Die perfekte Trennung

Ein letztes Mal Hallo. Ich denke, es ist angebracht, noch ein paar Worte zu sagen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Du wahrscheinlich Recht hast. Es ist wohl das Beste für uns beide.

Ich muss zwar zugeben, dass ich nicht alle Deine Argumente verstehen kann – und irgendwie auch nicht verstehen will –, aber letztlich sehe ich ein, dass jetzt etwas Neues anfangen muss.

Ich möchte Dir deshalb sagen, dass mir unsere gemeinsame Zeit viel bedeutet hat und möchte mich bedanken bei Dir für all die Hingabe, die Du aufgebracht hast in dieser Zeit.

Ich möchte Dir deshalb sagen, dass mir unsere gemeinsame Zeit viel bedeutet hat und möchte mich bedanken bei Dir für all die Hingabe, die Du aufgebracht hast in dieser Zeit. Und der Respekt, mit dem Du mir nun gegenübertrittst, auch in dieser Situation, macht mich ein wenig sprachlos. Danke dafür. Ich hoffe, dass ich das zurückgeben kann.

Lass uns also gut und auf Augenhöhe auseinandergehen. Das ist ja nicht unmöglich. Wir bringen uns einfach unsere letzten Sachen gegenseitig nach Hause, aber am besten so, dass der Andere gerade nicht da ist. Dann löschen wir die Handynummer des Anderen und verbrennen den kleinen Zettel mit der Handynummer drauf, den wir noch kurz vor dem Löschen geschrieben haben. Ist ja nicht wild.

Dann blockieren wir uns gegenseitig in allen sozialen Netzwerken und nehmen die gemeinsamen Fotos vom Handy runter. Muss man ja nicht gleich löschen, aber zumindest auf der externen Festplatte sollten sie landen.

Bei Spotify werden wir die Playlists des Anderen löschen, bei Netflix die Merkliste mit den Serien.

Danach werden alle restlichen Erinnerungsstücke, die in der Wohnung auffindbar sind, fein säuberlich in eine Kiste gepackt und in den Keller gebracht. Aber nicht direkt neben der Tür abstellen. Bei Spotify werden wir die Playlists des Anderen löschen, bei Netflix die Merkliste mit den Serien.

Und überhaupt: Es ist ratsam sich bei Freunden über andere Serien und Podcasts zu erkundigen, um die dann anfangen zu können. Was Eigenes halt – was anderes.

Dann müssen wir nur noch in unserem sozialen, also dem wirklichen, Umfeld aufräumen. Mindestens drei Monate sollte man sich weder sehen noch hören, heißt es. Eigentlich eher sechs. Allen Freunden wird gesagt, dass sie nichts vom Anderen erzählen sollen, egal wie trivial es sein mag, und auch unter Folter sollen sie nicht auf Fragen über den Anderen antworten, falls man doch mal schwach werden sollte.

Neue Freunde zu suchen ist natürlich noch viel hilfreicher. Neue Hobbys, neue Cafés. Woanders eintauchen.

Neue Freunde zu suchen ist natürlich noch viel hilfreicher. Neue Hobbys, neue Cafés. Woanders eintauchen. Klar kann man im Extremfall auch wegziehen, aber das ist nicht immer notwendig. Man kann Anderes Essen kochen. Andere Blumen pflücken. Anderes Bier trinken. Andere Zigaretten rauchen. Kein Erdbeereis mehr. Keine weißen T-Shirts. Kein Coldplay. Kein …

„Schnucki, wir müssen jetzt mal langsam los, wenn das um Acht losgeht!“

„Ja, ich komme!“

„Was machst Du denn da so ewig?“

„Nix. Ich übe nur.“ 

Headerfoto: Michael Benz via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt). Danke dafür!

GOTTFRIED HAUFE schreibt Texte, um sich selbst besser zu verstehen. Klappt manchmal ganz gut. Neben dem Auftritt auf Lesebühnen und in Kombination mit Musik hat er auch den Wurf gewagt, eine Mischung aus Lesung und Theater zu kreieren. Ein Lesestück halt. Für im gegenteil schreibt er die Texte aber gerne noch mal extra auf.

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.