meiner Wange von meinem Mund-Nasen-Schutz aufgefangen, wo sie in den Stoff sickert.

Ich sitze etwa zwei Meter entfernt von der Ärztin auf einem durchsichtigen Stuhl. Für den Corona-Abstand. Und den wahrt sie durchweg. Bis es zum Ultraschall kommt und sie meinen Wunsch nach Abstand missachtet, indem sie den Bildschirm zu mir dreht, obwohl ich ihn nicht sehen will. Es gibt auch gar nicht viel zu sehen. Die Gebärmutter hat sich bereits geöffnet, was für einen klitzekleinen weißen Kreis auf schwarzem Hintergrund sorgt.

Im Folgenden steht „Frauen“ für alle Menschen, die schwanger werden können.

Ich wusste gleich, dass ich das nicht möchte.

Das Recht auf Abtreibung beschäftigte mich politisch, lange bevor es mich persönlich betraf. Ich ging gegen Paragraph 219a des deutschen Strafgesetzbuchs auf die Straße, las Berichte von Frauen aus Nordirland, die sich gezwungen sahen, für einen Schwangerschaftsabbruch nach Großbritannien oder Europa zu reisen und verfolgte, wie mehrere US-Bundesstaaten und Polen das Recht auf Abtreibung immer stärker eingeschränkten.

In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch in den Paragraphen 218 und 219 des Strafgesetzbuchs verankert. Abtreibungen können demnach sowohl für die durchführende Person als auch für die Schwangere selbst eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen.

Unter bestimmten Bedingungen ist der Schwangerschaftsabbruch seit 1995 jedoch straffrei. Hierfür muss sich die Schwangere zunächst beraten lassen und den Abbruch schließlich bis zur 12. Schwangerschaftswoche von einem:r Ärzt:in durchführen lassen.

Bereits am Abend vor meinem positiven Schwangerschaftstest und der Bestätigung durch meine Frauenärztin, wusste ich, dass ich das nicht möchte.

Bereits am Abend vor meinem positiven Schwangerschaftstest und der Bestätigung durch meine Frauenärztin, wusste ich, dass ich das nicht möchte. Ich liebe Kinder. Aber beim Gedanken, ein eigenes zu kriegen, jetzt, spürte ich eine starke Abneigung in mir, die bei konkreter Vorstellung an mich mit einem Kind in meiner momentanen Situation zu schierer Verzweiflung wuchs.

Meine größte Angst ist plötzlich, dass mein Partner es anders sehen könnte. Dass er meine Entscheidung zwar akzeptieren, aber darunter leiden und schließlich unsere Beziehung daran zerbrechen würde.

Als ich ihm nach der Untersuchung von meiner Schwangerschaft erzähle, ist seine erste Frage, was ich machen möchte. Er zeigt mir, dass er für mich da sein wird, unabhängig davon, wie meine Entscheidung ausfällt. Eine bessere Reaktion hätte ich mir nicht wünschen können.

Von der Angst, verurteilt zu werden

Zusammen mit meinem Partner gehe ich zu pro familia. Da wir in einer Großstadt wohnen, habe ich weder Schwierigkeiten, diesen Termin noch den kommenden zu kriegen. Ich bin nervös, stelle mir Szenarien vor, die sich vor dem Gebäude abspielen könnten. Sehe vor meinem inneren Auge Abtreibungsgegner:innen, die uns wilde Beschimpfungen zurufen.

Nichts Derartiges passiert. Wir werden einen langen Gang hinunter geleitet und mit genügend Abstand zur psychologischen Beraterin auf zwei Stühle verwiesen. Der Raum ist hell und schlicht eingerichtet. Ein Tisch, drei Stühle, ein Regal, in dem einige Akten verstaut sind. Unsere Beraterin ist super lieb.

Ich bin nervös, stelle mir Szenarien vor, die sich vor dem Gebäude abspielen könnten. Sehe vor meinem inneren Auge Abtreibungsgegner:innen, die uns wilde Beschimpfungen zurufen.

Zu keiner Zeit stellt sie meine Entscheidung in Frage. Sie beantwortet meine Fragen zu den verschiedenen Methoden und füllt schließlich den Beratungsschein aus und gibt uns eine Liste mit Ärzt:innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Die Liste ist lang.

