Die Kunst, „richtige“ Entscheidungen zu treffen und warum auch vermeintlich falsche Entscheidungen richtig gut sein können

1982 saß ein besonderer Patient in der Praxis des portugiesischen Neurologen Antonio Damasio: der Patient Elliot. Er konnte keine Entscheidungen mehr treffen. Er hing stundenlang am Autoradio, weil er keinen Sender auswählen konnte, er war nicht fähig, Worte aufs Papier zu bringen, weil davor die Entscheidung für einen Stift hätte fällen müssen. Er bestand zwar jeden Intelligenztest, konnte sich aber nicht zu den einfachsten Entscheidungen durchringen und war damit völlig handlungsunfähig.

Was macht Entscheidungen fällen so schwer?

Auch wenn Elliot ein besonders gravierender Fall ist, bleibt das Phänomen des Zögerns ein bekanntes. Vielen Menschen fällt es schwer, sich zwischen Option A, B oder C zu entscheiden. Sie „eiern“ herum, verschieben Fristen, handeln Bedenkzeiten aus, sagen erst einmal Jein, anstatt klar Ja oder Nein, verstricken sich in mehrere Beziehungen gleichzeitig, grübeln sich so sehr in eine Situation herein, dass sie nächtelang nicht mehr schlafen können.

Sie ringen sich irgendwann zu irgendetwas durch, sind dabei völlig übernächtigt und haben am Ende noch häufig das Gefühl, dass B eigentlich besser gewesen wäre als A. Das Lebensgefühl des Zweifelns und Verharren, das der Generation Y nachgesagt wird, findet sich auch in den Texten aktueller Songs wieder:

„Fahr’ nur gradeaus wie’n Zug auf Schien’n
Komm’ nicht klar mit all den Fragen im Leben
Ich find’ halt immer so viel Fakten dagegen
Ich seh’s dir an, du denkst, dass es trist ist
Ich find’ dich wunderschön, komm her und küss mich
Oder lieber nicht? Oh man, ich weiß grad nicht
Geh’ noch’n Schritt zurück, dann entscheid’ ich mich“

Amanda: Frag mich nicht

Elliot, der chronisch unentschlossene Patient hatte kurz vor seinem Besuch beim Neurologen eine schwere Operation, bei der ihm ein Tumor entfernt wurde. Bei den zahlreichen Untersuchungen, die danach folgten, erkannte Arzt Antonio Damasio, dass Elliot vor allem eins fehlte: das Gefühl.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich zwischen Option A, B oder C zu entscheiden. Sie ‘eiern’ herum, verschieben Fristen, handeln Bedenkzeiten aus, sagen erst einmal Jein, anstatt klar Ja oder Nein.

Durch die Operation waren Regionen der Emotionswahrnehmung und Verarbeitung verletzt worden. Damasio zeigte seinem Patienten die bewegendsten Bilder von Erdbeben, Bränden und Verkehrsunfällen. Er zeigte weder Traurigkeit noch Wut oder Betroffenheit. Nun war die Wurzel allen Übels gefunden: Elliot konnte sich nicht entscheiden, weil sich alles gleich für ihn anfühlte.

Dementsprechend konnte er auch keine Prioritäten setzen, da diese aus emotionalen Wertzuschreibungen rühren würden. Daraus leitete der Neurologe die Erkenntnis ab, dass die Fähigkeit zu fühlen stark verbunden ist mit der Möglichkeit, sein Leben zu formen und kraftvolle Entscheidungen zu treffen. Ohne Gefühl aber fehlt dem Verstand der Kompass.

Verhandle nicht mit deinem Verstand

Das bekannteste Zitat aus dem Buch Der kleine Prinz von Saint-Exupéry ist die Aussage des Fuchses, den der kleine Prinz auf seiner Reise trifft: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Auf Entscheidungssituationen übertragen zeigt dieses Zitat, dass wir alle eine Stimme in uns haben namens Intuition. Sie ist ein Zusammenspiel aller Erinnerungen und Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Dieses innere Gefühl scheint Dinge zu wissen, die mit dem Verstand nicht zu greifen sind.

