„Hi, wie geht’s?“ – Über eine zu Unrecht verpönte Frage im Online Dating

Hi, wie geht es Dir? – Mir geht´s gut und selber? – Danke, der Nachfrage … und …

Im besten Fall kommt danach ein tiefergehendes Gespräch. Zwischen meinen Freunden und mir ist das üblich. Und ja, unsere Gespräche beginnen meistens mit einer tagesüblichen Grußformel, also so etwas wie „Moin!“ oder „Hey!“ oder „Guten Abend!“ und manchmal ein einfaches „Na?“. Darauf folgt dann auch ein „Wie geht´s?“. Gedanken machen wir uns darüber gar keine.

Geantwortet wird auch meistens ehrlich, also entweder mit „Gut“ oder eben „Nicht so gut“ und dann wird auch bei Bedarf nachgehakt, ohne dass es langweilig wird oder den Eindruck erweckt, dass es eine Standardfrage ist. Denn mich interessiert es wirklich, wie es meinen Freunden geht und umgekehrt habe ich genauso das Gefühl, dass meine Freunde es ernsthaft wissen wollen.

Um ganz ehrlich zu sein, interessiert es mich auch bei meinen Mitmenschen, wie es ihnen geht. Wie diese dann darauf antworten, bleibt ihnen aber selbst überlassen.

Ein „Hi, wie geht´s?“ als Startfrage kann schon gleich das Ende bedeuten.

Eine Standardfrage soll es aber laut vieler Menschen im Onlinedating sein. Da kann ein „Hi, wie geht´s?“ als Startfrage schon gleich das Ende bedeuten. Entweder wird darauf nicht geantwortet oder das Gespräch gewinnt gar nicht erst an Tiefe. Ja, diese einfache Frage nach dem Wohlbefinden (der aktuellen Gefühlswelt) soll angebliches Desinteresse implizieren. Dabei sind es ja nur die Gedanken, die diese Frage mit Desinteresse in Verbindung bringen, meiner Meinung nach.

Denn ob es wirklich Desinteresse ist, kann man vorher nicht wissen, außer man denkt, dass es so ist. Möglicherweise liegt es auch daran, dass man selber das Interesse am eigenen Wohlbefinden verloren hat, es schlichtweg verdrängt und deswegen nicht mehr wahrnehmen bzw. spüren kann. Ob das wahr ist?

„Es ist einfach nur so unglaublich nichtssagend für die erste Kommunikation. Als ich noch in Singleportalen angemeldet war, habe ich auf solche Anschreiben gar nicht reagiert. Man weiß dann doch gleich schon, dass sich nichts weiter entwickelt und das Ganze auf oberflächlichen Smalltalk hinausläuft.“ (Silke H.)

Früher war es ja noch höflich, den anderen nach seinem Wohlergehen zu fragen. Heute wird es vor allem im Onlinedating als Zeichen von Desinteresse, chronischer Langeweile oder eben als Standardfrage abgetan. Dabei finde ich es persönlich gar nicht so schlimm, danach gefragt zu werden, wie es mir geht.

Ich weiß das nämlich mittlerweile ganz genau. Im Gegensatz zu früher, als ich mir über genau diese Frage den Kopf zermartert habe. Ich hatte keinerlei Zugang zu meinen Gefühlen und wusste nicht, wie ich antworten sollte. Ich wollte weder „Gut“ schreiben, wenn ich „Schlecht“ meinte, wollte aber auch nicht „Nicht gut“ schreiben, um mir Problemlösungs- bzw. Problemerörterungsgespräche zu ersparen. Dass daraus so ein Gespräch werden könnte, waren jedoch meine Gedanken. Es hätte auch anders laufen können. Heute kann ich immer ehrlich auf die Frage antworten.

Früher war es ja noch höflich, den anderen nach seinem Wohlergehen zu fragen. Heute wird es im Onlinedating als Zeichen von Desinteresse abgetan.

Die Wahrheit ist, mir geht es gut. Ich habe eine Vermutung, warum das so sein könnte, aber bevor ich mich dazu äußere, möchte ich nochmal kurz erwähnen, was mir bei meiner Umfrage auf Facebook aufgefallen ist. Sprich, welche Antworten ich zum Teil erhalten habe.

„Die Frage ist nicht schlimm, aber die meisten Menschen lügen halt auf diese Frage.“ (Kerstin S.)

