Extreme Liebe – oder: Liebe mit ADHS

Seit einem knappen Jahr steht meine ADHS-Diagnose. Eine nicht unübliche Zufallsentdeckung, weil eines meiner Kinder ebenfalls diagnostiziert wurde und ich immer mehr Parallelen erkannte. Die hohe Impulsivität, die ausufernde Diskussionswut, der Wunsch sich kreativ auszuleben, die manchmal erdrückende Melancholie oder die Unfähigkeit, mich auf etwas länger zu konzentrieren.

Mein Kind und ich sind der Prototyp eines von ADHS Betroffenen. Damit fahren wir in der Regel auch ganz gut, zumindest so lange wir unter uns sind. Gemeinsam tolerieren wir unseren Hang zu Dramen, die chaotischen Schränke oder die tausend neuen Ideen und Interessen, die wir im Hyperfokus anfangs faszinierend, ziemlich wahrscheinlich aber später erdrückend langweilig finden.

Nur in der Begegnung mit der Außenwelt wird deutlich, dass etwas anders ist. Wir sind anders.

Nur in der Begegnung mit der Außenwelt wird deutlich, dass etwas anders ist. Wir sind anders. Zu Beginn schob ich all meine Unzulänglichkeiten auf andere. Auf meine Familie, meine ArbeitgeberInnen, meine Schulzeit, meine Partnerschaften. Auch mein Kind fuhr damit gut. Alle anderen haben Schuld und aus dieser Grübelspirale wieder herauszukommen, kostet mitunter Energie und viel Ruhe, um sich zu reflektieren. So viel Zeit gab ich mir aber leider oft nicht.

Großes Glück in neuen Partnerschaften

In der Liebe unter Einfluss von ADHS ist es nämlich so, dass der Körper den ganz gewöhnlichen Rausch der anfänglichen Verliebtheit auf ein zehnfaches zu potenzieren scheint und ich mich nicht nur schnell und häufig verlieben kann, sondern auch gleich immer und immer wieder denke „Der ist es jetzt!“.

Dabei sagte mein Partner vor nicht allzu langer Zeit zu mir, er habe zu Beginn Angst gehabt, ich könne ihn verschlingen und kurze Zeit später einfach wieder ausspeien. Eine Vorstellung, die gar nicht so weit hergeholt ist, leide ich doch auch bereits seit meinem 17. Lebensjahr unter einer Essstörung, die unter ADHSlerInnen gar nicht so ungewöhnlich ist. Ungewöhnlich scheint im Grunde fast gar nichts.

Zumindest nicht für mich selbst. Ich kenne mich ja nicht anders. Eingangs sehe ich jemanden, nehme ihn bis ins Detail wahr, prüfe auf Herz und Nieren und bin so schnell überzeugt oder eben genauso schnell wieder gelangweilt. Mein Gehirn sendet Signale an meinen Bauch und der kribbelt nun über Monate von früh bis spät für diesen einen Menschen – wenn der die Prüfung bestanden hat, meiner würdig zu sein.

Eingangs sehe ich jemanden, nehme ihn bis ins Detail wahr, prüfe auf Herz und Nieren und bin so schnell überzeugt oder eben genauso schnell wieder gelangweilt.

Gute Chancen hatten hier leider oft Männer, die wir als gemeinhin „schlecht für uns“ bezeichnen. Die kreativen Egomanen, die schweren Melancholiker, die mit der psychischen Auffälligkeit usw. Hauptsache sie gaben mir neue Impulse und auch manchmal das Gefühl, schwer erobert zu werden. Also nichts, was mit ihnen wirklich etwas zu tun hatte, und nichts, was ich tatsächlich bewältigen konnte.

Ich strenge mich also an, gebe richtig Vollgas und so eine erste Verliebtheitsphase kann mit mir mitunter stürmisch, sehr leidenschaftlich und grotesk kindisch ablaufen. Vor der Arbeit noch kurz auf einen Kaffee bei dir vorbeischauen? Klar, ich schaff das!

Mühe macht keine Mühe

Dass ich dafür mitunter eine Stunde zu Fuß gelaufen bin, weil ich meine Energie sonst nicht loswürde, habe ich dir natürlich längst erzählt, denn Achtung: ich erzähle dir von nun an im Grunde alles. Was ich in der U-Bahn beobachtet habe, wie ich mich auf Arbeit gefühlt hab, welches Stück Kuchen mir unterwegs nicht entgehen durfte und dann natürlich alles, was ich mir im Laufe des Tages an neuem (unnützen) Wissen angeeignet habe. So bin ich die Expertin in Sachen Politik, Gossip und Musikalben, für die sich David Bowie geschämt hat.

Mein Freund staunte zu Beginn nicht schlecht, als ich ihm von all meinen Weiterbildungen berichtete und den Nebenjobs, Hobbys und unzähligen Begegnungen (Liebschaften). Leben mit einem Menschen wie mir fühlt sich manchmal an wie 365 Tage Animationsprogramm.

Leben mit einem Menschen wie mir fühlt sich manchmal an wie 365 Tage Animationsprogramm.

Ich kaufe die schönsten Geschenke spontan im Vorbeigehen, aber soll ich geplant und gezielt suchen, bin ich schnell überfordert. Ich mache die nettesten Komplimente und finde an jedem noch so großen Blödsinn irgendeine Besonderheit.

