Ich hab keinen Bock mehr auf dich! – Eine Nicht-Liebesgeschichte voller Abhängigkeiten

Ich habe keinen Bock mehr auf dich, habe ich gesagt. Das war es jetzt. Das Ende einer verschrobenen Nicht-Beziehung mit einem düsteren, langhaarigen Typen. L spricht mich in der Griessmühle an. „Gehst du mal mit mir was trinken?“, fragt er und ist dann schnell wieder im Dunkel der Maschinenhalle verschwunden. Gleich am nächsten Morgen kündigt sich eine Nachricht von ihm an, am Abend finde ich mich in seiner Wohnung wieder.

Wir sind Nachbarn, da kann man ja schließlich einfach mal kurz vorbeischauen. Der Abend verläuft entspannt, wir sprechen über Horrorfilme und Alkoholeskapaden. Am nächsten Abend sehen wir uns schon wieder. Da hätte mir bereits auffallen müssen, dass dieser Mensch einfach nicht allein sein kann, jemanden braucht, der nachts neben ihm liegt.

Beim dritten Besuch schlafen wir miteinander. Der Sex ist wild und gut, wir sind beide betrunken. L drückt meinen Hals so fest, dass ich am nächsten Morgen die Spuren seiner Hände im Spiegel sehen kann. Wir trinken warmen Wein aus der Flasche, er streicht sich die schulterlangen Haare aus dem verschwitzten Gesicht.

Wir sehen uns jetzt oft und fühlen uns wohl miteinander. Dass wir beide keine Beziehung wollen, stellen wir schnell klar. Diesen Mann, der mehrmals wöchentlich Drogen konsumiert und von einem Vollrausch in den nächsten schlittert, kann ich unmöglich meinen Eltern vorstellen.

‚Wo bist du? Kommst du noch vorbei?‘

Immer früh morgens, wenn er von einer langen Nacht nach Hause kommt, ruft er mich an. „Wo bist du? Kommst du noch vorbei?“ Es ist sieben Uhr morgens, als er wieder anruft und ich tatsächlich aufstehe, um ihn zu sehen. Ich hatte schon geschlafen. Schwankend steht er vor meiner Haustür, im Hintergrund tönt Selena Gomez‘ It aint me aus seinem Handy.

Er fragt mich, wieso ich zu ihm komme. Ich kann ihm die Frage nicht beantworten. Wir sind fast in seiner Wohnung angelangt, als er langsam gröber wird. Er hält mich zu fest in seinem Arm und wiederholt ständig „Wenn du mit mir in meine Wohnung kommst, gehörst du mir.“

Ich nehme ihn nicht ernst, vielleicht lässt einfach der Schnee nach. Irgendwie bedrohlich steht er vor mir in seiner Küche und in seinen Augen erkenne ich eine Mischung aus Wut, Melancholie und Lust. Er sagt mir, er habe unglaubliches Verlangen, mir weh zu tun. Als er langsam seine Hand hebt, halte ich sie mit aller Kraft fest. Ich stehe ungläubig da. „Mach das nie wieder.“

Nun habe ich ein bisschen Angst, ich weiß nicht, wozu er wirklich in der Lage ist. Der Audruck in Ls Gesicht verändert sich. Trauer überfällt seine Miene und er sinkt auf den Küchenstuhl. Es tue ihm so leid, sagt er mir. Ich sei doch schließlich seine Bezugsperson im Moment. Ich weiche zurück, habe Angst vor dem, was noch kommt. Er weint, ich muss ihn halten.

Immer drängender spüre ich das Verlangen zu gehen.

Immer drängender spüre ich das Verlangen zu gehen. Doch er sieht mich so flehentlich an  und bedeutet mir, dass er heute auf keinen Fall allein schlafen kann. Schlafen kann er später im Bett sowieso nicht. Das Pep sorgt für Herzrasen und einen unruhigen bis gar keinen Schlaf.

Warum ich die Sache nach dieser Nacht nicht abgebrochen habe, kann ich selbst nicht beantworten. Manchmal mag ich L. Er ist süß, braucht viel Zuneigung und macht mir Komplimente. Er liebt meine Brüste, meinen Hintern, meinen flachen Bauch und das tut gut. Was mir nicht gut tut, sind seine ständigen Anrufe und die darauffolgenden langen Abende, an denen wir verschlungen in seinem Bett liegen und Horrorfilme schauen. Nächte, die mich um den Schlaf bringen, den ich für den nächsten Tag brauche.

L ist auf Jobsuche und schläft weiter, wenn ich mich um sieben leise aus dem Zimmer stehle. Manchmal gehe ich, auch ohne Grund, mitten in der Nacht oder früh morgens. Die Nähe nimmt mir die Luft zum Atmen.

Es ist ein warmer Frühlingstag und heute bin ich mir sicher, dass ich einen Schlussstrich ziehen muss. Wir treffen uns am Fußballfeld, was sich ziemlich genau zwischen unseren beiden Wohnungen befindet. L sieht heute besonders gut aus. Er kommt von einem Vorstellungsgespräch und trägt, außer dem Kaffee für uns beide, einen dunklen Anzug.

