Festhalten oder gehen lassen? Warum das Loslassen manchmal so schwer ist

Da ist man einmal für die Bachelorarbeit auf Tinder unterwegs und Schwups, hat man den Mann fürs Leben gefunden. Sekunde, wo bin ich noch mal? Ach ja, auf Tinder. Dieser negative Beigeschmack ist aber auch unerträglich. Mimimi, ihr habt euch über Tinder kennengelernt? Kurze Schocksituation für alle Beteiligten, während es einfach mal fast sechs Millionen Menschen da draußen nutzen. Menschen, wie du und ich. Oder vielleicht gerade du und ich.

Also noch mal auf Anfang: Ich war auf Tinder unterwegs (nur im Zuge meiner Bachelorarbeit natürlich *hust*) und hatte ein Match mit einem Kerl, der 200 Kilometer von mir entfernt wohnt. Nach einer ausgelassenen Diskussion, wie wir uns überhaupt matchen konnten und ich schon in Gedanken dabei war, es Schicksal zu nennen, haben wir doch den Auslöser gefunden. Ich muss zwei Wochen (!!!) im Tinder-Stapel in Frankfurt a.M. steckengeblieben sein. Das aber nur als Nebensache, wobei ich doch gerne am Schicksal festhalten möchte und uns der Algorithmus zugeordnet hat.

Es war eine Unterhaltung, die gleich auf der richtigen Ebene war

Ab der ersten Nachricht war ich gefühlt hin und weg. Das Gespräch war ab der ersten Millisekunde einfach da. Aber nicht dieser langweilige Smalltalk mit „Wie gehts dir? Was studierst du? Und was machst du gerade?“, nein. Es war eine Unterhaltung, die gleich auf der richtigen Ebene war. Wir haben uns gegenseitig aufgezogen, konnten frech zueinander sein, haben mit der gleichen Meinung über ein Thema diskutiert und perfekt verstanden. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie wurden die ganzen anderen Tinder-Typen unwichtig.

Haltet mich für spirituell, aber ich muss sagen, dass auch unsere Sternzeichen perfekt zusammenpassen. Und noch eine viel wichtigere Information: Er hat am selben Tag Geburtstag wie mein Ex. Zufall? Ich glaube nicht. Warum ich das jetzt erzähle? Nun, wir befinden uns hier in einer großen Blase, wo noch alles heile ist. Wo die Welt super läuft, wo wir uns super verstehen und ich innerlich denke, dass das wie die Faust aufs Auge passt. Weil es wie die Faust aufs Auge gepasst hat. Dass es sich wie Schicksal angefühlt hat. Jeder, der seinen „Seelenpartner“ gefunden hat, weiß, wie sich das anfühlt.

Die Illusion platzt

Jetzt kommt aber die Nadel, die den Ballon zum Platzen bringt. Jeder Mensch hat negative Seiten, da gibt es keinen Zweifel. So toll ich ihn auch fand, seine Art, sein Aussehen, seine Stimme und sein Lachen; so hatte er auch Eigenschaften, die ich persönlich nicht so toll fand. Und neben diesen Eigenschaften ghostete er mich nach einem Monat täglichen Kontakts (wir waren bis dahin schon auf Snapchat gewechselt und nein, wir haben keine Nudes ausgetauscht). Irgendwo war ich verletzt, nicht weil er mich geghostet hatte, schließlich machte ich das selbst viel zu oft, sondern weil er keine Begründung angegeben hatte.

Ich war wütend. Wütend, dass er mir nicht einfach sagen konnte, dass er vielleicht jemanden kennengelernt hatte, dass er keinen Bock mehr auf mich hatte, dass ihn die Distanz genauso nervte wie mich. Dabei sei wichtig zu erwähnen, dass er zwei Tage zuvor Geburtstag hatte, ich ihm also gratulierte und er darauf mit keiner einzigen Reaktion antwortete. Ich hatte bis zu diesem Ereignis noch alle meine Dating-Apps installiert (für die Bachelorarbeit natürlich).

Also zog ich hier jetzt einen Strich, löschte meine Apps und Snapchat gleich mit. Ich wollte nicht sehen, ob er mir je wieder schreiben würde, schließlich waren ja schon fünf Tage vergangen und ich wollte auch nicht sehen, ob sich seine Entfernung bei Tinder zu mir änderte. Ich wollte ihn gehen lassen, wie er mich gehen lassen hat.

