Die Liebe stirbt zuletzt – Phasen des Abschieds einer Trennung

Die Liebe ist am stärksten. Nicht im Sinne von „sie hält alles aus“. Sondern im Sinne von „sie bricht als letztes weg“. Viel früher verabschiedet sich der Respekt. Viel früher verliert man die Achtung voreinander. Die Achtung für das Sein, für das Anderssein des anderen. Kannst du dich erinnern, wie sehr du dieses Anderssein einmal bewundert hast?

Wie sehr dich der andere mit seinen Gedanken inspiriert hat? Wie elegant du seine Art, den Abwasch zu machen fandest? Der Respekt entfernt sich aus der Beziehung, noch sieht man ihn am Horizont. Er winkt zum Abschied und verblasst.

„Das Erste, das du mir nimmst, ist deine Achtung vor mir.“

Da regt sich das Vertrauen. Es ist verunsichert. Irgendwie fühlt es sich nicht mehr wohl hier ohne seinen Freund, den Respekt. War er doch eine Art Rückversicherung. Jetzt ist das Vertrauen sich nicht mehr sicher. Wie soll man jemandem vertrauen, auf den man herunter blickt? Wie soll jemand der Starke an meiner Seite sein, wenn er noch nicht einmal den Abwasch richtig machen kann? Elegant findest du das lange schon nicht mehr. Wie soll ich jemandem vertrauen, der mich mal verletzt hat?

Der Respekt hat mit seinem Abschied eine Leere hinterlassen. Eine Leere auf all diese Fragen. Früher hat er einen an die Individualität des anderen erinnert. Daran, dass der andere seine Entscheidungen frei treffen darf. Dass es nicht die Aufgabe des anderen ist, jeder Erwartung, die an ihn gestellt wird, gerecht zu werden. Die Leere auf all seine Fragen macht das Vertrauen ganz zittrig. Es hält die Unsicherheit nicht aus. Es möchte fliehen, bloß weg hier. Hier ist es nicht sicher. Hier kann es verletzt werden. Also geht es und mit sich nimmt es die Wärme, die bis dahin zwei Herzen etwas größer und etwas leichter machte.

„Das Zweite, das du mir nimmst, ist dein Vertrauen in mich.“

Und jetzt? Jetzt verliere ich meinen Platz. Meinen Platz in deinem Leben. Früher saß ich in der ersten Reihe. Hatte einen festen Sitzplatz. Auf der Lehne eine große, goldene 1, für „meine Nummer 1″. Langsam rutsche ich einige Reihen zurück. Zunächst nur ein bisschen, dann immer weiter. So langsam, dass es mir lange gar nicht auffällt. Aber dann kommen immer mehr Leute, bei denen es wichtiger ist, dass sie eine gute Sicht haben. Du steht auf der Bühne, spielst dein Stück, glänzt immer noch im Scheinwerferlicht. Noch kann ich dich sehen, aber fühlen tu ich dich schon lange nicht mehr.

Ich sag mir: es ist auch mal okay nicht in der ersten Reihe zu sitzen. Es ist doch auch verständlich, dass andere Menschen mal die besten Plätze haben wollen. Aber dann fällt mir auf, dass der Platz da hinten zu meinem festen Platz geworden ist. Dass ich vorne gar nicht mehr eingeplant werde. Und dann kommt der Tag, an dem du vergisst, mir überhaupt eine Einladung zu schicken. Das war natürlich keine Absicht und man habe das Stück doch eh schon so oft gesehen. Das könne doch mal passieren. Und mir fallen keine Worte ein, um dagegen zu argumentieren. Ich finde keine Worte für die Leere, die in meinem Herzen Platz genommen hat.

„Das Dritte, das du mir nimmst, ist deine Priorität zu sein.“

Da steht sie dann, einsam im Sturm, die Liebe. Und fragt sich, wo sie alle hin sind. Wo ist das Vertrauen? Wo ist der Respekt? Wo ist der Eingang zum Theaterstück? Es ist so kalt und ungemütlich hier. Alles zerrt und reißt an ihr. Sie fühlt sich so einsam.

Der Respekt, das Vertrauen, die Priorität, das waren ihre Werkzeuge. Ihre Bänder. Ihre Verbindungsstücke zu den Händen und dem Herzen des anderen. Sie fühlt sich hilflos, weiß nicht mehr wie sie den anderen erreichen soll. Weiß nicht mehr, wie sie sich ausdrücken, wie sie sich verständlich machen soll.

„Das Vierte, das du mir nimmst, das nimmst du auch dir selbst.“

Du hattest meinen tiefsten Respekt. Mein vollstes Vertrauen. Du warst in jeder Hinsicht meine Priorität. Mein Ausdruck einer nicht enden wollenden Liebe für dich.

Ich steh einsam in der Wüste, und mich herum wütet der Sturm. Er weht mir Sand in die Augen und ich kann nicht aufhören, zu weinen. Zu meinen Füßen eine Schere. Sie ist alt und rostig, sie wiegt schwer wie Blei. Du hast sie weggeworfen. Du brauchst sie nicht mehr. Da ist nichts mehr übrig. Jedes Band hast du mit ihr zerschnitten. Langsam und gründlich, bis zum bitteren Ende. Bis wir uns beide nicht mehr kannten.

Die Liebe stirbt zuletzt.

Inaniel schreibt manchmal düster, manchmal sonnig, immer irgendwie am Leben dran.

Headerfoto: RODNAE Productions (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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