Die Sache mit Skinners Maus – Warum uninteressierte Menschen interessant werden

„Es gibt doch dieses Experiment mit Mäusen.“ sagt Sara. Wir sitzen am Holzmarkt.

Während Nicole und Marie sich auf den Weg machen, eine weitere Flasche Wein bei Markus zu ordern, klagen Sara und ich über diese Art zwischenmenschlicher Beziehungen, bei denen die eine Person in der abwartenden Rolle verharrt, während die Andere hin und wieder kleine Bröckchen hinwirft.

„Weißt du welches ich meine?“ Ich runzele die Stirn. „Das, indem Mäuse in einem Käfig, nach dem Ertönen eines Geräusches in eine Ecke laufen, um einen Schalter zu drücken. Der ihnen dann Futter freigibt.„ „Ah ja, das kenne ich.“ sage ich. „Konditionierung, nach Skinner.“

„Irgendwie habe ich das ganz oft im Kopf, wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe. – Die Mäuse laufen ja dann auch irgendwann ohne ein Geräusch zum Schalter.“ schiebt sie hinterher. So wie wir, ständig auf das Handy gucken, obwohl es keine Nachricht gibt.

Geknistert hat es nicht. Dennoch hatte ich bei der Verabschiedung das Gefühl, dass es schon schön wäre in Kontakt zu bleiben.

Ich hatte kurz zuvor Rosie kennengelernt. Wir waren an einem Abend zusammen in Mitte aus. Im Lokal. Bei Kalbsbäckchen und Birnenschorle sprachen wir über Kunstaustellungen, unsere Jobs, ihr politisches Engagement und über meine Idee mit einem Eis-Business in Berlin scheichartig reich zu werden. Es war ein schöner Abend. Ich fand sie interessant. Geknistert hat es nicht. Dennoch hatte ich bei der Verabschiedung das Gefühl, dass es schon schön wäre in Kontakt zu bleiben.

In den darauffolgenden Tagen schrieben wir einander. Und irgendwann äußerte ich den Wunsch sie wiederzusehen. „Als Kulturbegleiterin bist du willkommen.“ beantwortete sie meine Nachricht. „Und hör nicht auf zu fragen“ schob sie hinterher, als sie meinem ersten Kultur-Vorschlag aufgrund von beruflicher Abwesenheit nicht zustimmen konnte.  Wir schrieben weiter und machten einen Termin für einen Ausstellungsbesuch im nächsten Monat aus.

Sie machte sich rar und das machte sie interessant.

Kurze Zeit später wurden die Unterhaltungen, die anfänglich inhaltsreich waren, zunehmend kürzer und teilweise lediglich mit Emojis beantwortet. Es kam generell wenig. Sie machte sich rar und das machte sie interessant.

Als sie die Verabredung kurzfristig absagte war ich enttäuscht. Mehr von mir, da ich in den vergangenen Tagen die Anzeichen sah und mich die lieblos dahingeschrieben Antworten auch nicht zufriedengestellt hatten. Ich melde mich nicht mehr, dachte ich mir und löschte sie aus meinen Kontakten. Ein paar Tage später kam eine Nachricht. “Wie war es bei der Ausstellung? Ich bin wieder heile.“  Sie würde sich in der Woche nach ihrem Urlaub melden, um ein Treffen auszumachen, sagte sie mir zu.

Die Maus wartete auf ein Geräusch.

Die Maus wartete auf ein Geräusch. In meinem Traum verarbeitete mein Gehirn die weinlastigen Holzmarkt-Gespräche des Abends und ich wachte am nächsten Morgen mit Verzückung über meine eigenen Gedanken auf.

Vielleicht hätte ich besser daran getan, wenn ich mit den ersten Anzeichen eine Maus gekauft hätte, denke ich. Eine, die bei jeder ankommenden Whatsapp-Nachricht von Rosie durch Auslösen des Schalters nicht nur ihr Futter erhält, sondern dabei im Hintergrund einen Prozess anwirft, bei dem ein Random Emoji aus einer Datenbank gezogen und in einer Nachricht an sie zurückgeschickt wird… Automatisierung 2.0. Ohne mich, ohne Stress.

Meine Maus wäre wohl in manchen Phasen verhungert, in anderen hätte sie sich gnadenlos überfressen.

Später am Tag treffen wir uns erneut am Holzmarkt und ich erzähle den Mädels von meiner Idee. Sara lacht und sagt: „Meine Maus wäre wohl in manchen Phasen verhungert, in anderen hätte sie sich gnadenlos überfressen.„

„Meine hätte sich törichterweise während einer Mästungsphase ein zusätzliches, längeres Bein wachsen lassen, damit sie schneller am Schalter ist.„ fügt Nicole hinzu.

„Wir sollten in diesem Zusammenhang am besten gleich über ein Mäusekrematorium nachdenken.“ sage ich. Wir lachen und stellen uns vor, welchen Eindruck es machen würde, wenn wir beim nächsten Date gleich vollbepackt mit Maus und Krematorium auf den Tisch hauen würden.

„Sagt mal, noch nen Wein, Mädels?“ fragt Markus. Wir nickten. Nachdem von Rosie nach ihrem Urlaub kein Terminvorschlag kam, verabschiedete ich mich mit den Worten: „Ich kapituliere.“ Ihre Antwort: „Ich wollte dir heute schreiben!“

In Gedanken sehe ich meine Maus den Schalter umlegen.

Kptn Luchs liebt Geschichten. Die, die ihr Leben schreibt, hält sie in einem Logbuch fest. Und hin und wieder findet eine davon, in einer Flaschenpost, den Weg ans Ufer.

Headerfoto: Stockfoto von JKstock/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.