Die Prüde und das Biest: Was machen Pornos eigentlich mit unserem Beziehungsleben?

Pornos – viele gucken, keiner gibt es zu. Nie war es so einfach, schnell und diskret an Pornografie zu kommen, wie in Zeiten des Internets. Aber was macht das eigentlich mit unserem Beziehungsleben und ist man, wenn man gerne viel Pornos guckt, automatisch süchtig? Ich hab da mal was vorbereitet!

Es ist Sonntagabend, ich sitze auf der Couch und scrolle wenig begeistert, aber umso uninspirierter durch den Berliner Jodelfeed. Früher war alles besser, denke ich mir, denn mittlerweile liest man eigentlich immer dieselben Antworten auf immer dieselben Fragen.

Aber bald  stoße ich auf einen Jodel von einer, nennen wir sie Mausi oder Hasi – ist auch egal, jedenfalls hat sie was auf dem Herzen. Sie schreibt: “Mein Freund guckt lieber Pornos, als mit mir Sex zu haben – was soll ich nur tun?” Die Jodelgemeinde enttäuscht einen nie, besonders nicht bei Fragen rund um die Themen Sex und Pornos. Und so erfolgt die erste Antwort bei solchen Fragen eigentlich immer in folgender Gegenfrage: “Vielleicht bist du einfach hässlich?”

Da Mausihasi sich vermutlich eine andere Antwort erhofft hatte und ich nun neugierig bin, was es sonst noch für Gründe geben könnte, mache ich mich an die Recherchearbeit.

Was finden (besonders) Männer an Pornos eigentlich so geil?

Es seien tatsächlich eher Männer, die sich von Pornografie begeistern ließen und somit auch tendenziell öfter einer Sucht verfielen, “[d]enn sie reagieren stärker auf visuelle Reize als Frauen”, verrät mir ein Artikel der rheinischen Post. Mitverantwortlich für die gesteigerte Lust insbesondere von Männern an Sexfilmen sind die sogenannten Spiegelneuronen. Diese nämlich lassen empathische oder in diesem Fall für visuelle Reize empfängliche Menschen das empfinden, was einem Gegenüber – ob nun im Real Life oder auf einem Bildschirm – passiert. Aha.

Für manche Männer fühlt sich demnach das Anschauen eines Pornos in etwa so geil an, wie selbst Sex zu haben. Dopamin als Botenstoff sorgt bei der Wahrnehmung von sexuellen Reizen für das Empfinden von Lust und Glück. Erstmal kein Problem, klingt doch ganz gut. Aber ab wann wird das Konsumieren von Pornos geiler, als selbst wirklich echten Sex zu haben? Und: Ab welchem Maß wird der Konsum von Pornografie ein Problem für Menschen in Beziehungen und deren Partner*innen?

Pornos – jetzt auch als Sucht verfügbar

In Deutschland leben, laut einem Artikel der Welt, zwischen 200.000 und 500.000 Menschen mit einer Internet-Sexsucht. Wie viele es ganz genau sind, lässt sich allerdings nicht eindeutig sagen. Viele Menschen sind sich ihrer Sucht womöglich auch gar nicht bewusst, ist das Suchtmittel doch legal und kostenlos überall im Netz erhältlich. Und im Gegensatz zur Alkohol-, Drogen- oder auch Zigarettensucht gibt es anfänglich keinerlei “Katererscheinungen”.

Das Verlangen nach Pornos ist dennoch zu vergleichen mit dem Verlangen nach jedem anderen Genussmittel auch; läuft also nach dem gleichen Schema ab wie eine Substanzabhängigkeit oder Verhaltenssucht. Je öfter man konsumiert oder das “Glücksknöpfchen” drückt, desto mehr gewöhnt sich das Gehirn an das gute Gefühl, das man danach hat. Und desto öfter verlangt es nach einer Wiederholung. Warum auch nicht? Gilt Masturbation – mit oder ohne Pornos – in aufgeklärten und sex-positiven Gesellschaft doch erst einmal als sehr gesund.

Auch beim Thema Masturbation gebe es Leute, die den “Aus-Schalter nicht finden”.

Sie baue Spannungen ab, übertöne Ängste und lasse unter Umständen kurzfristig depressive Gefühle verschwinden, zitiert der Stern den Paartherapeuten Oskar Holzberg aus Hamburg. Doch auch beim Thema Masturbation (zu Pornos) gebe es Leute, die den “Aus-Schalter nicht finden”, ergänzt die Anmerkung der Paar- und Sexualtherapeutin Heike Melzer im selben Artikel. Aus gelegentlichem Masturbieren mit Unterstützung des Smartphones wird demnach bei manch einem ein stundenlanger Pornomarathon, der nicht nur von richtigem Sex, sondern auch vom richtigen Leben abhalte. Aber wie oft kommt das eigentlich wirklich vor?

Die Behauptung, die eine Verhaltensweise sei krankhaft, stelle auch immer eine andere als normal dar.

