Die Zeit heilt alle Wunden? – Nein, aber ich bin dankbar für jede Narbe

Bis die Wunden verheilt sind, dauert es so lange, wie die Seele es für richtig hält. Eine Trennung von einem Menschen kann sehr schmerzhaft sein, egal wie viel Zeit man miteinander verbracht hat. Ein Tag fühlt sich an wie eine Woche, ein Monat wie ein ganzes Jahr. Es kommt nicht auf die Dauer an, sondern auf die Intensität.

Ich habe gedacht, ich würde jetzt, wo ich doch schon so viele Erfahrungen gesammelt habe, deutlich schneller über eine Trennung hinwegkommen. Tja. Das hab ICH mir so gedacht. „Denkste, ich nehme mir die Zeit, die ich brauche“, flüsterte mir meine Seele zu.

Manchmal begegnen wir Menschen, die einen großen Fußabdruck in unserem Herzen hinterlassen, obwohl die Beziehung nicht lange angedauert hat. Ich wähle hier bewusst den Begriff Beziehung, denn jedes Mal, wenn wir uns auf einen anderen Menschen „beziehen“, gehen wir automatisch mit ihm „in Beziehung“.

Manchmal begegnen wir Menschen, die einen Fußabdruck in unserem Herzen hinterlassen, obwohl die Beziehung nicht lange angedauert hat.

Der Begriff hat meiner Meinung nach einen faden Beigeschmack bekommen, weil wir direkt an eine romantische Partnerschaft denken. Es sind Menschen, die uns bei der ersten Begegnung unheimlich vertraut sind, so als ob wir sie schon ewig kennen. Mit dem Verstand kann man so eine Begegnung nicht greifen und auch nicht erklären. Durch diese intensive Begegnung entsteht etwas Magisches. Sie gibt uns einen Vorgeschmack darauf, wie es sich anfühlt, unser vollstes Potenzial zu leben.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Diese Art von Begegnung bringt nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen mit sich. Nein! Diese besonderen Menschen sind in der Lage, alle Schattenthemen, die wir in unsere imaginären Keller eingeschlossen haben, in Nullkommanichts an die Oberfläche zu befördern.

Die Vergangenheit holt uns schlagartig ein. Verdrängte Ängste und alte Themen tauchen plötzlich wieder auf. Glaubenssätze werden durch unseren Verstand angefeuert und treiben uns dazu an, in alte Rollen zu verfallen.

Es ist ein Auf und Ab. Man befindet sich plötzlich in Machtkämpfen und Verstrickungen wieder. Gefühle von Macht und Ohnmacht wechseln sich ab und die Emotionen fahren Achterbahn.

Jede Anstrengung, die man unternimmt, um diesen einen besonderen Menschen zu vergessen, macht es nur noch schlimmer.

Ich habe in meinem Leben schon einige solcher Erfahrungen gesammelt und bin dankbar für jede einzelne dieser Begegnungen. Ich habe gelernt, dass jegliche Anstrengung, die man unternimmt, um diesen einen besonderen Menschen zu vergessen, es nur noch schlimmer macht. Jeder Versuch, nicht an diesen Menschen zu denken und ihn endlich loszulassen, raubt Energie.

Irgendwann habe ich kapituliert und die weiße Fahne geschwungen. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, an diesen Menschen denken zu dürfen. Meine Seele wollte einfach nicht loslassen, mein Verstand war natürlich anderer Meinung.

Ich habe mich mehr und mehr an die Situation gewöhnt und dann ganz plötzlich verstanden, dass diese Verbindungen niemals zu trennen sind. Mit jedem einzelnen dieser Menschen bin ich verbunden. Dafür braucht es keine physische Anwesenheit, dafür braucht es keine gelebte Partnerschaft. Je mehr ich damit Frieden geschlossen habe und in Demut begriffen habe, dass wir alle miteinander verbunden sind, umso schneller heilten die Wunden meiner Seele.

Demut, Dankbarkeit und Mitgefühl lassen das Herz öffnen und es ändert sich etwas. Die Wunde schließt und zurück bleibt eine Narbe, die an diese Zeit erinnert. Mein Herz ist voller Narben, jede von ihnen erzählt eine Geschichte und keine davon möchte ich vermissen, verdrängen oder gar ungeschehen machen. Diese Narben, mit all ihren Geschichten, machen mich einzigartig. Jeden von uns!

