Die Zukunft steht in den Sternen: Wieso ist die Esoterik plötzlich so gesellschaftsfähig geworden?

Egal ob ich durch Instagram scrolle, durch Zeitschriften blättere oder an Läden vorbei schlendere: Ich sehe sie mittlerweile überall: Mond und Sonne schmücken Ohrringe, T-Shirts und Schlafzimmer. 

Räucherstäbchen und Palo Santo begrüßen mich in den Wohnungen meiner Freund:innen und Edelsteine sind längst nicht mehr nur Schmuck. Egal ob in Form eines Kristall-Dildos, im Wasserkrug oder als Gesichtsroller aus Rosenquarz und Bergkristall. Astro-Apps halten mich auf dem Laufenden, wie die Sterne grade so stehen für mich und meine Klangschale läutet die nächste Meditationssession ein. 

Kann es sein, dass Esoterik plötzlich gesellschaftsfähig geworden ist? Beziehungsweise nicht nur gesellschaftsfähig, sondern sogar total maßgebend trendy?

Kann es sein, dass Esoterik plötzlich gesellschaftsfähig geworden ist? Beziehungsweise nicht nur gesellschaftsfähig, sondern sogar total maßgebend trendy? Woher kommt diese kosmische Verbindung plötzlich und was steckt dahinter? 

Fällt der Mode- und Lifestyleindustrie einfach nichts Originelleres ein oder feiern wir wirklich gerade unser kleines Sein als Teil eines großen ganzen Universums dieser transzendenten Wirklichkeit? Sind wir plötzlich ernsthaft tiefgründig geworden?

Feiern wir wirklich gerade unser kleines Sein als Teil eines großen ganzen Universums dieser transzendenten Wirklichkeit? Sind wir plötzlich ernsthaft tiefgründig geworden?

Ok, ich habe auch vor zehn Jahren schon mit Interesse (und natürlich Respekt) mein Horoskop in Bravo Girl, Mädchen und Co. gelesen und vielleicht auch mal kurz gecheckt, wie meine Lebenslinie so ausschaut. Aber habe ich das damals ernst gemeint, wirklich geglaubt? Und glaube ich das heute?

Alles nur Schall und Rauch?

Ich frage mich, ob dieses Phänomen etwas damit zu tun hat, dass wir als Gesellschaft gerade grundlegend verunsichert sind. Uns eröffnet sich ein Überangebot an Möglichkeiten, Grenzen verschwimmen, unsere individuelle Freiheit wächst und Halt bricht uns hier und da ein bisschen oder sehr stark weg. 

Steckt dahinter einfach nur die Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen oder Antworten auf grundlegende Fragen zu finden, gerade in Zeiten von Krisen? 

In Zeiten, in denen meine Oma vielleicht ihren Rosenkranz gezückt hätte, fange ich an, mein Räucherstäbchen zu zünden und mir mein Meditationskissen zu schnappen. Aber ist das nicht eigentlich das Gleiche in grün?

Steckt dahinter einfach nur die Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen oder Antworten auf grundlegende Fragen zu finden, gerade in Zeiten von Krisen?

Oder steckt hinter alledem einfach die absolute Zuspitzung unseres Individualismusdenkens? Sind wir mittlerweile so besessen davon, außergewöhnlich zu sein, dass es uns sogar unmöglich geworden ist, uns ausschließlich einer spirituellen oder religiösen Gruppe zugehörig zu fühlen? 

Wir sind nicht mehr nur Buddhist:innen, Christ:innen oder Agnostiker:innen. Nein, wir müssen uns unsere eigene Wahrheit, unsere eigene Wirklichkeit möglichst differenziert und einzigartig konstruieren, aus allem, was Spiritualität, Esoterik und die Religionen dieser Welt uns zu bieten haben.

Oder sind wir alle so in unserem gestressten Alltag gefangen, dass dieser neue Trend nichts anderes ist, als ein wohlklingendes, irgendwie cooles Wellnessmotto?

Nur Beauty war gestern, wer was auf sich hält, beschäftigt sich mit sich heute mit Körper und Seele. Badebombe reicht nicht mehr. Nein, es werden auch Kerzen entzündet, neben denen eine kleine goldene Buddha-Figur sitzt: Wellness braucht auch eine spirituelle Komponente – ganzheitlich ist das neue Ich.

Ich bin nicht sicher. Ist das alles total lächerlich?

Ich bin nicht sicher. Ist das alles total lächerlich? Und hat beispielsweise eine Religion mehr Anrecht auf Rechtmäßigkeit, Gültigkeit und Wahrhaftigkeit als mein Horoskop?

Oder ist das alles eigentlich egal und diese kleine Bisschen Spiritualität und Esoterik spendet uns einfach Trost, gibt uns ein bisschen Halt und ein bisschen Glaube daran, dass wir es schaffen können, dieses unfassbar beeindruckende, aber doch sehr seltsame Leben. 

Meine transzendente Wirklichkeit 

Wann immer ich einen Mondzyklus auf Instagram sehe, bin ich hin- und hergerissen zwischen einem verurteilenden „Wow wie absolut mainstream” und einem ziemlich begeisterten „Coolio“. Aber hey, bin halt auch nur ein Individuum von vielen.

Ich bin nicht sicher, ob ich daran glaube: an Horoskope und Energien und Sternzeichen und das ganze Zeug, und gleichzeitig bin ich mir sehr sicher, nicht wirklich daran zu glauben. Aber ist das nicht genau der Charme des Ganzen? Diese geniale Unverbindlichkeit, die Glaube haben kann. Ich mein, beweis mir mal das Gegenteil. 

Aber ist das nicht genau der Charme des Ganzen? Diese geniale Unverbindlichkeit, die Glaube haben kann. Ich mein, beweis mir mal das Gegenteil.

Über meinem Bett hängt ein Tuch von meiner Oma, auf dem die Elemente und Sternzeichen kreisförmig angeordnet sind, weil das ja was ganz anderes ist als ein Mondzyklus, jaja. 

Mein Freund hat letztens entdeckt, dass sein Sternzeichen gegenüber von meinem abgebildet ist und findet das ziemlich cool. Ich schätze, wir sind füreinander bestimmt, sagt das Universum und so.

Headerfoto: Mikhail Nilov von via Pexels. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

Nika liebt das Meer und frischen Wind in ihren Segeln. Besonders angetan haben es ihr außerdem Schweden und das Schreiben über aktuelle Themen, irrwitzige Gedanken und aufrichtige Gefühle, vor allem natürlich für die Redaktion von im gegenteil. An einem perfekten Geburtstag gibt es bei ihr Nudelsuppe von ihrem Opa und Vanillepudding von ihrer Oma.

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