Ich erkläre ihm, dass die Situation für mich so keinen Sinn macht.

Es ist das erste Mal, dass ich ihn lebendig und vollständig angezogen außerhalb seiner Wohnung sehe. Ich erkläre ihm, dass die Situation für mich so keinen Sinn macht. Dass ich unter etwas Lockerem etwas anderes verstehe. Nicht sage ich, dass er mich mit seinem Verhalten Stück für Stück auffrisst.

Er sagt, wir können doch auch Freunde sein. Ein paar Tage darauf liegen wir wieder nackt in seinem Bett. „Das hat ja gut geklappt mit unserer Freundschaft“, sagt er.

Ein paar Wochen später sitzen wir gemeinsam in seiner Wohnung. Wir haben das erste Mal gemeinsam gekocht und sind nun bei der zweiten Flasche Wein. Als auch die schließlich leer ist, gehen wir zum Kiosk, um billigen Wodka zu kaufen. Es ist Donnerstag, eigentlich kein Grund für Hochprozentiges.

Auch die Flasche ist fast leer, L hat fast alles allein getrunken, als er mich bittet, meine Hose auszuziehen. Ich tue es und stehe in einem billigen Slip mit Leopardenmuster vor ihm. Das sei das schönste Höschen, das er je an mir gesehen habe, sagt er und küsst mich.

Alles schmerzt, aber die Lust überdeckt die harte Wahrheit, die unter den klammen Fliesen liegt.

Bald sitzen wir beide in Unterwäsche am Küchentisch, wieder läuft Selena Gomez. In Alkoholschwaden gehüllt, liegen wir schließlich auf dem kalten Küchenboden. Alles schmerzt, aber die Lust überdeckt die harte Wahrheit, die unter den klammen Fliesen liegt.

Eine Woche später, bin ich mit Freunden in einem Techno Club, als plötzlich L vor mir steht. „Was machst du denn hier?“, frage ich entnervt, ohne zu wissen, wieso ich so abweisend bin. Schließlich hat er doch letzte Nacht noch bei mir geschlafen. Später sehe ich ihn auf der Tanzfläche. Unverkennbar ragt er zwischen den übrigen Menschen hervor, seine Haare zu einem unordentlichen Dutt gebunden.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er innig mit einem Mädchen spricht. Das macht er immer, ich weiß das, und durch unsere Abmachung darf er natürlich auch machen, was er will. Mir wird trotzdem unwohl. Ich möchte nicht sehen, wie er mit anderen Frauen redet, sie womöglich küsst.

Ich bin selbst nicht unschuldig, noch heute habe ich A getroffen, ihn ebenfalls geküsst. Aber eben nicht vor seinen Augen. Macht das einen Unterschied? Es ist sechs Uhr morgens, wir tanzen zu ruhigem Tech House, als L neben mir auftaucht und mich fragt, ob ich ihn heute Abend ignoriere.

‚Ich hab keinen Bock mehr auf dich‘, sage ich. Und meine damit eigentlich vor allem mich selbst.

„Nein“, fahre ich ihn an und tanze weiter für mich allein. Er tanzt etwas abseits neben mir und bekommt mit, wie ich immer wieder von schrecklichen Typen angesprochen werde. Er sagt nichts. Irgendwann später nehme ich ihn zur Seite. „Ich hab keinen Bock mehr auf dich“, sage ich. Und meine damit eigentlich vor allem mich selbst und die, die ich durch unsere Beziehung geworden bin.

Ich erkläre ihm, dass ich nicht sehen möchte, wie er fremde Frauen anmacht, sie küsst. Ich sage ihm, dass ich auch selbst nicht so sein möchte. Dass ich die morgendlichen Anrufe nicht mehr ertragen kann. Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern, denke ich – spreche es aber nicht aus.

Er ist überrumpelt, sagt nur „Okay“ und schaut mich mit großen Augen an. Ein letzter Blick und ich verlasse um sieben den Club, im Wissen, dass ich es diesmal ganz beendet habe. Ein komisches Gefühl macht sich trotzdem in der Magengegend breit, vielleicht mochte ich ihn ja doch.

Wieder klingt der nervige Song von Selena in meinem Kopf, doch diesmal hat sie Recht. Who’s waking up to drive you home, when you’re drunk and all alone? Who’s gonna walk you through the dark side of the morning? Ich bin es nicht mehr.

Francis ist die Liebe zu viel, deshalb beschäftigt sie sich lieber mit Albert Camus, Caspar David Friedrich und sich selbst. Sie liebt Kaffee, Tanzen, Räucherstäbchen und Aktzeichnen, weiß aber ansonsten noch nicht ganz genau, wo der Weg hingehen soll.

Headerfoto: Spencer Backman via Unsplash. („Gedankenspiel“- Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!
Autorinnenfoto: © Miriam Spinnrath.

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