Mein Herz ist voller Narben, jede von ihnen erzählt eine Geschichte und keine davon möchte ich vermissen.

Jede Begegnung dieser besonderen Art hat etwas in mir ausgelöst, einen Stein ins Rollen gebracht. Ich durfte nicht nur erkennen, dass wir im Innersten miteinander verbunden sind, egal wie die äußeren Umstände auch aussehen mögen. Ich konnte mir auch endlich meine offenen Wunden anschauen, die ich seit meiner Kindheit mit mir herum geschleppt habe.

Jede Begegnung bietet uns die Chance, die Wunden, die tief in uns vergraben sind, zu heilen. Jede Begegnung birgt einen Schatz, den wir mit Hilfe des anderen an die Oberfläche befördern können. Vorausgesetzt, wir lassen es zu und stülpen nicht wieder den Deckel drauf, indem wir in die nächste Beziehung flüchten oder von einem Bett ins nächste hüpfen. Die Wunden können nur heilen und sich schließen, wenn man sie liebevoll pflegt und hegt.

Nehmen wir an, wir fallen hin und schlagen uns das Knie auf. Die Schürfwunde schmerzt, blutet und womöglich befindet sich Dreck in der Wunde. Wenn wir sie ignorieren, entzündet sie sich. Uns fällt es leicht, das Äußere, Sichtbare zu betrachten, aber warum fällt es uns so schwer die inneren Wunden zu pflegen?

Vielleicht sind wir hilflos und wissen nicht, wie wir diese Wunden versorgen können. Wir sagen uns dann Sätze wie: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Aber das ist Quatsch! Die Zeit heilt keine Wunden! Die Zeit kann uns helfen, wahre Meister im Verdrängen zu werden, aber heilen? Nein, heilen tut hier nichts.

Die Zeit heilt keine Wunden! Die Zeit kann uns helfen, wahre Meister im Verdrängen zu werden, aber heilen? Nein.

Viele von uns haben Angst. Angst davor, diesen scheinbar finsteren Kreaturen in unseren verschlossenen Kellern zu begegnen. Wir haben alle unseren Schmerz und unsere Enttäuschung tief in uns vergraben und mit einem Sicherheitsschloss verriegelt, um bloß nicht mehr daran erinnert zu werden.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich als kleines Kind durch den Keller geflitzt bin, aus Angst vor bösen Gespenstern. Der Keller war für mich kein schöner Ort. Doch jetzt als erwachsene Frau, gehe ich deutlich gelassener durch einen Keller. Es gibt keine Gespenster. Ich habe sie mir in meinem Kopf zurecht gesponnen. So wie wir alles, wovor wir Angst haben, in unserem Kopf zurecht spinnen. Es sind Hirngespinste! Angst ist eine Illusion, sie entsteht in unseren Kopf, aus unseren Gedanken. WIR machen sie erst real.

Wir können also gefahrlos die Tür in unseren imaginären Kellern öffnen und die scheinbar wilden Kreaturen willkommen heißen. Stück für Stück dürfen wir sie raus lassen und sie liebevoll anschauen. Im Tageslicht sehen sie gar nicht so schlimm aus. Und ja, vielleicht pocht die Wunde erst einmal und schmerzt, aber nur wenn wir sie versorgen, kann sie heilen, und zurück bleibt eine wunderschöne Narbe.

Steffi ist eine Frau mit vernarbtem Herzen, die Narben wunderschön findet, weil sie uns Geschichten über das Leben erzählen und uns daran erinnern, dass es immer weiter geht, egal wie schmerzhaft das Leben manchmal erscheint. Meine Seelengespräche erzählen vom Leben, von meinem Leben und meinen Erfahrungen, die ich durch das Schreiben verarbeite und mit anderen teilen möchte.

Headerfoto: Analise Benevides via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

2 Comments

  • Danke für diesen wunderbaren Text,, der mir aus der Seele spricht! Manchmal begegnen einem Menschen, die dein Herz berühren, ob du es willst oder nicht, und jeder Versuch, diesen Abdruck, wie du es nennst, glatt zu streichen, ist zum Scheitern verurteilt….

  • Der Text hat mir sehr gefallen. Nicht nur wegen der Schreibweise sondern ganz klar auch wegen der Art und Weise, wie du mit der Thematik umgegangen bist. Kann ich dich auch privat zu diesem Thema kontaktieren?

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