Ein gemeinsamer Kakao aus dem Bordrestaurant: Wenn wir mutig sind und Fremde ansprechen

Noch fix den Koffer verstauen und dann geht’s Richtung Meer für ihn. Mit dem Gesicht der Meeresbrise entgegen. Sein bester Kumpel wird in ein paar Tagen mit Sand zwischen den Füßen heiraten und er wird sein Trauzeuge sein. Den Sand zwischen den Füßen spürten sie schon seit dem Kindergarten gemeinsam. Damals bauten sie die größte Sandburg, die ihre Kita je gesehen hatte. Selbst als sich ihre Wege fürs Studium trennten, verloren sie sich nie aus den Augen. Eine echte Sandkastenfreundschaft eben.

Beide führen eine Wochenendfernbeziehung. Für die Karriere sei es das Opfer wert, meinen sie und lügen sich insgeheim etwas vor.

Er selbst ist Solo unterwegs. Von Dating-Apps hält er inzwischen nicht mehr viel. Zu viele schräge Erfahrungen hat er dort mit der Zeit und bei seinen Verabredungen gemacht. Sein Blick schweift durch das halbleere Zugabteil. Er bleibt hängen bei einer jungen Frau mit Brille und rehbraunen schulterlangen Haaren. Sie sitzt ihm dem Gang entlang schräg gegenüber. Sie gefällt ihm und er überlegt, ob er sie ansprechen soll.

Sie selbst ist versunken in ein Buch und den Gedanken an ihren Freund. Er arbeitet am Meer für eine Uni. Beide führen eine Wochenendfernbeziehung. Für die Karriere sei es das Opfer wert, meinen sie und lügen sich insgeheim etwas vor. Nur eingestehen wollen sie sich das nicht, dass dieses Ding mit der Fernbeziehung nach über fünf Jahren nicht so recht funktioniert.

Eine Abfuhr im Zugabteil

Nach einigen Minuten nimmt er seinen Mut zusammen. Er steht auf, geht auf sie zu, nur um im letzten Moment dann doch an ihr vorbei zu gehen. Ihm geht der Arsch offensichtlich auf Grundeis. Bei den Dating-Apps ist das irgendwie einfacher, faselt er. Ein Kakao wird ihm sicher helfen und er geht ins Bordrestaurant, um sich Mut anzutrinken. Nach einigen Schlücken flüssigen Glücks spricht er sie, mit den aus seiner Sicht perfekten ersten Worten, an.

„Hallo, wohin bist du unterwegs?“

Sie reagiert genervt und angepisst auf sein freundliches Ansprechen. Sieht dieser Typ nicht den Ring an ihrem Finger, denkt sie sich und gibt ihm das deutlich zu verstehen: „Ich habe einen Freund!“, und zeigt auf den Ring am linken Zeigefinger. So als wäre es das unverkennbare Symbol dafür, dass eine Frau in einer Beziehung ist.

Er versucht noch sich zu entschuldigen, doch seine Worte verhallen in ihrem Kopfschütteln. So einen Korb hatte er lange nicht mehr bekommen. Da waren die schrägen Verabredungen durch die Dating-App irgendwie doch noch besser, geht ihm durch den Kopf. Leicht geknickt und völlig konsterniert geht er wieder auf seinen Platz und versucht sich den Korb nicht anmerken zu lassen. „Arrogante Ziege“, murmelt er vor sich hin.

Wenn der Mut überschlägt

Eine blonde, schüchtern anmutende junge Frau hat diese Szenerie verfolgt. Er hat sie noch nicht wahrgenommen, sitzt sie doch schräg hinter ihm und nippt an ihrem Kakao. Von dort aus konnte sie unbemerkt alles gut beobachten. Er gefällt ihr in seinen ausgelatschten Lieblingssneakern, dem blauen Hoodie und den kurzen straßenköterblonden Haaren.

In ihn kann sie sich so gut hineinversetzen. Erst vor ein paar Wochen hat sie von einem Typen einen ähnlich beschissenen Korb bekommen. Dieser meinte ganz trocken, dass sie für den Matratzensport wohl ganz gut sei, für mehr jedoch nicht. Sie selbst sucht etwas mit Substanz. Auf austauschbare Matratzenkontakte hat sie keine Lust.

