Eine von vielen – wenn deine Affäre in einer offenen Beziehung lebt

Offene Beziehungen gehören mittlerweile so zum Zeitgeist, wie Tinder, Umweltschutz und die Quarter-Life-Crisis. Tausende Artikel drehen sich darum, wie es sich für ein Pärchen anfühlt, die Beziehung zu öffnen. Doch was ist mit den anderen? Die Affären, die sich mit einem dieser Menschen einlassen. Nicht alle von ihnen sind unbeschwerte Singles, die mitnehmen, was sie kriegen können. Sie werden in dem ganzen aufregenden Konstrukt oft vergessen und sind manchmal sogar die, die am meisten leiden.

Ich hole ein Glas Wein aus der Küche. Als ich zurückkomme, liegst du noch da. Nackt und entspannt mit zufriedenen Gesichtszügen. Ich lege mich zu dir, spüre die Nachbeben unserer Lust in der Luft. Es dauert nicht lange und unsere Gespräche driften in tiefe Sphären ab. Wir sezieren die Beziehungen zu unseren Eltern, finden genauso viele Parallelen wie Unterschiede in unseren Denkweisen und ziehen den Abend in die Länge.

Ich weiß, dass du nicht hier schlafen wirst. Ich habe auch kein Recht, das zu verlangen. Du hast eine Freundin – auch wenn sie von uns weiß.

Wir kuscheln nicht. Tun wir nie. Nur deine warme Hand liegt auf meinem Oberschenkel. Ich weiß, dass du nicht hier schlafen wirst. Ich habe auch kein Recht, das zu verlangen. Du hast eine Freundin – auch wenn sie von uns weiß.

Wir reden nicht oft von ihr. Nur ab und zu, aber das tut mir nicht weh. Am liebsten würde ich alles wissen. Alles von euch. Alles von dir. Doch auch dazu habe ich kein Recht. Habe ich überhaupt Rechte in dieser Zweisamkeit? Du hast mir von Anfang an gesagt, dass du in einer offenen Beziehung lebst und ich war damit einverstanden. Es kam mir gerade richtig. Nichts Festes, alles locker. Da konnte ich ja nicht wissen, was unsere Treffen mit mir machen.

Bist du weg, denk ich an dich. Bist du da, will ich dich. Ich spüre einen enormen Drang, zu deinem Leben gehören zu wollen. Ich bin gefesselt von deinen Erzählungen und den Impulsen, die du mir gibst. Auch wenn ein paar Jahre zwischen uns liegen, lässt du mich das nicht spüren. Im Gegenteil, du willst meine Sichtweise auf Dinge wissen. Du willst wissen, wie ich denke. Willst du auch wissen, wie ich bin?

Ich genieße es, in dieser Unsicherheit, nein, in dieser Hoffnungslosigkeit zu baden. Denn ich fühle etwas.

Freunde warnen mich: „Beende es. Es führt zu nichts. Die einzige, die am Ende leiden wird, bist du.“ Ich weiß das. Und trotzdem will ich mich mit vollstem Herzen hineinstürzen. Ich genieße es, in dieser Unsicherheit, nein, in dieser Hoffnungslosigkeit zu baden. Denn ich fühle etwas. Und wenn nach langer Zeit wieder Gefühle kommen, dann werde ich den Teufel tun, sie zu unterdrücken. Ich will, dass sie mich überschwemmen, weit wegtragen und vielleicht an einen anderen Ort, den ich vorher nicht kannte, wieder absetzen.

Was ich für dich fühle, werde ich dir nicht sagen. Wie viele es noch neben mir und deiner Freundin gibt, weiß ich nicht. Es würde unsere Treffen nicht verändern. Wenn du bei mir bist, dann bist du das komplett. Mit Körper und Geist. Und mit beidem bringst du mich zum Beben.

Du lässt deine Sexualität und deine Gedanken von niemandem einsperren. Ich kenne keinen freieren Menschen als dich. Und obwohl ich von dir gesehen und gewollt werden will, weiß ich, dass wir niemals zueinander finden können. Du wirst deine Freiheit nicht aufgeben und ich werde sie dir niemals geben können.

Du stehst langsam auf, ziehst deine Hose an. Du lächelst sanft. Ich versuche, die Enttäuschung in meinen Augen zu verbergen. Wann wir uns wiedersehen, wissen wir beide nicht. Das ergibt sich. Für dich, nicht für mich. Ich will nicht aufdringlich sein und frage nur selten nach einem Treffen.

Dann gehst du und ich sitze im Bett. Voller Gefühle. Dankbar, dass du in mein Leben gekommen bist. Auch wenn ich niemals die richtige Frau für dich sein kann.

Bevor du gehst und ich mich aufrichten will, sagst du immer das gleiche: „Bleib liegen.“ Dann kommst du, setzt dich neben mich und küsst mich. Du küsst mich, als wäre das normal, als würden wir das täglich machen. Ein kleines Lächeln, ein noch kleineres „Ciao“.

Dann gehst du und ich sitze im Bett. Voller Gefühle. Glück, Traurigkeit, Wut und Dankbarkeit. Dankbar dafür, dass du in mein Leben gekommen bist und es auf so viele Weisen bereicherst. Auch wenn ich niemals die richtige Frau für dich sein kann.

Josie ist fest davon überzeugt, dass jedes Treffen mit einem Menschen was zu bedeuten hat. Jeder Freund, jede Affäre und jeder Feind macht eine Person zu dem, was sie ist. Wenn sie nicht gerade durch die Clubs zieht und ihr freies Single-Leben zelebriert, setzt sie sich am liebsten auf ihre Fensterbank und liest. Alles, was sie in die Hände bekommen kann. Liebe, Sex und Emotionen sind ihre Lieblingsthemen und füllen 90 Prozent ihrer täglichen Gespräche. Und 100 Prozent ihrer Gedanken.

Headerfoto: Andreea Chidu via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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