Der Kontakt entsteht erneut

Nach diesen fünf Tagen meldete er sich wieder. Eigentlich hatte ich Snapchat ja gelöscht, aber ich hatte im Gefühl, dass er sich wieder gemeldet hatte und installierte die App erneut. Und Schwups, wir hatten wieder täglich Kontakt. Alles war wie vorher. Wir machten einfach da weiter, wo wir aufgehört hatten. Was das mit den fünf Tagen war, sprach ich nie an. Ich hatte auch gar nicht das Recht…nein, Moment. Ich hatte schon das Recht zu erfahren, warum ich ohne Angaben für fünf Tage geghostet wurde.

Ich stand nur nicht in der Position, es zu sagen. Wir hatten uns ja bis dato noch nie gesehen und kannten uns von Tinder. Und jeder weiß, dass der Konkurrenzkampf bei Tinder groß sein kann. Ich hatte also keinen Grund, eifersüchtig oder besitzergreifend zu reagieren. Nichts desto trotz hatten wir wieder Kontakt, als wäre nie etwas gewesen und auch das Bauchkribbeln war wieder da.

Happy End?

Klingt fast nach einem Happy End. Ist es aber leider nicht. Ich weiß, dass es den richtigen Moment wahrscheinlich niemals geben wird und dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Ich wollte an dem allen festhalten. Schließlich passte hier alles. Die Freude, wenn eine Nachricht von ihm kam, war immer da. Haltet mich für naiv, ich tue es ja selber, aber das Gefühl konnte mir keiner meiner vorherigen Tinder-Typen geben.

Warum also nicht daran festhalten? Warum nicht an der Hoffnung festhalten und nie wieder loslassen? Warum nicht Risiken eingehen, wenn alles passt? Tja, weil das Leben nun mal kein Märchen ist und die Chance auf ein Happy End hier sehr gering war.

Ja ich weiß, Liebe kennt keine Grenze. Aber mein Kontostand leider schon.

Wenn das kein Märchen ist, wie sieht denn dann die Realität aus? Eher so: In kurzer Zeit werden uns nicht mehr 200km trennen, sondern sogar 500km. Ja ich weiß, Liebe kennt keine Grenze. Aber mein Kontostand leider schon. Und ich weiß, dass wenn man etwas will, dann klappt das auch. Aber man kann leider nicht mir nichts dir nichts aus etwas Schwierigem etwas Einfaches machen.

Außerdem würde ich hier nicht direkt von Liebe sprechen, sondern eher von einem Glücksgefühl durch ihn. Und an diesem Glücksgefühl möchte ich festhalten. Trotzdem: Immer auf das Bauchgefühl hören. Und das sagte mir ab einem frühen Zeitpunkt, dass wir uns nie sehen würden. Weil uns nicht nur bald eine große Kilometerzahl trennen würde, sondern Ende des Jahres sogar noch mal 50 Kilometer zusätzlich.

Lohnt es sich also an etwas festzuhalten, was einen glücklich macht, aber aussichtlos erscheint?

Ich weiß es nicht, sonst würde ich meine Frage selber beantworten und nicht im Strudel meiner Gedanken ertrinken. Ich befinde mich also irgendwo zwischen festhalten und gehen lassen. Eine zwischenmenschliche Beziehung mit jemandem zu führen, den man wahrscheinlich nie sehen wird, erscheint aussichtslos. Aber jemanden gehen lassen, der einem seit langer Zeit wieder gut tut, ist nicht viel besser.

I know, communication is the key, aber ich finde gerade meinen Schlüsselbund nicht. Sonst hätte ich ihn schon längst gefragt, wie er zu der Sache steht. Da habe ich aber Angst vor, dass er die Seile wieder kappt. Wäre schlussendlich aber auch ein Zeichen, dass er nicht der Richtige ist.

Also eine nackte Wahrheit an jeden da draußen, der genauso feststeckt wie ich: Stellt euch die Frage: Wollt ihr an etwas festhalten, was ausweglos erscheint, nur weil es euch gerade in diesem Moment glücklich macht? Oder wollt ihr es lieber gehen lassen und neues Glück suchen, wobei ihr letztendlich selbst die Quelle eures Glücks seid? Es ist okay, loszulassen. Aber es ist auch okay, an etwas festzuhalten, solange ihr euch selbst nicht verliert.

Mona: Schaut manchmal ein bisschen zu viel Netflix, liest zu viel, ist eher realistisch als romantisch und immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: „Warum?“

Headerfoto: Pasha Chusovitin via Unsplash („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Hallo Mona

    Ich frage mich, während ich deinen Text lese, warum besorgst du dir nicht einfach ein Ticket oder eine Mitfahrgelegenheit und triffst dich mit diesem Kerl? 200km ist ja nun nicht wirklich weit. Außerdem glaube ich das du im Anschluss viel klarer siehst und weißt was du möchtest. Vielleicht ist es ja auch gerade die Entfernung die den ganzen Reiz ausmacht?

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