Depression: Wenn das Leben nur noch im Kopf stattfindet

Triggerwarnung: Depression

 

Ich liege wach im Bett und schaffe es nicht, aufzustehen. Seit zwei Stunden nehme ich mir vor, dass ich mich nun aufraffe und aufstehe. Ich fühle mich deprimiert. Ich frage mich, ob ich nicht aufstehen mag, weil ich mich deprimiert fühle oder ob ich mich deprimiert fühle, weil ich nicht aufstehen mag.

Ich frage mich, ob ich nicht aufstehen mag, weil ich mich deprimiert fühle oder ob ich mich deprimiert fühle, weil ich nicht aufstehen mag.

Ich schließe die Augen und hoffe, dass ich nochmals schlafen kann. Welche Überraschung – es gelingt mir nicht. Ich greife zum Buch, welches oben auf dem Stapel neben dem Bett liegt, und lese einige Seiten. Ich versuche, mich auf die geschriebenen Worte einzulassen und abzutauchen. So tief, dass ich mir für einen Moment keine Gedanken über mich selbst und meine Gefühle machen muss. Es gelingt mir. Die Vibration meines Handys reißt mich aus der Geschichte. Mir fällt wieder ein, dass heute Mittwoch ist und ich seit mittlerweile drei Stunden nicht aus dem Bett komme.

Irrelevanz beschreibt mein Verhältnis zur Welt

Mittlerweile ist es 10.00 Uhr. Ich verschiebe meine Verabredung zum Mittagessen, so viel Optimismus wäre in meiner Situation sogar für einen positiven Menschen zu viel. Die Verabredung für den Abend lasse ich noch offen. Ich hoffe, dass mich der gesellschaftliche Druck aus dem Bett lockt. Ich lege das Handy zur Seite und versuche, zu schlafen, erneut erfolglos. Unruhig wälze ich mich hin und her. Nehme mir nochmals vor, nicht den gesamten Tag im Bett zu bleiben, stehe auf für einen Toilettengang und versinke wieder im Bett.

Ich nehme mir vor, nicht den gesamten Tag im Bett zu bleiben, stehe auf für einen Toilettengang und versinke wieder im Bett.

“Irrelevant”, kein Wort erschien mir in den letzten Tagen passender als dieses. Es beschreibt mein Verhältnis zur Welt. Es erscheint mir wichtig, dass ich mein Verhältnis zur Welt benennen kann und dass es dafür dieses Wort gibt. Ich muss schmunzeln, als mir die Ironie dessen bewusst wird. Ich frage mich, wie relevant der heutige Tag ist. Ist er bedeutungslos? Falls nicht, was ist die Bedeutung des heutigen Tages? Hat der Tag Bedeutung für mich oder jemand anderen? Wenn ich aufstehe und am Abend wieder ins Bett liege und mir der Tag immer noch bedeutungslos erscheint, ist es möglich, dass mein Tag für jemanden aus meinem Umfeld von Bedeutung war?

Was ist von Bedeutung?

Lohnt es sich also, als Versuch für andere aufzustehen? Oder ist und bleibt es irrelevant? Ich muss an Kalendersprüche denken. “Der Tag ist, was du daraus machst.” Es ist mir bewusst, dass es schwierig ist, eine Bedeutung zu entdecken, wenn ich dem Tag keine Chance dazu gebe und mich stattdessen im Bett verkrieche. Andererseits fände ich es an einem Tag wie heute doch sehr naiv, aufzustehen, rauszugehen und nach einer Bedeutung zu suchen oder abgekämpft zu versuchen, von Bedeutung zu sein. “Von Bedeutung” klingt nach einem Adelstitel. Entweder man wird damit geboren oder halt nicht. Ist das die Antwort auf die Frage? Entweder du wirst “von Bedeutung” geboren oder halt nicht? Für einen kurzen Moment wünsche ich mir, dass mich diese Antwort zufrieden stellen würde. An solche Pauschalisierungen glaube ich aber nicht. Das ist auch gut so. Einen kurzen Moment freue ich mich über diese positive Einstellung gegenüber mir selbst.

“Von Bedeutung” klingt nach einem Adelstitel. Entweder man wird damit geboren oder halt nicht. 

Nun bin ich eine weitere Stunde im Bett gelegen. Ich frage mich erneut, weshalb es mir heute so schwerfällt, aufzustehen. Ich denke an den Lösungsorientierten Ansatz und frage mich nun nicht mehr, weshalb es mir heute so schwerfällt. Nun frage ich mich, was an den Tagen anders ist, an welchen mir das Aufstehen problemlos gelingt. Jede Person bringt bereits Lösungsansätze mit, diese müssen erkannt und vervielfältigt werden. “Bullshit!”, sage ich laut vor mich hin.

Lösungsorientierung und der “richtige” Weg

Mir ist gerade nicht nach Lösungsorientierung. Ehrlichgesagt fühle ich mich gerade recht orientierungslos. Ich bin 30 Jahre alt, habe einen Bachelorabschluss und sitze in meinem Bett und schaffe es nicht, aufzustehen. Wie kommt es dazu? Wie und wann hat es begonnen? Wann ist mir meine Orientierung abhandengekommen? Hatte ich jemals so etwas wie eine Orientierung oder einen Plan? Ja, ganz bestimmt hatte ich mal eine Vorstellung vom Leben. Vielleicht nicht eine klare Vorstellung, aber zumindest einen Rahmen und Platz darin, das Bild des Lebens zu gestalten. Gilt das als Orientierung oder als Plan? Oder waren es lediglich einige Jahre, in welchen ich dachte, auf dem richtigen Weg in diesem Labyrinth zu sein?

