Himmlische Stunden auf dem Dach – Wie ein Tag im Frühling meine Melancholie verscheuchte

Es gibt Tage, die gelebte Träume sind. Davon hatte ich schon gehört. Glauben wollte ich es nicht. Aber irgendwann kommt der Augenblick, wo das Leben dich eines Besseren belehrt. Ein freier Tag, ein Tag ohne die kleinste Verpflichtung. Ein Tag, der den Frühling übte und dabei keine schlechte Figur abgab. Im Park lagen die ersten Sonnenanbeter. Nackte Oberkörper.

Ich setzte mich auf eine freie Bank. Atmete mit geschlossenen Augen die Frühlingsluft ein. Auf einmal dieser sanfte Würgegriff der Melancholie. Die fratzenhafte Gestalt, die sich nur schwer abschütteln ließ. Alles wird gut. Oder auch nicht. Wann? Bald? Nie mehr. Einsamkeit bis zum Ende aller Tage? Die Melancholie leistete ganze Arbeit und zog mich tief hinunter.

Die Leute behaupten immer, die grauen Herbst- und Wintermonate wären die Hölle für die Einsamen. Was für ein Irrtum! Der Frühling zeigt dir den Unterschied.

Die Leute behaupten immer, die grauen Herbst- und Wintermonate wären die Hölle für die Einsamen. Was für ein Irrtum! In der Stille und Dunkelheit lässt es sich ganz gut überleben. Außer an Weihnachten vielleicht. Aber das ist im Vergleich zum Frühjahr nur eine Randerscheinung. Der Frühling zeigt dir den Unterschied.

In den Parks und Straßen überall Paare. Lachend und küssend. Nahezu selbstgefällig ihr Auftreten. Sie geben dir das Gefühl, dass die Welt nur aus Paaren besteht. Du bist der einzige Loser weit und breit. Abgehängt vom wahren Leben, angehängt an die Verliererbahn. Immer tiefer hinab. Kein Licht am Ende der Abwärtsspirale. Nicht einmal das Flackern eines Teelichts.

Ich hatte genug gesehen und wollte nur noch raus aus dem Park. Plötzlich saß eine Frau neben mir, ganz unerwartet. Als wäre sie vom Himmel gefallen. Ich drehte den Kopf nach links und nach rechts. In unmittelbarer Nähe gab es genug freie Sitzgelegenheiten. Warum ging sie ausgerechnet bei mir vor Anker? Ich war ein wenig verärgert. Vielleicht wartete sie auf ihren Partner. Noch so ein Frühlingsspiel der verpaarten Verliebten und der zukünftigen Paare, die sich zum ersten Date im Park trafen.

Sie sah gut aus. Menschgewordener Frühling. Ich suchte krampfhaft nach einem Anknüpfungspunkt. Neben mir das unerreichbare Glück.

Gehen oder bleiben? Ich entschied mich fürs Bleiben. Sie rückte die Sonnenbrille zurecht. Fuhr sich durch die dunkelblonden Haare, halblang. Vertiefte sich in ein Buch. Das rote Kleid leuchtete. Sie sah gut aus. Menschgewordener Frühling. Weder zu jung noch zu alt für einen Mann meines Alters. Ich suchte krampfhaft nach einem Anknüpfungspunkt. Wortlos und untröstlich. Neben mir das unerreichbare Glück.

Ich hatte verlernt, wie man eine Frau ansprach. Wenn ich es überhaupt jemals gekonnt hatte. Das war eben nicht wie Fahrradfahren, das angeblich niemals verlernt wurde. Nichts geht. Absolut. Nichts. Gehen und einsehen, dass es tatsächlich aussichtslos war. Im Aufstehen wünschte ich der fremden Frau noch einen schönen Tag. Keine Ahnung, warum mir diese neudeutsche Floskel herausgerutscht war. Aber sie entlockte meiner Banknachbarin ein Lächeln.

Ich bemerkte es gerade noch. Setzte mich wieder. Suchte nach einem Anfang. Schwieg meine Sehnsucht in die frühlingslaue Luft. Lauschte auf einmal einer Stimme, die an Tina Turner erinnerte.

Sie fragte, ob ich ihr Reisebegleiter sein wolle. Ich bejahte, ohne lange nachzudenken.