Meistens haben Menschen in den ersten 30 Sekunden einen Impuls zu einer bestimmten Fragestellung, welcher aus der Intuition rührt. Viele folgen diesem ersten Gefühl aber nicht, weil es häufig als „irrational“ beziehungsweise als der „schwererer Weg“ wahrgenommen wird, etwas, von dem unser Verstand denkt, dass es nicht machbar oder zu unbequem ist. Vielleicht sagt so eine innere Stimme zum Beispiel: Ich würde gerne den akademischen Weg verlassen und eine Lehre als Tischler:in machen.

Unsere Intuition ist ein Zusammenspiel aller Erinnerungen und Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Dieses innere Gefühl scheint Dinge zu wissen, die mit dem Verstand nicht zu greifen sind.

Bei den meisten Menschen erfolgt auf das erste Gefühl eine Verhandlung mit dem Kopf, in Form von Pro- und Kontra-Listen und unzähligen Gesprächen mit anderen Menschen. Eine Verhandlung, die nach meiner Beobachtung häufig ewig dauert und in Verwirrung und Überforderung mündet.

Niemand außer dir selbst weiß, welcher Partner oder welche Partnerin zu dir passt oder welche Reise für dich die „richtige“ ist. Was bei jemand anderem nicht funktioniert hat, kann für dich genau richtig sein. Kein Buch der Welt kann es dir abnehmen, auf dein eigenes Gefühl zu hören und deine eigene Antwort zu finden.

Im Gegensatz zu Elliot verfügen die meisten Menschen zwar theoretisch über die Fähigkeit, eigene Prioritäten zu setzen, was aber nach meiner Beobachtung vielen fehlt, ist die Verbindung zu den eigenen Emotionen und Mut. Zwei Zutaten, die „gute Entscheidungen“ ausmachen.

Das Mär der richtigen Entscheidung

Bei meiner Recherche über „gute Entscheidungen“ bin ich auf ein paar hilfreiche Gedanken gestoßen. Das Leben ist ein Ausprobieren und Lernen: Wer spielerischer an Entscheidungen geht und sich auch erlaubt, etwas so lange zu verändern, bis es stimmt, der hat große Chancen, etwas zu finden, das sich für ihn richtig anfühlt.

Es gibt keine falschen Entscheidungen im engeren Sinne, denn wenn eine Entscheidung Auskunft darüber gibt, dass dieser Weg nicht der richtige ist, dann ist das eine wertvolle Erkenntnis. In den letzten Jahren habe ich meine Definition von einer guten Entscheidung verändert. Eine gute Entscheidung ist für mich nicht mehr unbedingt diejenige, die positive Resultate bringt, sondern diejenige, die authentisch ist, die ich getroffen habe, als ich mit mir in Verbindung war und diejenige, die mich wachsen lässt.

Das Leben ist nicht dafür da, uns immer nur Glücksgefühle zu bescheren. Deswegen kann es genauso „gut“ sein, sich für eine Beziehung entschieden zu haben, die nicht funktioniert hat, die aber dazu geführt hat, etwas Wichtiges zu lernen. Wichtig sind nicht allein die Resultate der Handlung, sondern vor allem die Motivation, aus der wir diese Entscheidungen treffen.

Diese brechen viele Psycholog:innen und Philosoph:innen auf eine einfache Formel herunter: Entscheidest du aus Angst oder Liebe? Folgst du gerade deinem eigenen Plan oder den Erwartungen anderer?

Woher sollen wir wissen, ob eine Entscheidung, die sich erstmal als ‘schlecht’ herauskristallisiert, nicht für den ‘großen Plan’ genau richtig war?

Niemand von uns besitzt eine Glaskugel mit der er oder sie in die Zukunft schauen kann und das ist auch gut so, denn sonst wäre das Leben langweilig. Aber Studien zeigen, dass Entscheidungen, die aus der Intuition heraus getroffen wurden, weniger bereut wurden. Sich zu entscheiden, birgt also auch immer ein gewisses Risiko und offenbart unsere Angst zu scheitern und unsere Verletzlichkeit.

Vertrauen in die eigene Intuition, in die Welt und in das große Ganze ist die Antwort auf die meisten Zweifel. Wie der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard es so schön ausdrückt: „Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“

Woher sollen wir also wissen, ob eine Entscheidung, die sich erstmal als „schlecht“ herauskristallisiert, nicht für den „großen Plan“ genau richtig war? Wenn dich beispielsweise ein:e Partner:in verlässt und du dir nicht vorstellen kannst, jemals wieder zu lieben, du aber später jemanden findest, der oder die dich sogar noch mehr berührt. Dann bist du außerdem durch diese Erfahrung von Liebeskummer mehr an den Kern deiner Sehnsüchte gestoßen, hast dir vielleicht einen kleinen Traum erfüllt und bist innerlich daran gewachsen.