Einfach mal mutig sein, geht ihr durch den Kopf.

Sein Mut und der Umgang mit der Abfuhr imponieren ihr. Einen Mann ansprechen gleicht für sie einer unüberwindbaren Hürde. Dagegen sei die Quantenmechanik auf Klingonisch zu erklären noch einfach für sie. Sein selbstbewusstes Auftreten und sein Mut scheinen etwas in ihr in Gang zu setzen. Wenn er das kann, warum denn sie nicht auch?

Einfach mal mutig sein, geht ihr durch den Kopf. So einen beschissenen Korb würde er ihr sicher nicht geben. Da ist sie sich sicher. Zudem findet sie es kacke, dass die Frau ihn so abgewiesen hat. Ein „Hey, danke für deinen Mut. Ich hab jedoch einen Freund, zu dem ich gerade fahre. Versuch es weiter!“ hätte es schließlich auch getan, denkt sie sich. Respektvoll und freundlich, statt gleich zerstörend zu reagieren.

Neue Anfänge mit himmlischem Kakao

Nach einem kurzen Chat mit ihrer drei Jahre älteren Schwester, kommt sie zu der Überzeugung, dass sie ihn einfach ansprechen wird. Geschlechterklischeerolle adé, nach denen Mann Frau immer ansprechen müsse. Er gefällt ihr eben. Diese Chance will sie sich nicht entgehen lassen. Viel zu lang und viel zu oft hat sie sich nicht getraut, die Männer anzusprechen, die ihr gefallen.

Wie soll sie ihn ansprechen? Sie ist so nervös und aufgeregt. Zum Glück würde er ihre Schweißflecken unter ihrer blauen Strickjacke nicht sehen. Ihre Schwester rät ihr durchs Telefon, dass sie sich mit einem Kakao zu ihm setzen soll. „Und wenn er keine Laktose verträgt?“, fragt sie ihre große Schwester verunsichert. „Na dann hast du im Zweifelsfall zwei Kakaos für dich, du Schokoholic“, witzelt ihre Schwester.

Mit zwei Kakaos, die sie aus dem Bordrestaurant holt, geht zu ihm. „Hallo, ich hab gesehen, wie die die Frau da drüben vorhin auf dich reagiert hat. Das war echt nicht in Ordnung von ihr. Ich hab dir einen Kakao mitgebracht, falls du magst.“

Sie beginnen, über unendlich viele Dinge zu reden. Die ganze restliche Zugfahrt über unterhalten sie sich. Wohin sie genau unterwegs sind, kommt nicht zur Sprache.

Er freut sich sichtlich über sie, ihre freundliche Art und den Kakao. Seinen eigenen hat er eben zur Korbbewältigung auf Ex ausgetrunken. Eine Laktose-Unverträglichkeit hat er nicht. Von ihrer Schüchternheit ist nach ein paar Sekundenstunden nur noch wenig zu spüren.

Sie beginnen, über unendlich viele Dinge zu reden. Die ganze restliche Zugfahrt über unterhalten sie sich. Wohin sie genau unterwegs sind, kommt nicht zur Sprache. Nur ein kurzes „zum Meer, liebe Menschen besuchen“, wird am Rande erwähnt. Zu viele andere Themen scheinen gerade wichtig zu sein. Die Nummer tauschen beide aus, denn auf einen Kakao wollen sie sich definitiv wiedersehen. Nur das Wann ist ihnen noch nicht bekannt, da ihre Kalender am Ufer der Spree geblieben sind.

Was beide nicht wissen, ist, dass sie sich auf einer Hochzeit ganz unverhofft wiedersehen werden. Ihre Schwester ist die Frau, die sein bester Freund in ein paar Tagen heiraten wird. Ob es dort Kakao gibt? Wer weiß das schon, wenn nicht die beiden.

Felix liebt Filterkaffee, Konfetti, laute und leise Gitarren, Poesie und gefühlt tausend andere Dinge. Mal ehrlich, direkt und frei nach Berliner Schnauze. Mal poetisch philosophisch und nichtssagend. Aber immer auch ein wenig selbstironisch. Ein Kopf, der sich in keine Schublade stecken lassen will, denn diese engen das Denken nur ein. Mehr von ihm gibt es hier.

Headerbild: Jp Valery via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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