Herbstgedanken & Hawaiitoast

Jede gute Story beginnt mit einem Rückblick, um dem Leser das Gefühl zu geben, auch wirklich an der Geschichte teilhaben zu können. So soll auch diese Geschichte mit einem Rückblick beginnen. Achtung!

Was bisher geschah: Nichts.

Das Interesse, nachfolgende Zeilen zu lesen, sollte spätestens jetzt geweckt sein. Ich hoffe, einige erkennen sich bereits hier wieder. Zumindest an manchen Tagen, wie diesem, den ich nachfolgend schildern und für die Nachwelt zugänglich machen will. Nahe Verwandte, eine Stufe über mir im Stammbaum, würden kommende Zeilen den Titel „Aus dem Leben eines Taugenichts“ verpassen. Der Sarkasmus wurde mir in die Wiege gelegt und so werden sämtliche Inhalte sarkastisch und in einer an Unerträglichkeit grenzenden Überspitztheit dargestellt – glaube ich zumindest. Aber lest selbst:

Es ist ein Montagmorgen. Der erste Montag einer zweiwöchigen freien Zeit, die sich „Ferien“ schimpft. „Morgen nehme ich mir mal nichts vor“, sagte ich mir gestern noch selbst – schließlich sehnt man sich im Alltagsstress immer danach, einfach mal nichts zu tun. Planlos in den Tag hineinzuleben und auf der Welle der sich-offenbarenden Möglichkeiten einfach mitzuschwimmen. Irgendwo liegt meine mit Sorgfalt angelegte to-do-Liste. Das, was es es heute zu erledigen galt, wurde aus weiser Voraussicht mit Bleistift notiert – dann kann man es wegradieren und an unterster Stelle ergänzen. Ich nenne es „to-do-Listen-Yenga“ auf dem Level „Prokrastination für Fortgeschrittene“.

Der erste Blick geht auf das Smartphone. Oh, neue Mails: GMX informiert! Mal im Ernst. Hacker stünden nach dem Knacken meines Passwortes vor der eigentlichen Herausforderungen, nämlich im Dschungel aus „GMX-informiert“ und „GMX-Vorteilswelt“ an wirklich brauchbares Material zu gelangen.

Als Zweites widme ich meine Aufmerksamkeit der Omnipräsenz von WhatsApp. Einige unwichtige Nachrichten in Gruppenchats werden angezeigt. Mal hier ein Bild vom Guten-Morgen-Cappuccino, mal da ein Bild vom Kind in einer Schlafposition, die so in dieser Art nie – ich betone, N-I-E- zuvor beobachtet werden konnte. Ich muss dazu sagen, dass ich mit meinen 25 Jahren in meinem Freundeskreis als Single, unverheiratet, ohne Kind, Hund, Katze, WC-Ente und Maus als absolute Minderheit gelte. Bei Freunden im Smalltalk über Hochzeitsdekoration, Babykost und  Elterngeld kann ich schon lange nicht mehr mithalten. Und überhaupt hab ich das Gefühl, ich bin kognitiv vor 3 Jahren stehen geblieben … Aber lassen wir das.

Nachdem ich das ganze Adressbuch und alle WhatsApp-Chats nach möglichen Aktivitäten für den Tag durchgestöbert hatte, kann man die gewonnenen Erkenntnisse in folgende 5 Kategorien einteilen:

  1. Jemand hat Zeit, wohnt aber am anderen Ende von Deutschland, ‚wo‘ da auf der Landkarte ganz unten links zu finden ist. Man verabredet sich für die nächsten Ferien.
  2. Jemand hat Zeit, wohnt in der nächstgrößten Stadt, aber man weiß nicht, wie man zusammentreffen soll – schließlich fehlt es an einem fahrbaren Untersatz und die Bahn streikt. Parfait!
  3. Es gibt Leute vor Ort, die keine Zeit haben, oder sie haben Zeit und würden sofort mit Croissants und Blumen vor der Tür stehen – aber dann heißt es wieder: „Du hast mir Hoffnungen gemacht.“
  4. Die Rubrik: Alte Schulfreunde. Wer kennt nicht das verbale Battle bezüglich „Weißt du noch damals …“-Themen aus einem unerschöpflichen Repertoire alter Geschichten? Genau von diesen muss ich mich jedoch noch seit dem letzten Klassentreffen erholen.
  5. Wer war eigentlich nochmal Jan*?

*Name von der Autorin geändert, damit sich die ohnehin
nicht angesprochen fühlende Person mit dem Allerweltsnamen
nicht angesprochen fühlt – man denkt halt mit.

Genau an Tagen wie diesen muss sich Alexander Marcus aus der Verzweiflung heraus Lieder wie „Hawaii-Toast“ oder „Papaya“ einfallen lassen haben.