Sie sagte Schönes. Sie sagte, sie sei zu Besuch in der Stadt. Sie fragte, ob ich ihr Reisebegleiter sein wolle. Ich bejahte, ohne lange nachzudenken. Ich hatte keine Ahnung von den Sehenswürdigkeiten. Ich wusste nicht einmal, ob es hier überhaupt etwas Besonderes zu sehen gab. Ich lebte selbst erst seit knapp einem halben Jahr hier. Ich kannte die Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe meiner Wohnung, ein paar Kneipen, den Weg zu meinem Arbeitsplatz.

Wir liefen los. Im Tempo zweier Flaneure, die unendlich viel Zeit hatten. In der Fußgängerzone blieb sie vor jedem zweiten Schaufenster stehen. Ich deutete auf ein Café in der Nähe. Sie nickte. Wir saßen draußen und schlürften Prosecco. Sie küsste mich auf die Nasenspitze und lachte wie ein kleines Mädchen. Wir redeten nicht viel. Ein einvernehmliches Schweigen. Später gingen wir Hand in Hand. Viel Zeit war vergangen.

Wir gelangten zu einem gepflasterten Platz. In der Mitte ein großer Brunnen. Auf dem Rand saßen Menschen. Einige streckten die nackten Füße in das Wasser. Am Rand des Platzes ragte ein Hochhaus in den frühlingsblauen Himmel. Das Gebäude hätte die Wolken angekratzt, wenn welche vorhanden gewesen wären. Ein Hotel.

Sie zog mich weiter. Zu diesem Hotel, das 35 Stockwerke hoch war. Es gab eine Dachterrasse. Der Fahrstuhl brachte uns in die letzte Etage. Wir mussten noch ein paar Treppen hochsteigen. Aufgeregtes Lachen. Der Besuch der Dachterrasse kostete Eintritt. Der Ausblick auf die Stadt war jeden Cent wert. Wir waren allein. Liegestühle in einer Größe eher für Kinder geeignet. Der erste Kuss, bevor wir uns setzten. Zärteln mit den Händen. Küsse.

Wir betteten uns auf die Holzbohlen. Kuschelten uns in zwei Decken. Berührten uns. Küssten uns. Liebten uns. Schliefen ein.

Der Abend dämmerte. Ein paar junge Leute schossen Selfies. Verschwanden bald wieder. Nur sie und ich blieben. Es kühlte ab. In einer Ecke fanden wir einen Stapel Decken. Wir betteten uns auf die Holzbohlen. Kuschelten uns in zwei Decken. Berührten uns. Küssten uns. Liebten uns. Schliefen ein. Wachten auf. Menschengelächter. Es war uns egal. Irgendwann waren wir wieder allein und eins mit uns.

Ein fast voller Mond. Ein Grinsegesicht. Alles begann von vorne. Zärteln, küssen, lieben. Zartstunden. Wortlos. Jede Berührung ein sanftes Ausrufezeichen. Versprechen für die Zukunft. Daran wollte ich nicht denken. Nicht jetzt. Jeder Augenblick eine Ewigkeit. Ein sanfter Wind. Der Mond verschwand um die Ecke. Wir. Nur wir.

Als wir die Augen öffneten, dämmerte der Morgen. Falls Vögel zwitscherten, wurden die Morgengrüße vom Verkehrslärm geschluckt. Ich wünschte, es wäre wieder Nacht. Ich wünschte, es würde ewig Nacht bleiben. Sie wickelte sich aus der Decke, zog an, was sie ausgezogen hatte. Mit Verzögerung tat ich es ihr nach. Dann standen wir vor verschlossener Tür. Sie wurde erst am Nachmittag geöffnet. Eine junge Frau lächelte und wünschte uns noch einen schönen Tag.

Oliver Killisch ist im ruhigen Ostfriesland aufgewachsen und ist ständig auf der Jagd nach neuen Herausforderungen. Am liebsten schreibt er Geschichten aus dem Leben, mal traurig, mal lustig, aber immer echt. Er glaubt an die wahre Liebe auch, wenn diese gerne Umwege nimmt. Mehr von ihm könnt Ihr auf seinem Blog Love Repair lesen.

Headerfoto: Stockfoto von Impact Photography/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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