Mein Partner hatte erwartet, dass sie bei pro familia versuchen würden, mir meine Entscheidung auszureden. Ich habe doch zumindest erwartet, dass ich sie begründen, mich rechtfertigen muss. Stattdessen erleichtert mich das Gespräch mit der Beraterin. Als hätte sie mir ein Dutzend Steine von der Brust und den Schultern genommen.

Gründe für den Abbruch und warum sie letztlich keine Rolle spielen

Ich wollte nicht abtreiben müssen. Vermutlich will das keine Frau. Noch weniger wollen oder können sie ein Kind bekommen. Weil der Zeitpunkt nicht stimmt, es mit dem (Sexual-)Partner nicht passt, sie vergewaltigt wurden, die finanzielle oder berufliche Situation nicht stimmt, sie gesundheitlich nicht in der Lage sind, weil es gerade nicht reinpasst oder weil sie eben einfach keine Kinder wollen. Überhaupt nicht.

Für die Statistik des Statistischen Bundesamts stellt mir die freundliche Beraterin eben diese Frage. Was die Gründe für meine Entscheidung sind. Finanziell, beruflich, falscher Zeitpunkt. Sie trägt meine Antworten ein. Völlig ohne Wertung.

Ich wollte nicht abtreiben müssen. Vermutlich will das keine Frau.

Die Frauenärztin, die die Schwangerschaft nach meinem Test am Morgen erstmals bestätigt, stellt mir ähnliche Fragen. Sie erzählt, dass sie mit 21 unerwartet schwanger wurde und das Kind bekommen hat. Dass es bei ihr geklappt hat. Sie fragt mich, ob ich den richtigen Partner habe, genügend Unterstützung. Ich habe den richtigen Partner, die Namen unserer zukünftigen Kinder wissen wir seit einer Weile.

Und ich bin mir ganz sicher, dass es auch bei mir funktionieren könnte. Aber ich möchte nicht, dass es funktionieren muss. Ich möchte Vorfreude, ein Wunschkind, das passende Mindset und die richtige Situation, um dieses liebevoll großzuziehen. Und ich verstehe einfach nicht, warum ich ein Kind kriegen sollte, das ich so nicht möchte. Davon profitiert niemand, am wenigsten das Kind.

Zugang zu medizinischen Schwangerschaftsabbrüchen ist essenziell für die Sicherheit von Frauen weltweit.

Fast die Hälfte der jährlich durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche weltweit wird unsicher ausgeführt, weil kein Zugang zu medizinisch sicheren Abtreibungen besteht. Dies kann für die Schwangeren tödlich enden.

Bereits im Jahr 2018 meldete die Bundesärztekammer, dass immer weniger Ärzt:innen Abtreibungen durchführen. Schwangere müssen unter Umständen mehrere Stunden Fahrt auf sich nehmen, um Mediziner:innen zu erreichen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Trotz der großen Notwendigkeit an Ärzt:innen, die Abbrüche durchführen, wird der Eingriff Medizinstudent:innen nicht gelehrt.

Schwangere müssen unter Umständen mehrere Stunden Fahrt auf sich nehmen, um Mediziner:innen zu erreichen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten.

Das Werbeverbot, das einem Informationsverbot gleichkommt, erschwert die Suche nach geeigneten Mediziner:innen zusätzlich. Im Jahr 2017 wurde Ärztin Kristina Hänel aufgrund von Paragraph 219a StGB verurteilt. Grundlage war ein Verweis auf ihrer Website, der zeigte, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt.

Eine Liste der Bundesärztekammer soll für Information sorgen und erfasst Kliniken und Praxen in Deutschland, die Abbrüche durchführen. Aufgrund von Anfeindungen durch Abtreibungsgegner:innen tragen sich aber immer weniger Ärzt:innen ein.

Von der (politischen) Objektifizierung der Frau

Es fängt nicht beim Recht auf Abtreibung an und hört dort nicht auf. Frauen werden kontinuierlich objektifiziert. Sie werden sexualisiert, ohne Konsens angefasst, auf ihre Körperlichkeit allein reduziert. Und schließlich werden sie zum Körper des Kollektivs ernannt und politisiert. Sollen Kinder gebären für die Gemeinschaft. Ihr Recht auf Selbstbestimmung wird untergraben.

