Du bist mir so nah – und doch kann ich Dich nicht haben

Morgens 4:33 Uhr. Schlaftrunken schalte ich den Flugmodus aus und warte darauf, dass mein Handy mir die Nachrichten anzeigt, die ich seit gestern erhalten habe. Irgendwelche pseudo-witzigen Videos in irgendwelchen WhatsApp-Gruppen, aus denen ich längst austreten wollte, eine Rückrufbitte meiner Schwester und dann: Dein Name.

Erst bin ich irritiert und denke, dass ich mich verlesen habe. Immerhin bin ich ja noch gar nicht ganz wach. Als ich auf den grünen Button drücke, um mir Deine Nachricht durchzulesen, bin ich irgendwie aufgeregt. Du seist dieses Wochenende mal wieder in Hamburg. Eine einfache Frage: „Wollen wir uns sehen?“ – und dennoch löst sie eine Reihe von konkurrierenden Gefühlen bei mir aus.

Freude, Überraschung, Ungläubigkeit und vor allem: Unsicherheit. Auf jeden Fall möchte ich Dich sehen.

Freude, Überraschung, Ungläubigkeit und vor allem: Unsicherheit. Auf jeden Fall möchte ich Dich sehen. Aber ich habe Angst vor dem, was dieses Treffen mit sich bringt. Seit einem Jahr geht das mit uns schon. Sporadischer Kontakt und gelegentliche Treffen. Immer dann, wenn Du wieder mal hier bist.

Keine Ahnung, warum ich das überhaupt noch mitmache. Eigentlich bin ich bei sowas furchtbar strikt. Aber bei Dir ist das anders. Sobald Du in meiner Nähe bist, fühle ich mich wohl, kann mich fallen lassen. Du bist da, um mich aufzufangen. Und ich weiß, dass es Dir genauso geht. Und dennoch: Irgendetwas in mir sträubt sich. Ich bin hin-und-hergerissen, was ich Dir antworten soll.

Ich habe Bedenken, weil ich mir darüber im Klaren bin, wie es mir nach dem Treffen gehen wird. Dennoch sage ich zu. Wir machen eine Uhrzeit und einen Treffpunkt ab und Du sagst, dass Du Dich freuen würdest, mich wiederzusehen. Ich muss unwillkürlich lächeln und spüre ein leichtes Kribbeln im Bauch.

Auf einmal bin ich aufgeregt. Wird es komisch zwischen uns sein? Komme ich mit der Situation danach zurecht? 

Es ist Freitag und natürlich stehe ich im Stau, als ich nach Feierabend nach Hause fahre. Auf einmal bin ich aufgeregt. Wie wird unser Treffen ablaufen? Wird es komisch zwischen uns sein? Komme ich mit der Situation danach zurecht? Du rufst an. So schön, Deine Stimme zu hören. Auf einmal kann ich es kaum noch abwarten, dass wir uns gleich sehen werden.

Schnell fahre ich nachhause, ziehe mich um und beeile mich zu unserem Treffpunkt. Zum Glück habe ich keine Zeit, mir weitere Gedanken zu machen. Ich bin zu früh da und warte noch ein paar Minuten, die mir vorkommen wie Stunden. Ich habe schwitzige Hände, einen trockenen Mund und fühle mich wie 16 bei meinem allerersten Date mit dem Klassenschwarm.

Dann stehst Du vor mir und umarmst mich. Zu lange für eine normale Begrüßung – und doch leider viel zu kurz für mich.

Dann stehst Du vor mir und umarmst mich. Zu lange für eine normale Begrüßung – und doch leider viel zu kurz für mich. Eigentlich wollten wir uns nur für eine bis zwei Stunden auf einen Kaffee treffen. Doch die Zeit vergeht wie im Flug. Wir haben uns viel zu erzählen und ich merke, dass ich Dich doch mehr vermisst habe, als ich es wahrhaben möchte.

Wir gehen noch etwas essen und Du sagst Deine ursprüngliche Verabredung, deretwegen Du hergekommen bist, ab. Irgendwie freut mich das. Jedes Mal, wenn wir uns ansehen, liegt diese Spannung in der Luft und ich bin sehr aufgeregt, als wir später noch zu Dir gehen. Gleichzeitig habe ich Zweifel. Ist es das wert, dass es mir so schlecht danach gehen wird? Ich schiebe sie beiseite: egal.

Bei Dir angekommen, ist es kaum auszuhalten zwischen uns. Wie lächerlich ich es immer fand, wenn in den Hollywood-Filmen Ryan Gosling und eine seiner vielen Damen übereinander herfielen und sich die Klamotten vom Leib gerissen haben. Jetzt konnte ich es bestens nachvollziehen. Sex ist schön. Sex mit Gefühlen noch viel schöner. Und Sex mit Dir ist unbeschreiblich.

Sex ist schön. Sex mit Gefühlen noch viel schöner. Und Sex mit Dir ist unbeschreiblich.

Lange liegen wir uns in den Armen. Das Fenster sperrangelweit offen, hört man den Regen prasseln und in der Ferne ein paar Sirenen. Du streichelst mir durch die Haare, siehst mich an, aber keiner von uns wagt es, etwas zu sagen – um diesen Moment nicht zu zerstören. Wenn man Augenblicke abspeichern könnte, dann wäre dieser ganz oben auf meiner Speicher-Liste.

Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören.

Wer sich das ausgedacht hat, muss ein ziemlicher Idiot sein. Die nächsten Tage fühle ich mich, als würde ich in einer anderen Welt leben, zu der Du nicht gehörst. Wir schreiben ununterbrochen miteinander und trotzdem bist Du mir so fern. Wie jedes Mal nach unseren Treffen diskutieren wir darüber, wie es weitergehen soll.

Wir beide wollen etwas Festes – was für uns aber aufgrund der Entfernung nicht möglich ist. Resigniert versuche ich, meine Gedanken an Dich – bis wir uns wiedersehen – so gut wie es mir möglich ist, zu verdrängen.

Wie lange das noch so weitergehen soll? Ich weiß es nicht. Aber eins weiß ich sicher: Ich will nicht, dass es aufhört.

Lauri ist frisch vom Dreitausend-Seelen-Dorf in die Großstadt gezogen, durchlebt nun all das, was man vermeintlich in den Zwanzigern erleben sollte (oder auch nicht): Herzschmerz, neue und alte Freundschaften und der tägliche Kampf mit sich selbst. Die Anonymität hier ist rein aus Schutz vor möglichen Sexanfragen und der Angst, mit der täglich eintrudelnden Fanpost nicht mehr zurecht kommen zu können, gewählt.

Headerfoto: Nicolas Prieto via Unsplash.com. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt) Danke dafür.

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