Das Leben ist nur zu einem gewissen Grad verstehbar, formbar und vorhersehbar. Dein 80-jähriges Ich könnte auf ein paar dieser Fragen eine Antwort geben. Im Hier und jetzt ist die Fähigkeit zu einem Rest Demut hilfreich. Gerade, wenn Menschen ihre Entscheidungen im Nachhinein bereuen und diese nicht mehr ruckgängig zu machen sind. Ist etwas gut oder schlecht? Wer weiß das schon?

Die kurze buddhistische Erzählung aus dem Buch Der Elefant, der das Glück vergaß, regt zur Gelassenheit mit dem eigenen Lebensweg und zur Relativierung einzelner Entscheidungen an:

Die Geschichte vom König und seinem Leibarzt 

Der Kö­nig verletzte sich beim Jagen den Finger und sein Arzt verband ihn. Der König fragte: „Was meinst du, wird mein Fin­ger wieder gut?“ Der Arzt antwortete: „Gut, schlecht, wer weiß das schon!“ Der Zustand des Fingers wurde immer schlimmer. Der Arzt nahm den Verband ab und untersuchte ihn noch mal.

Der König erkundigte sich erneut, ob der Finger wieder gut werden würde. Und wieder erhielt er die Antwort: „Gut, schlecht, wer weiß das schon!“ Drei Ta­ge später ging es dem Finger so schlecht, dass er amputiert werden musste. Der König war völlig aufgebracht und sauer auf den verrückten Arzt und warf ihn ins Gefängnis. Er fragte den Arzt: „Nun, was denkst du darüber, im Gefängnis zu sein?“ Der Arzt antworte­te wie gewohnt: „Gut, schlecht, wer weiß das schon!“

Die Moral der Geschichte ist: „Gut, schlecht, wer weiß das schon!“

Der König dachte, dieser Arzt ist wirklich komplett verrückt. Ein paar Tage später ging er wieder in den Wald, um zu jagen. Dieses Mal verirrte er sich und wurde von Waldbewohnern gefangen genommen. Sie wollten ihn ihren Göttern opfern, aber als der Häuptling sah, dass der König nur neun anstelle von zehn Fingern hatte, lehnte er ihn als Opfer ab, da er nicht perfekt genug war und entließ ihn in die Frei­heit.

Der König kehrte in die Stadt zurück und befreite den Arzt aus seiner Zelle. Er sagte zu ihm: „Es ist gut, was mit meinem Finger passiert ist, das hat mir das Leben gerettet, aber es war schlecht, dass ich dich ins Gefängnis werfen ließ!“

Der Arzt widersprach: „Wenn du mich nicht ins Gefängnis ge­worfen hättest, wäre ich mit dir jagen gewesen. Und da ich über zehn Finger verfüge, hätte man mich den Göttern geopfert. Also hat es am Ende mein Le­ben gerettet, dass du mich hier einge­sperrt hast!“ Die Moral der Geschichte ist: „Gut, schlecht, wer weiß das schon!“

Headerfoto: Jordan Heath via Unsplash. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

YALDA-HANNAH FRANZEN ist eine waschechte Berlinerin, tanzt gerne Lindy-Hop, reist gerne und würde gerne in der Zukunft ein Kinderbuch schreiben und ein Coachinginstitut gründen. Bis dahin betreibt sie Fallstudien am lebenden Objekt. Sie arbeitet als Deutschlehrerin und als Coach für Frauen. Sie studierte in Tübingen Germanistik und Geographie und arbeitete währenddessen als freie Journalistin für SPIEGEL ONLINE, Geo Spezial und als Kolumnistin für das Universitätsradio. In ihren Artikeln geht es um Gleichberechtigung, Empowerment und Achtsamkeit. Sie liest gerne Bücher von Haruki Murakami und Elena Ferrante und hasst Billard spielen. Mehr von ihr gibt es auf ihrer Webseite.

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