Ey Liebeskummer, du bist zwar krass, aber wirklich nichts Besonderes

Der einzige Grund, warum ich mich traue, dem Internet von meinem Liebeskummer zu berichten, ist der, dass ich ihm seine Individualität stehlen möchte. Alle reden sich ein, ihr Liebeskummer sei was Besonderes, niemand auf der ganzen Welt könne die Verbindung, die man mit einem Menschen gehabt hat, nachvollziehen und so sei auch der eigene Schmerz wahnsinnig unerreichbar für alle anderen. 

Das stimmt aber nicht und letztendlich sind wir Menschen auch nur ein riesiger Stuhlkreis, in dem wir Liebeskummer weitergeben wie die Wörter bei „Stiller Post“. Wohle dem, der sie nicht versteht. 

Mit Liebeskummer kennt sich ja so ziemlich jede*r aus, daher weiß auch ich mittlerweile, dass er immer nur so tut, als sei er diesmal wirklich etwas ganz Anderes und Besonderes und diesmal würde man auch ganz sicher nicht so leicht über ihn hinwegkommen, also über ihn, den Liebeskummer und über ihn, den Menschen.

Das ist eigentlich lustig, weil man mit dem Kummer ein Tauschgeschäft eingeht. Dem Kummer widme ich meine Gefühlswelt und er redet mir dafür ein, dem Menschen immer noch nah zu sein. Dieser Deal ist so schrecklich und selbstgeißelnd, dass ich mittlerweile bezweifle, dass es die Liebe ist, die blind macht. Es ist der Schmerz.

Der Kummer als ständiger Begleiter

Der Kummer bekommt meinen Schlaf in der Nacht, er bekommt meine Träume, er bekommt meinen Willen, aufzustehen. Er nimmt sich ab und zu Tränen, wenn ihm danach ist. Aber er tut so, als wäre er fair, er gibt mir Dinge zurück: Statt meiner Träume bekomme ich seine in der Nacht und dann endlose Tassen Kaffee am Tag, damit ich ihn überstehe. An jeder Ampel werde ich gezwungen an ihn, also den Menschen, zu denken, obwohl ich das ja eh die ganze Zeit tue, weil wir mal gemeinsam an einer Ampel standen.

Und bei jedem Weizenbrötchen und auch bei jedem Körnerbrötchen und generell an jeder Bäckerei denke ich an ein gemeinsames Frühstück, weil wir auch das mal teilten. Dass mir kotzübel war, lässt mich der Kummer einfach vergessen. Unwichtige Information, weil es jetzt nur noch um das Schöne geht und nicht um die Gründe, warum jetzt das schöne Leben beginnen könnte. Ohne ihn, den Menschen.

So geht das dann mit den Stühlen weiter, weil wir mal auf welchen gesessen haben. Außerdem bekomme ich noch den Schmerz nach jeder einzelnen Erinnerung gratis dazu, dass das nun der Vergangenheit angehört. Die Stühle, Brötchen, die Ampeln und vor allem das gemeinsame Sitzen, Essen und Warten. 

Wenn der Tag gut läuft, läuft man an einem Kalender im Büro vorbei, auf dem “Never look back. You’re not going that way” steht, den man dann von der Wand reißen möchte und sich dann doch noch darauf besinnt, dass das Büro gerade das einzige Umfeld ist, in dem man keine erlebte Erinnerung hat, sondern nur eine gefühlte. Als man vor zwei Monaten ins Büro kam, an dem Tag, an dem man vielleicht ein rotes oder gelbes, allenfalls sehr schönes Kleid an hatte und sich darauf freute, abends mit ihm, also dem Menschen, ein Eis zu essen.

Als er, also der Kummer, noch überhaupt keine Rolle gespielt hat und man dessen Existenz weit weg gekonnt ignoriert hat. 

Am Ende jedes Gedankenkarrussels bleibt die Ratlosigkeit, wie es weitergehen soll, wenn man eigentlich gar nicht will, dass es weiter geht. Zumindest nicht ohne ihn.

Aber er war nie im Büro und hier an Ort und Stelle gibt es keine erlebte Erinnerung. Also kann der verdammte Kalender hängen bleiben. Was kann der denn auch schon dafür, dass zwei Menschen erwiesenermaßen getrennte Wege gehen sollten? Am Ende jedes Gedankenkarrussels bleibt die Ratlosigkeit, wie es weitergehen soll, wenn man eigentlich gar nicht will, dass es weiter geht. Zumindest nicht ohne ihn. Also ohne den Menschen, nicht ohne den Kummer. 

Eigentlich hätten wir wissen können, dass mit ihm, also dem Menschen, auch immer er kommt, der Schmerz. Wenn wir das wissen, denken wir, der Schmerz sei so individuell wie der Mensch, aber das stimmt nicht. Der Schmerz ist so individuell wie die Ampel, an der wir mal standen oder das Frühstück, das wir uns mal teilten. Man findet ihn an jeder Straßenecke.

Bei der Bäckerin, der das Lächeln heute schwer fällt, dem Bruder, der gestern spät nach Hause kam und heute verheult aussieht, der besten Freundin, die dich nachts um drei anruft. Den Menschen in der U-Bahn, die du alle nicht kennst, obwohl ihr dasselbe fühlt. Schmerz, Vermissung, Sehnsucht und vielleicht auch etwas Wut? Es ist immer dasselbe, es quält einen Tag und Nacht und ein einziges Mal will man dem Liebeskummer begegnen und ihn fragen, was er sich eigentlich einbilde, zu denken, er sei etwas Besonderes.

Headerfoto: Sharon McCutcheon via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

DEBBIE wollte eigentlich was mit Medien machen, ist dann aber doch im Steuerberatungsbüro gelandet. Wenn ihr sie da nicht trefft, versuchts mal bei amazed oder ze.tt – dort schreibt sie über Gefühle und das Erwachsenwerden. Auf Instagram gibts ihre Fotografien: Portraits & ab und zu (immer) Videos von ihrem Hund. Foto der Autorin: Karina Kortlüke.

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