„Ich glaube, dass es keinen so richtig interessiert.“ (Nicole P.)

Ich könnte fragen, liebe Kerstin, ist das wahr? Warum glaubst du, dass andere Menschen lügen? Ich könnte auch Nicole fragen, ob sie sich sicher sein kann, dass das wahr ist, also dass sich wirklich kein Mensch dafür interessiert. Ich gebe zu, ich habe nachgefragt. Und beide haben geantwortet, wie, so glaube ich, jeder antworten würde, der das so sieht. „Ich habe es immer so erlebt“ oder „So sind meine bisherigen Erfahrungen“.

Ohne mich jetzt über diese beiden Frauen zu stellen, aber ich habe dabei großes Mitgefühl empfunden. Die Antworten erinnerten mich an mich selbst, an meine Kindheit und an das, was ich lange Zeit dachte. „Meine Gefühle sind nicht wichtig“, „Was ich fühle, ist egal“. Die anderen sind wichtiger als ich.

Traurig. Aber ist das wahr?

Kommen wir nochmal zur Ausgangsfrage: Warum ist ein „Hi, wie geht´s?“ für viele Menschen ein Problem? Warum fällt es so vielen Menschen schwer, darauf zu antworten? Warum glauben manche Menschen, sie müssten lügen oder unterstellen anderen eine Lüge, wenn es um die Beantwortung dieser Frage geht? Warum glauben so viele Menschen, dass andere sich nicht wirklich dafür interessieren? Was ist da passiert in ihrem Leben, dass die so denken (müssen)?

Wäre es nicht möglich, dass man dem anderen nicht glauben kann, möglicherweise, weil man selber etwas anderes wahrnimmt, empfindet oder denkt? Wäre es möglich, weil man einfach selber nicht weiß, wie es einem geht und man deswegen davon ausgeht, dass es der andere auch nicht wissen kann, wie es ihm geht? Wäre dem so, wäre das eine versteckte Projektion.

Möglicherweise haben Menschen deswegen vergessen, wie es ist, über die eigenen Gefühle zu reden.

Meine Vermutung ist aber eine andere, eine viel tiefer gehende. Sie hat was mit unserer Kindheit zu tun, wenn nicht gar mit unserer schlimmsten Verletzung, die wir erlebt haben. Dem nicht eingehen wollen oder können unserer Bezugspersonen auf unsere Gefühle. Möglicherweise konnten unsere Eltern nicht auf unsere Gefühle eingehen, weil sie selber mit ihren eigenen Gefühlen überfordert waren. Möglicherweise hatten sie selbst keinen Zugang zu ihren Gefühlen.

Vielleicht hatten sie auch selber den Glaubenssatz „Was ich fühle ist nicht wichtig“ und haben diesen dann unbewusst auf uns übertragen. So habe ich es zum Beispiel in meiner Kindheit erlebt. Möglicherweise ist es bei vielen Menschen ähnlich. Womöglich haben Menschen deswegen vergessen, wie es ist, über die eigenen Gefühle zu reden. Vielleicht haben sie auch Angst davor, verletzt zu werden. Möglicherweise ist es vielen Menschen auch egal. Ich weiß es nicht. Aber es interessiert mich wirklich.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie das hier lesen?

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Leonard Anders wurde im Jahr 2015 eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Kurz nach seiner mittleren Reife hatte er seinen ersten Zusammenbruch und mit ihm begann eine wahre Odyssee. Er war fast ein Jahr durchweg in der Psychiatrie, überlebte drei Suizidversuche, war obdachlos und kämpfte sich von ganz unten wieder nach oben. Nach erfolgreicher Aufarbeitung seiner verletzten inneren Kindanteile arbeitet Leonard Anders heute als Coach und Lebensberater und hilft Menschen dabei, ihre Glaubenssätze und Trigger aufzulösen. Er ist Autor des Buches "Ein Narzisst packt aus" erschienen im Mai 2018 im Tectum- Verlag.

1 Comment

  • Eigentlich ist superschade, „wie geht’s?“ auf so eine Bewertung mit „gut“ oder „mies“ herunterzubrechen. Mich interessiert die Geschichte dazu viel mehr als der Wert auf der Skala. Ich antworte gern mit mehr als „gut“ und der Gedanke, dass mein letztes erstes Date aus einem „Wie geht’s?“ entstanden ist, macht mich wirklich fröhlich.

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