Die Gefahren der digitalen Komfortzone: Ein vom Algorithmus kontrolliertes Leben

Auf einmal befinden wir uns in unserer digitalen Blase. Social Media ist für einige bereits Social Life und keiner weiß mehr so recht, wie er sich im Alltag präsentieren soll. Im Real Life – das gibt’s ja auch noch. Auf unseren Lieblingsplattformen und Chat-Kanälen sind wir die gefilterte Version unserer selbst, egal ob Fotofilter oder überlegte Antworten in hitzigen WhatsApp-Diskussionen. Das Smartphone Display wirkt wie ein Schutzschild in sozialen Interaktionen.

Die Anonymität des Internets eröffnet einigen Charakteren ganz neue Möglichkeiten. Den Introvertierten, aber auch den Übermotivierten – im negativen Sinn. Hasskommentare und Trolle sind ein prädestiniertes Beispiel dafür, was die dunklen Weiten des World Webs in manchen entarteten Individuen hervorrufen können.

Wer hat nicht schon einmal, ohne wirklich zu hinterfragen, allerhand persönlichen Daten angegeben?

Am Ende befinden wir uns alle in unserem digitalen Kosmos, folgen unseren liebsten Musiker*innen, Blogger*innen, Künstler*innen, Coaches, Podcasts, Meinungsmacher*innen, Nachrichtensendern, Zeitungen und ebenso Marken, täglichen Produkten oder Lifestyle-Anbieter*innen. Was ich damit sagen will: Wir haben ein perfektes Profil von uns erstellt, das präziser eigentlich nicht sein könnte.

Klar, hier fehlen Angaben wie Blutgruppe, Allergien, Erkrankungen und Fingerabdruck, aber unterschätzen wir hier vielleicht nicht die Macht von Bildern; Gen-Tests, die wir uns als spannende Überraschung geschenkt haben; Fingerabdruck-Entsperrcodes sowie unseren lockeren Umgang mit sensiblen Daten? Gerade Health Apps, die u.a. von Samsung und Apple bereitgestellt werden, sammeln darüber hinaus eine Menge gesundheitliche Daten und haben am Ende sogar einen besseren Überblick über unser physisches Befinden als der*die eigene Hausärzt*in.

Health Apps haben am Ende sogar einen besseren Überblick über unser physisches Befinden als der*die eigene Hausärzt*in.

Zum Beispiel, weil er oder sie das eigene Horoskop inklusive Aszendenten, Tier und Sonne im richtigen Haus herausfinden wollte? Oder vielleicht hat sich schon mal jemand gefragt, welche genetisch oder erblich bedingten Krankheiten sein*ihr Kind haben wird? Auch Psychotests verlangen nach ausführlichen Angaben, die selbst nur bei wenigen Psycholog*innen als Anamnesebogen mit nach Hause gegeben, oder zusammen durchgesprochen werden.

Witzige Tests zu Trink- und Rauschverhalten tragen zu weiteren Fun Facts für das Persönlichkeitsprofil bei und beleuchten demnach auch die etwas authentischeren und ungeschönten Charaktereigenschaften. Aber auch IQ-Tests und Bestellungen dubioser Medikamente oder Waren aus Übersee – oder dem Dark Net – vervollständigen das Persönlichkeitsbild ein weiteres Mal.

Stellen wir uns einmal vor, alle diese Informationen würden an einem Ort, zum Beispiel einem Chip, gespeichert werden. Dann wäre dieser winzige Chip ein digitaler Klon unserer selbst. Er atmet nicht und ist erst recht nicht aus Fleisch und Blut. Er ist klein und äußerst empfindlich. Einfach schutzlos, so wie unsere sensiblen Daten. Wenn wir nicht aufpassen, geben wir mit einem Mal zu viel von uns Preis und unsere Identität geht verloren – im schlimmsten Fall. Davon gehen wir jetzt mal nicht aus.

Aber ist uns eigentlich bewusst, wie sehr wir unsere eigene Identität immer mehr aufgeben und bereitwillig, wenn auch unbewusst, stagnieren lassen? Wenn wir uns im Alltag nicht aus unserer Komfortzone herausbewegen, weil wir vielleicht gerade recht zufrieden mit den Umständen oder einfach zu faul sind, etwas zu ändern, uns aber damit beruhigen, dass wir ja digital via Smartphone oder Laptop die Möglichkeit haben, teilzunehmen am Geschehen, dann ist es umso gefährlicher, wenn wir uns auch hier, in der digitalen Welt, nur noch in einer wenig selbstbestimmten, dafür vom Algorithmus definierten Blase bewegen.

Ab wann wird der Algorithmus gefährlich?

Unsere Feeds unterscheiden sich. Wieso ist das so? Weil zum Beispiel Instagram dir nur Beiträge deiner Abonnent*innen anzeigt und ein vorgefertigtes Meinungsbild auf diese Weise in den meisten Fällen besiegelt ist. Wer von uns abonniert schon gezielt Beiträge oder Profile von Menschen, deren Meinung sie nicht vertreten oder deren Output allgemein uninteressant für sie ist? Richtig, wenige. Journalist*innen vielleicht für Recherchezwecke oder Wettbewerber*innen, die die Konkurrenz ausspionieren wollen. Na ja, letzten Endes ist es nicht die beeinflussbare Zielgruppe, von der hier die Rede ist.