Die Vice-Autorin Madita Oeming ist der Meinung, dass auch beim Thema Pornossucht längst nicht alles so dramatisch sei, wie es von Medizinern und Wissenschaftlern behauptet würde. Die Behauptung, die eine Verhaltensweise sei krankhaft, stelle auch immer eine andere als normal dar. Aber das sei gerade bei Masturbation sehr individuell. Der Pornosüchtige existiere zwar zweifellos; dieser Mann, der vor lauter Pornos seinen Alltag nicht mehr geregelt bekomme, sei mit Sicherheit real. Nur eben nicht so häufig, wie uns das gerne verkauft werde.

Die Pornosucht als Krankheit der Moderne sei wesentlich öfter eine Art Narrativ, eine Erzählung, die von bestimmten Akteuren gesponnen und über bestimmte Kanäle verbreitet wird – z. B. von Mediziner*innen und nicht zuletzt einer nach wie vor katholisch geprägten Gesellschaft.

Pornos als Sexual-Erziehung?

Problematisch wird es mit den Pornos vor allen Dingen dann, wenn schon Pubertierende Jugendliche mit den doch eher unrealistischen Mainstream-Sexfilmchen an das Thema Sex herangeführt werden. In seinem Artikel bei im gegenteil zum Thema Pornosucht berichtet  der Coach Pascal Gabriel als ehemaliger Betroffener von seinen ersten Berührungspunkten mit der Pornokultur, als er eine von der Mutter versteckte VHS-Kassette entdeckte und ansah: “Seither wusste ich […], dass der Penis in den Po muss und die weiße Soße ins Gesicht. Damals war ich 12.” Das ist schon krass – und keineswegs der Standardkurs für Anfänger*innen. Oder etwa doch?

Die aus jahrelangem Konsum von pornografischen Bildern und Filmen resultierenden Erwartungen an echten Sex deckten sich für ihn, logisch, natürlich ganz und gar nicht mit der Realität: ”Mein erster echter Sex war eine Katastrophe”, gibt er zu.

Und das ist kein Einzelfall. Der am Hamburger Universitätsklinikum tätige Urologe Prof. Frank Sommer berichtete dem Stern “dass viele junge Menschen schon sehr früh eine medial vermittelte unrealistische Vorstellung von partnerschaftlicher Sexualität entwickeln.’[…] Das sind Jugendliche, die noch nie selbst Geschlechtsverkehr hatten, in deren Köpfen aber durch Pornos schon genaue Bilder herumgeistern, was zum Sex dazugehört.’” Klar – gegen Gangbang und Analfisting kann die Realität nur, wenn nicht enttäuschen, so doch zumindest arg überraschen. Und das auf die langweilige Art.

“Mein Freund masturbiert lieber zu Pornos als mit mir zu schlafen – Was soll ich tun?”

Allerdings haben auch erwachsene und bereits “erfolgreich” sex-sozialisierte Menschen teilweise Probleme im Umgang mit dem Medium. Das Angebot von Internet-Pornografie hinterlässt viele von uns in ihren Beziehungen oversexed, aber underfucked: Die Tatsache, dass man bequem über das Smartphone oder das Tablet vom Bett, der Couch oder auch von der Badewanne aus drauf zugreifen kann, lässt Sex mit der*dem Partner*in anstrengender erscheinen, als sich mal eben zu einem Porno einen runterzuholen.

Ist das noch zielorientiert oder einfach nur faul? Bei Fragen schauen wir nicht mehr ins Lexikon, sondern googlen. Wir kaufen Dinge nicht mehr im Geschäft, sondern bei dem bösen Lieferdienst mit A. Und wenn wir Sex haben wollen, haben wir keinen mehr mit echten Menschen, sondern schauen uns einen Porno an? Echt jetzt?

Der Porno an sich ist selten das Problem.

Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage von Mausihasi angekommen wären. Also: was tun? Ich bin unentschlossen, was und ob ich ihr antworten soll. Letztendlich sieht es ja so aus: Der Porno an sich ist selten das Problem. Pornos sind per se nicht gut oder schlecht, es ist der Umgang des*der Einzelnen damit, der*die dieses Medium zum Problem werden lassen kann.

Wenn der Freund lieber wartet, bis die Freundin ins Bett gegangen ist, um sich dann selbst zu befriedigen. Und das vielleicht nicht ein- bis zweimal pro Woche, sondern mehrfach. Und ausschließlich. Selbstverständlich muss das keine Pornosucht sein – wahrscheinlich sogar nicht. Aber es sollte geredet werden, wenn sich die sexuelle Lust von der Beziehung ablöst und mehr und mehr mit virtuellen Sex-Partner*innen ausgelebt wird. Denn einer kommt dabei womöglich zu kurz – und das wäre doch schade.

Headerfoto: Stockfoto von Stefaniya Gutovska/Shutterstock. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

 

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

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