Für mich fühlt sich der Abbruch wie eine weitere Erfahrung an, die mich meines Körpers entfremdet. Ich habe die Wahl zwischen einem Gerät, das in mich eindringt und mich aussaugt und einer Handvoll Pillen, die unnatürliche Vorgänge in meinem Körper in Gang setzten, mir Schmerzen bereiten und eine starke Blutung auslösen.

Freund:innen erzähle ich, dass ich eine Abtreibung „hatte“. In mir drin fühlt es sich an wie „haben“.

Freund:innen erzähle ich, dass ich eine Abtreibung „hatte“ oder einen Schwangerschaftsabbruch hab vornehmen lassen. In mir drin fühlt es sich an wie „haben“. Die Abbruchsblutung dauert vier Wochen an. Mein Kopf schmerzt täglich, ich fange völlig ohne Grund an zu weinen und bin schnell gereizt. Als ich das erste Mal nach dem Abbruch eine Gruppe Kleinkinder sehe, schießen mir Tränen in die Augen.

Und trotzdem weiß ich, dass es die absolut richtige Entscheidung war. Ich weiß, dass ich irgendwann Kinder möchte, nur eben nicht jetzt. Nicht so.

Recht auf Selbstbestimmung

Es spielt gar keine Rolle, wie es zur ungewollten Schwangerschaft gekommen ist. Vielleicht ging in der Verhütung etwas schief, vielleicht wurde ungenügend verhütet. Vielleicht wurde die Frau vergewaltigt. Oder, oder, oder.

Keiner dieser Fälle rechtfertigt, dass der Frau gegen ihren Willen ein Kind aufgezwungen wird. Dass sie knapp zehn Monate eine Schwangerschaft durchleben muss, die sie nicht möchte, und schließlich ein Kind großziehen oder weggeben muss, das sie nicht will.

Keine Frau sollte ein Kind austragen müssen, keine Frau sollte Stunden zur nächsten Abbruchsklinik brauchen oder gar das Land wechseln müssen.

Keine Frau sollte ein Kind austragen müssen, keine Frau sollte Stunden zur nächsten Abbruchsklinik brauchen oder gar das Land wechseln müssen, keine Frau sollte ihr Leben in Gefahr bringen müssen, weil sie keinen Zugang zu sicheren medizinischen Abbrüchen hat.

Der Embryo im Uterus einer Frau mag vielleicht schon einen Herzschlag entwickelt haben. Genau wie die potenzielle Mutter. Zusätzlich hat sie einen eigenen Willen, ein Selbstbestimmungsrecht und Pläne und Wünsche für ihre eigene Zukunft. Und die sehen vielleicht einfach (noch) kein Kind vor.

Alle Schwangeren in problematischen Situationen oder Menschen aus deren Umfeld finden jederzeit per Telefon (0800-4040020), Online-Chat oder E-Mail Hilfe und Unterstützung. In 18 Sprachen plus Gebärdensprache. Das Hilfetelefon für Schwangere in Not des Bundesfamilienministeriums ist kostenfrei und kann an pro familia oder andere Beratungsstellen weiterleiten. Auch und insbesondere zu Zeiten des Coronavirus.

Please tell all your friends: If you or your partner are pregnant and you feel overwhelmed because of financial problems, arguments or any other uncomfortable situation please contact 0800-4040020. It is free of charge and you can speak anonymously. The counselors of the German pregnancy advice will help you. Please click here to find more information in English.

Headerfoto: Dane Wetton via Unsplash (Gesellschaftsspiel Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Jenny liebt Musik. In besseren Zeiten schlug sie sich die Nächte in Fernbussen um die Ohren, um Konzerte quer durch Europa zu besuchen und sich im Moshpit zu verausgaben. Seit das in der Form nicht mehr möglich ist, ist sie seltener verletzt und kann sich voll und ganz aufs Lesen und Schreiben konzentrieren. Das liebt sie mindestens genauso sehr und hat so ihren Weg ins traumhafte im-gegenteil-Team gefunden. In ihrer Freizeit hält sie sich stundenlang in Buchhandlungen auf, liebt Kino und ernährt sich ausschließlich von Nudeln. Besonders Udon!

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