Natürlich steht es jedem frei und nehmen es viele Menschen in Anspruch, sich auch neben ihren Social Media Feeds zu informieren und Bücher, Zeitungen, Artikel usw. quer zu lesen. „Trotzdem unterschätzen wir, wie sehr Handlungen auf Amazon, Google, Facebook und auch die Inanspruchnahme von Lieferdiensten, sei es für Essen oder eine Taxifahrt, sich ins digitale Gedächtnis einbrennen.“

Kein Wunder, dass wir mittlerweile Schnappatmung bekommen, wenn unser Handy beim reflexartigen Griff und Schnell-Check nicht am gewohnten Ort zu finden ist.

Kein Wunder, dass wir mittlerweile Schnappatmung bekommen, wenn unser Handy beim reflexartigen Griff und Schnell-Check nicht am gewohnten Ort zu finden ist. Über diesen kleinen handlichen Apparat identifizieren wir uns mittlerweile nicht mehr nur an Flughäfen oder Bahnhöfen für Tickets oder wenn wir unseren Ausweis vergessen haben via Fotokopie. Auch jegliche Zugänge zu Apps und Plattformen erlangen wir über dieses Gerät. Es ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Aber es wird gefährlich, wenn wir aufhören zu hinterfragen und uns nur noch auf Vorschläge und Empfehlungen konzentrieren, vom Algorithmus errechnet und im ansprechenden Template präsentiert. „Vieles entspricht halt unserer Meinung, weniges nicht und wenn dann ist es in einem satirisch aufbereiteten Post bereits gebührend durch den Kakao gezogen worden. Kurz liken und damit hat man bereits seinen Beitrag geleistet, seine Meinung geäußert.“

Liken ist Äußern. Disliken geht nicht, also kann man es höchstens ignorieren. Aber wer schweigt, stimmt zu, oder nicht? Auch irgendwie komisch. Sind also alle Gegner*innen bzw. Parteien, die dem Post oder Tweet oder Beitrag oder was auch immer nicht zustimmen, gezwungen zu kommentieren und somit wirklich etwas zur Debatte beizutragen? Dass das dann nicht dem allgemein gewünschten Tenor entspricht und vielleicht etwas aus der erwarteten Reihe schlägt, ist in diesem Fall wohl die logische Konsequenz, oder nicht?

Wo sind die moralischen Grenzen?

Es steht außer Frage, dass es auch hier Grenzen geben muss, und zwar moralische. Eine gepflegte Diskussionskultur ist auch in Internetforen und Beiträgen jeglicher Form unerlässlich. Auch wenn wir uns hinter IP-Adressen verstecken und dadurch glauben, unsichtbar zu sein, vergessen wir manchmal, dass auch Worte eine unglaubliche Macht haben.

Das ist uns bewusst, wenn wir zum Beispiel mit vertrauten Menschen in unserem Umfeld schreiben bzw. chatten. Ohne ein menschliches Gegenüber können Worte eine unglaubliche Macht entwickeln. Es gibt keine Möglichkeit, in Form von Empathie in das Geschehen einzugreifen. Außerdem sollten wir uns einmal vor Augen führen, wie lächerlich es eigentlich ist, sich anonym zu beschimpfen, weniger Projektionsfläche geht doch eigentlich gar nicht. Wir können uns am Ende dementsprechend nur mit uns selbst streiten, denn die andere Person hat einfach keinerlei Bezug zu unserem Alltag.

Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Stand das Internet anfänglich noch für Freiheit und die Möglichkeit, sich weltweit zu vernetzen und somit aufgeschlossener und toleranter zu werden sowie Vorurteile abzubauen, so wird es nun in maßgeblichen Fällen dazu missbraucht, eben diese zu schüren, zu diskriminieren und somit letztlich Hass zu propagieren. Auch Falschmeldungen und Wahlmanipulation haben hier einen perfekten Nährboden gefunden.

Medial aufbereitet wird Hasspropaganda auf Facebook leider von vielen, wenn überhaupt, erst auf den zweiten Blick enttarnt. Die Frage ist bloß, wer in den sich ständig aktualisieren Feeds noch Zeit für einen zweiten Blick hat, geschweige denn in dem Wust aus Stories und Posts den Überblick behält.

Also auch an dieser Stelle nochmal den guten alten Kant zitiert: Sapere aude! Wage es, weise zu sein und scheue nicht davor zurück, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Step out of your (digital) comfort zone.

Headerbild: Fabian Stuertz. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NADINE studierte nach dem Abitur an der Universität in Bonn Romanistik (B.A.), Internationale Geschichte der Neuzeit (M.A.) und absolvierte mehrere Praktika und Semester im europäischen Ausland. Mittlerweile lebt sie in Berlin und ist selbstständig als freie Autorin, Speakerin und Model tätig. Auf ihrem Blog und Instagram teilt sie persönliche Erlebnisse aus ihrem Alltag als bisexuelle Frau sowie Vertreterin der LGBTQ Szene und spricht über alternative Beziehungskonzepte. Selbstliebe ist ihrer Meinung nach der Schlüssel zu freier Liebe und die erreicht man interessanterweise auch über die eigene Sexualität. Als Speakerin kann man sie in verschiedenen Podcasts und bei kleineren TV-Auftritten dazu sprechen hören. Es geht nicht bloß um Sex, es geht um sexuelle Aufklärung, oder besser gesagt: sexuelles (Selbst-)Bewusstsein. | Foto der Autorin: Fabian Stuertz.

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