Irgendwie hatte ich geahnt, dass der Tag für mich – den einzigen Single im Freundeskreis mit einer auf Unverständnis stoßenden spontanen Art – nur folgende zu bewältigenden Herausforderungen bereit hielt: Die figurbewusste Tafel mit 70% oder die Adipositas-Variante mit 50% Kakao? Und was kommt eigentlich heute Abend im Fernsehen? Welche Farbe hat meine erste eigene Weihnachtsbaumdeko? Klassisch rot oder lieber edel-weiß?

Ich fühl mich hintergangen. Hat mein Glückskeks nicht spannende Zeiten versprochen? Ich öffne erneut einen Keks: „Konfuzius sagt: Kommt das Glück, biete ihm einen Stuhl an“. Super Idee. Und wie muss ich mir das personifizierte Glück vorstellen?

Ein auf einem vierblättrigem Kleeblatt herbeigeschwebtes Schwein, das aus einer Konfettipistole goldene Hufeisen auf mich regnen lässt? Und überhaupt: Wer lässt denn diese absolute traditionelle Keks-Verarsche auf leicht beeinflussbare Leute los? Fehlt nicht unter jedem Spruch die Ergänzung „Alle Angaben ohne Gewähr“, damit diese in Deutschland überhaupt vertrieben werden können? Ich stell mir vor, wie diese Regel durchgesetzt wird, aber aufgrund fehlender Umlaute auf der chinesischen Tastatur unter Sprüchen wie „Konfuzius sagt: Essen und Beischlaf sind die beiden großen Begierden des Mannes – Alle Angaben ohne Gewehr“ steht und erinnere mich ganz multitask-like im gleichen Moment an das Gericht 99 bei meinem Chinesen um die Ecke, der lässig „Gas-Nudeln“ anbietet.

Zurück zum Thema. Es gibt Zeiten, in denen gar nichts zu funktionieren scheint. Selbst die neue Bekanntschaft, mit der man bis neulich noch tief in die Nacht geschrieben hat, meldet sich nicht mehr. Ganz plötzlich und ohne erkennbaren Grund. Aber das ist ja meistens so. Umso mehr man jemanden umschwärmt, desto stetiger sinken die Chancen auf Erwiderung. Der Spruch „Auf die Männer, die wir lieben und die Penner, die wir kriegen“ wird momentan von meinem Leben ein wenig zu ernst genommen. Aber vielleicht ist das fliegende Konfetti-Schwein nur kurz vom Kurs abgekommen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist dies der alles erklärende Grund. Was übrig bleibt, ist Schlafmangel, die ausgedruckte 2-seitige Bahnverbindung für das antizipierte Treffen und ein netter Chat, den man das ein oder andere Mal in einer sentimentalen Phase nochmal durchklicken wird. Unter Umständen werde ich ihn zur Selbstanalyse unter dem hab-ich-wieder-was-Falsches-gesagt-Aspekt genauer unter die Lupe nehmen. Vielleicht sollte ich mir das notieren. Mit Bleistift. Zum Wegradieren.

Letztlich ist das Leben nur so schön, wie man es sich macht. Ich stell die Musik auf laut, öffne WhatsApp und beginne Jan* zu schreiben. Mir ist aufgefallen, dass unsere letzte Konversation abrupt endete, da er mir schrieb: „Ich mach gerade meine Dehnübungen – nackt. Und danach mache ich das, was man eben so macht, wenn man Single ist.“ Ich frage mich, welchen Praktiken er sich zuwendet, wenn er zuvor Dehnübungen machen muss. Aber mal Spaß beiseite. Warum schreiben mir Männer sowas? Ich bekomme dieses Bild einfach nicht mehr aus dem Kopf! Vermutlich ist genau das seine Rache dafür, dass ich auf sein eindeutiges „du kannst auch gerne bei mir schlafen“-Angebot damals nach zwei Flaschen Rotwein nicht eingegangen bin und mit dem letzten Zug nach Hause fuhr. Ein Glück, wie sich nun heraus stellt.

Vielleicht ist er ja gerade weniger testosterongesteuert und hilft mir, die Zeit zu überbrücken, bis der Herbstregen aufhört und ich mich aufraffe, raus zu gehen.
Es geht zum Einkaufen – auf der Liste steht Hawaii-Toast.

Unsere Autorin ist seit neustem an einer Schule tätig und versucht Schüler für Mathematik und Psychologie zu begeistern. Sie selbst ist gute-Laune-süchtig, leidet unter akutem Sonnenniesen und mag verrückte Menschen. Ganz oben auf ihrer to-move-Liste stehen die Niederlande. Wegradieren is da nicht. 

Headerfoto: Alicia Soltani via Creative Commons Lizenz!

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