Wie und wann hat es begonnen? Wann ist mir meine Orientierung abhanden gekommen?

Und was soll schon ein richtiger Weg sein? Ist der richtige Weg der direkte Weg, der schnellste? Oder ist der richtige Weg doch eher der angenehmste mit der geringsten Steigung und der niedrigsten Anzahl an Steinen im Weg? Alle sprechen vom richtigen Weg und davon, dass man “vom Weg abkommen” kann, aber wie sieht das eigentlich aus und wer bestimmt das? Wer bewertet denn unsere Wege nach “richtig” und “falsch” und wird diese Bewertung auf Richtigkeit überprüft? Gibt es dazu ein Gremium?

Wer bewertet denn unsere Wege nach “richtig” und “falsch” und wird diese Bewertung auf Richtigkeit überprüft?

Die Vorstellung mit dem Gremium gefällt mir. Das “Weg-Bewertungs-Gremium” würde demokratisch die Bewertung der Wege vornehmen. Das Gremium wiederum würde ebenfalls demokratisch gewählt werden, dies würde wiederum erklären, woher diese Bewertungen kommen und weshalb der gesellschaftliche Druck so groß ist. Bei der Wahl des Gremiums gibt es viele Personen, welche nicht wahlberechtigt sind oder aufgrund kognitiver oder sprachlicher Barrieren nicht an der Wahl teilhaben und nicht dazu befähigt werden. So kennen wir die Schweizer Demokratie. Aber das ist halt unser Weg und wenn wir das Gremium fragen, ist es der richtige…

“Mir geht es nicht so gut”

Die Vibration meines Handys reißt mich erneut aus meinen Gedanken. Mittlerweile ist es Nachmittag. Ein Freund erkundigt sich, wie es mir geht. Ich ignoriere die Nachricht. Ich freue mich über die Anteilnahme, bin jedoch jedes Mal überfragt, wie viel Wahrheit die Antwort auf diese Frage verträgt. Ich überlege mir, wie es mir gerade geht und wo die Schnittmenge zwischen Wahrheit und Gesellschaftstauglichkeit liegt.

Ich überlege mir, wie es mir gerade geht und wo die Schnittmenge zwischen Wahrheit und Gesellschaftstauglichkeit liegt.

“Mir geht es nicht so gut.” Dieser Satz ist so nichtssagend. Er sagt nicht, dass es schlecht geht. Nur halt gerade nicht so gut. Nicht so gut im Vergleich zu was?

“Mir geht es heute nicht so gut wie gestern. Mir geht es nicht so gut wie meinem Bruder.”

Und dann lässt sich ja fragen, wie denn der Vergleich war. Ich wundere mich über die Absurdität unseres Sprachgebrauches. Unser Wortschatz umfasst eine Vielzahl an Adjektiven, aber wenn uns jemand nach unserem Befinden fragt, antworten wir mit “gut” oder “nicht so gut”, was für eine Wortverschwendung.

Ich fühle mich bereits bei der Antwort “Mir geht es nicht so gut” wie ein undankbares und verwöhntes Gör. 

“Mir geht es schlecht”, ist dann aber doch nicht die Antwort, welche ich geben würde. Ich fühle mich bereits bei der Antwort “Mir geht es nicht so gut” wie ein undankbares und verwöhntes Gör. Was geht da bloß gesellschaftlich bei uns ab? Ja, wir haben Privilegien und ja wir haben in vielerlei Hinsicht Glück. Ich habe Glück, in der Schweiz geboren zu sein. Ich habe Glück, gesund zu sein. Ich habe Glück mit meinen vielen Interessen und mit meiner Intelligenz. Ich habe Glück über all die Möglichkeiten. Trotzdem bin ich ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Emotionen und Frustrationen. Und an Tagen wie heute geht es mir schlecht und dann wünschte ich mir, weniger privilegiert zu sein, damit ich nicht auch noch ein schlechtes Gewissen habe. Es geht mir bereits schlecht, dann muss der gesellschaftliche Druck nicht auch noch sein.

Morgen werde ich auf die Frage “Wie geht es dir?” antworten: “Heute geht es mir besser als gestern.”

Ich bin optimistisch. Morgen werde ich auf die Frage “Wie geht es dir?” antworten: “Heute geht es mir besser als gestern.” Draußen wird es dunkel und ich stelle fest, dass ich einen ganzen Tag in meinem Kopf verbracht hab.

Jokita hat, seit sie denken kann, Gedanken. Viele Gedanken. Die Gedankenproduktion ist stets schneller als die Verarbeitungsabteilung, was regelmäßig zu Überforderung führt. Um dieses Chaos zu bändigen, schreibt sie und versucht so, die Gedanken zu ordnen. Wenn das auch nicht gelingt, zettelt sie einen Sitzstreik an und fordert bessere Arbeitsbedingungen und weniger Gedanken.
Headerfoto: Ron Lach (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.