Ein Blick hinter die Maske: Auch hinter einem fröhlichen Gesicht kann eine Depression stecken

Ich arbeite schon sehr lange an diesem Text. Jedes Mal, wenn ich in die depressive Phase reinschlittere, kann ich es von neuem nicht fassen und beginne wieder damit, diese Zeilen zu schreiben. Manchmal merke ich es nicht einmal, zumindest nicht bis dem Punkt, an dem ich mich vier Stunden lang mental darauf vorbereite, zu staubsaugen oder doppelt so lange brauche, um mich tatsächlich unter die Dusche zu stellen. Jetzt ist es wieder soweit und ich bin abgefuckt. Ich bin abgrundtief abgefuckt. Und müde. Unfassbar müde, wieder dagegen anzukämpfen.

Natürlich gibt es auch gute Nachrichten. Ich will diese nicht leugnen. Ich kann es mir leisten, depressiv zu sein. Mich treiben keine existenziellen Sorgen rum; ich habe eine Krankenversicherung; ich muss mich nicht um meine Familie kümmern, weil es ihr gut geht. Wenn ich den ganzen Sonntag apathisch in meinem Bett verbringen will, dann tue ich es einfach. Und der beste Part dabei? Ich kann alles hinschmeißen und nach Österreich auswandern. Wir halten fest: Meine Voraussetzungen, um depressiv zu sein, sind optimal.

Es geht mir eigentlich ganz gut …

Was soll ich sagen? Dieses kleine Wörtchen „eigentlich“ ist eigentlich ein Arschloch. Vor einiger Zeit verließ ich von Montag bis Freitag brav mein Bett und ging zur Arbeit. Es ging mir mal schlechter, mal besser. Aber gut ging es mir schon lange nicht mehr. Trotz Medikamente, Meditation und Therapie. Ich wollte mich nicht damit abfinden.

Nicht damit abfinden, dass es anscheinend keine Phase in meinem Leben ist, sondern das Leben selbst. Also änderte ich das so radikal, wie es nur ging. Ich kündigte mein Job, zog nach Österreich, fing bei einer Seilbahngesellschaft an und reduzierte meine beruflichen Entscheidungen auf zwei Fragen: „Knopf drücken“ oder „Knopf nicht drücken“.

Und auch wenn diese zwei Fragen erst auf den zweiten Blick ihre existenzielle Tragweite offenbaren, so führe ich hier ein gechilltes Leben: Schnee schippen, Kindern in den Sessel helfen, an den freien Tagen Snowboard fahren oder Skitouren machen. Mehr noch. Wenn ich mein Leben global betrachte, dann weiß ich, dass ich in meinem Beruf erfolgreich bin, von Kollegen geschätzt, von Freunden und Familie geliebt.

Ich kann es mir leisten, um die Welt zu reisen, inspirierende Menschen kennenzulernen, bin körperlich gesund, zahle in die Rentenversicherung ein. Kurz gesagt: Ich führe ein gutes Leben. Ich weiß es, ich schätze es, ich bin dankbar dafür. Und dennoch sitze ich hier in der Dunkelheit und bin traurig.

Das Sonnenscheinchen unter den Menschen

Zugegeben: Ich habe noch nie zu den Sonnenscheinchen der Menschheitsgeschichte gehört. Das Glas ist bekanntlich eher halb leer als halb voll. Mit dem Motto „Optimismus können sich nur die Unwissenden leisten“ bin ich in meinen 20ern ganz gut gefahren. Bis … ja, bis eigentlich was? Es passierte mir nichts, was nicht Millionen anderen Menschen schon passiert worden ist. Nichts Außergewöhnliches. Nichts Spektakuläres.

Heute frage ich mich, warum die damaligen Geschehnisse mich so aus der Bahn geworfen haben. Habe ich eine genetische Prädisposition? Verfüge ich über zu wenig Resilienzfaktoren? Wenn ich bei Google das Wort „Depression“ eingebe, bekomme ich 337 Millionen Ergebnisse zu lesen. Und keines davon gibt mir die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was tue ich, damit es mir besser geht?

Wenn ich bei Google das Wort „Depression“ eingebe, bekomme ich 337 Millionen Ergebnisse zu lesen. Und keines davon gibt mir die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was tue ich, damit es mir besser geht?

Und dann kommt das, was mich richtig abfuckt. Ich weiß einfach nicht weiter. Ich habe alles gegen die Depression ausprobiert: Therapie, Selbsthilfegruppe, Medikamente, das eigene Leben auf den Kopf stellen. Ich bin sogar mit einem Partner zusammen, der davon weiß, nicht wegläuft, es akzeptiert und mich unterstützt. Und vielleicht ist es auch der Knackpunkt an der ganzen Geschichte. Ich muss es akzeptieren.

Akzeptieren, dass es nicht bloß eine Phase ist; akzeptieren, dass es zu meinem Leben dazu gehört; akzeptieren, dass es kein Heilmittel gibt. Es tut bloß so scheiße weh. Es fühlt sich wie ein gebrochenes Herz an. Es ist zwar nicht ein anderer Mensch aus meinem Leben verschwunden. Es ist ein Stück von mir gewesen.

Eine Liebeserklärung

Im Laufe der Zeit habe ich eine Fassade aufgebaut. Ich versteckte mich hinter der Maske der Fröhlichkeit und ließ die Dunkelheit nur raus, wenn ich alleine war. Es war ein einsames Leben. Ein Leben voller Scham, weil ich mich dafür schämte, dieses gute Leben geschenkt zu bekommen zu haben und es dennoch schaffe, mich beschissen zu fühlen. Wie akzeptiere ich also, dass diese Krankheit ein Teil von mir ist, ohne mich darüber zu definieren? Paradoxerweise heißt es für mich, mich zu öffnen; mich zu zeigen; an guten wie an schlechten Tagen; darüber zu sprechen; mich nicht länger zu verstecken.

Wie akzeptiere ich, dass diese Krankheit ein Teil von mir ist, ohne mich darüber zu definieren?

Und wem soll jetzt die Liebeserklärung gelten? Sie gilt all den wunderbaren Menschen in meinem Leben, die mir zeigen, dass ich keine Leistung erbringen muss, um geliebt zu werden. An manchen Tagen der grimmige Grinch zu sein, reicht anscheinend völlig aus.

Und einem Menschen möchte ich ganz besonders danken. Hey Bruderherz. Dich meine ich. Weißt du noch, wie ich dir damals erzählte, dass es mir nicht gut gehe? Ich hatte einfach keine Kraft mehr gehabt, das Gegenteil zu behaupten. Die Art und Weise, wie du damals reagiert hast, war ein Wendepunkt für mich und für unsere Beziehung. Ich danke Dir für deine unaufdringliche Art mich danach zu fragen, wie es mir geht. Wie es mir WIRKLICH geht. Ich liebe dich!

Anm. d. Red.: Falls du selbst depressiv bist, wenn deine Seele so sehr schmerzt, dass nichts mehr geht, melde dich bitte umgehend bei einem Arzt oder informiere dich bei Freunde fürs Leben. Je früher du über deine Gefühle sprichst, desto besser kann geholfen werden. Du bist nicht allein.

Anna nimmt sich gerade eine Auszeit vom Leben. Das Leben hat sie trotzdem eingeholt. Man kann von sich selbst nicht weglaufen. Das ist bisher ihre wichtigste Lektion im Leben.

Headerfoto: Analise Benevides via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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