Bist du interessant für mich, kannst du auf gepackten Koffern sitzen und dich auf Reisebuchungen einstellen, die ich jedoch oft bereue, weil in der Vorstellung eben doch alles schöner und bunter aussah als in der Realität.

Manchmal falle ich dann vor Erschöpfung in mich zusammen. Die wenigen Tage, an denen ich schlechte Laune habe, weil ich die Mimik des Freundes nicht deuten kann und in Grübeleien jede noch so kleine Option reflektiere, sind selten, kommen aber vor. Gut bin ich hingegen darin, Gedanken nachzuvollziehen, was mich dann wieder zur gefragten Gesprächspartnerin macht, die mit viel Empathie und Verständnis zuhört (ja, auch das ist hin und wieder möglich).

Wenn mein Hyperfokus dann auf negativen Dingen liegt, kann es schon auch einmal passieren, dass ich richtig unfair werde.

Leider rede ich aber auch genauso gerne dazwischen, weil ich sonst den Faden verliere oder den Eindruck habe, nur im permanenten Austausch interessiert zu bleiben. Für eine Partnerschaft sehr herausfordernd. Wenn mein Hyperfokus dann auf negativen Dingen liegt, kann es schon auch einmal passieren, dass ich richtig unfair werde.

Ich neige dann beispielsweise zu Sarkasmus und wenn ich eines kann, dann gut beobachten. Ich kenne die eigenen Schwächen genauso wie die des anderen. Eine schmerzhafte Erfahrung für uns beide, wenn ich wieder richtig mit Dreck schmeiße. Danach tut es mir unfassbar leid und ich verfluche mich.

Wo bleibe ich?

Ich verfluche mich aber genauso, wenn ich sehe, wieviel Liebe und Zeit ich in die selbstgebastelten Geschenke stecke. In die Postkarten an Freund:Innen, in die Adventskalender und Pakete für meine Familie und die Nachbarin. Ich verfluche mich deshalb, weil ich merke, dass mein eigener Briefkasten oft leer bleibt oder mir noch niemand einen Comic über mein Leben gezeichnet hat oder ein Buch über meine Mutterschaft geschrieben…

Ich finde mich also oft in dieser Welt nicht ohne Weiteres wieder und mutmaße daher manchmal, ein Alien zu sein. Mit dieser Scham eine Beziehung zu führen, ist nicht ohne. Zwischen großen Gefühlen der Zuneigung und nicht minder großen Emotionen des Selbsthasses, versuche ich dem Partner dann zu erklären, dass das zwar ich bin, aber auch irgendwie nicht.

Ich finde mich also oft in dieser Welt nicht ohne Weiteres wieder und mutmaße daher manchmal, ein Alien zu sein.

Sich in einen Menschen mit ADHS zu verlieben, ist gar nicht so schwer. Die Liebe aufrecht zu erhalten, für uns beide umso mehr. Denn es kostet Kraft, erfordert Willen und eine riesige Portion Humor. Ich versuche es ab morgen mit einem Medikament. Zumindest gut zuzuhören, ist mir ein Anliegen.

Wenn nicht meinem Gegenüber, dann wenigstens einmal mir. Denn was und wen ich will, unterliegt Schwankungen und mit zunehmendem Alter fühle ich mich bereit für meine persönliche Ankunft im sicheren Hafen.

Headerfoto: john vicente (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Laurine Lauretta, ein Perpetuum Mobile. Zwischen alleinerziehender Mutterschaft, pädagogischer Arbeit und Frausein, bleibt noch genug Zeit sich viele Gedanken um die Liebe, das Leben und allerlei Unsinn zu machen. Hier in Wort und Text.

2 Comments

  • Super beschreiben.
    Es fehlt aber so ein bisschen der positive Aspekt, wenn ein Partner ADHS hat.
    Schafft es der nicht ADHS Partner sich in die Sicht der Welt seine(r) Partner(in) rein zu denken, dann kann es schon eine tolle Partnerschaft werden.

    Ein großer Unterschied ist auch, ob man mittels Ritalin gut eingestellt ist oder nicht.
    Und ja, wir ADHSler machen zu viel im Dating Prozess.
    Mach die Hälfte von dem, was Du machen willst, ist ein guter Ratschlag an Betroffene.
    Einfach jede zweite Aktion nicht ausführen.

    Wenn man den Partner dann besser kennt, nach 6-7 Wochen, kann man die Karten offen auf den Tisch legen. Wenn man zu viel redet, zu viele Dates machen will. Einfach dem Partner sagen. “Hey, das ist mir jetzt alles ein wenig zu viel auf einmal. Können wir das etwas strecken?”

    Es ist halt wichtig, einen Partner zu finden, der es verstehen will.
    Am besten jemand, der auf andere Denkweisen steht.

  • Liebe Laurine,

    Wie wunderbar. Du lebst, liebst, fühlst, …. wie ich! Du beschreibst meine Gefühlswelt komplett, ich danke dir von Herzen, dass du so viel schriftlich erfasst hast, Gerade der Typus Mann’, den du beschreibst, ist mir sehr bekannt ….wo lebst du meine Liebe?

    Herzliche Grüße
    Verena aus Passau

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