Den eigenen Selbstwert erkennen: Warum fühle ich mich in Begleitung eines Dates plötzlich selbstsicherer?

Es ist Freitagnachmittag, die Sonne zeigt sich nach düsteren Tagen mal wieder und ich öffne erneut die Datingapp. Seine Nachricht springt mir regelrecht entgegen. Er ist ein Match von vor ein paar Tagen, bisher habe ich ihn hingehalten. Aber es ist bereits Monate her, dass ich auf einem Date war. Deswegen ist er mein Verlassen der Komfortzone, das ich mir regelmäßig vornehme. Er ist aber auch mein „Mich mal wieder als Frau wahrgenommen fühlen“.

Dating: Raus aus der Komfortzone

„Das Wetter scheint gut, sollen wir uns einen Kaffee holen und eine Runde gehen?“, schreibt er. Ich hatte schon einen Kaffee und weiß, dass ich keinen zweiten vertragen werde, also schlag ich ihm Bier vor und gleichzeitig: „Ist es okay, wenn wir uns nicht umarmen? Ich umarme momentan meine Freunde nicht und will das lieber vorher kommunizieren.“

Mir fällt es immer noch schwer, meine Grenzen mitzuteilen. Er findet es gut, dass ich das anspreche.

Ich bin froh, dass ich mein Anliegen ausgesprochen habe. Das habe ich nämlich in der Vergangenheit viel zu selten gemacht. Mir fällt es immer noch schwer, meine Grenzen mitzuteilen. Er findet gut, dass ich das anspreche, stimmt mir zu und ist begeistert von meinem Bier-Vorschlag.

So lächeln wir uns nur an, während ich mein Rad abschließe und bereits merke, wie aufgeregt er ist. Und ich, ich werde augenblicklich entspannter. Als müsste ich seine Aufregung ausgleichen, werde ich selbstsicherer, bezahle das Bier, mache es mit meinem Flaschenöffner auf und gebe die Richtung vor, in die wir unser Wochenende einläuten.

Während wir also über den Grüngürtel der Stadt spazieren, lasse ich meinen Blick schweifen und merke im selben Moment, wie meine Augen Stärke versprechen. Wie ich den Blick anderer Menschen länger halten kann, wie ich sie anlächle. Und es kommt mir vor, als werde ich von anderen Männern mehr wahrgenommen.

Ich merke, wie ich den Blick anderer Menschen länger halten kann, wie ich sie anlächle. Und es kommt mir vor, als werde ich von anderen Männern mehr wahrgenommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass mir das auffällt, dass ich diese Wesensveränderung an mir selbst so bewusst bemerke. Später erzähle ich einer Freundin, wie ich mich attraktiver, ja fast schon begehrter fühle in Begleitung eines Mannes.

Dabei spielt es keine Rolle, welcher Mann neben mir geht. „Du hast so eine krasse Ausstrahlung, ich glaub nicht, dass ein Mann da irgendwas dran besser macht,“ sagt sie.

Kein Mann macht mich attraktiver

Warum ist das so? Ein Mann an meiner Seite macht mich natürlich nicht attraktiver. Aber ein Mann an meiner Seite scheint in mir etwas auszulösen. So sehr, dass ich eine andere Ausstrahlung habe.

Wenn mir solche Dinge in der Vergangenheit aufgefallen sind, habe ich meist versucht, den Ursprung zu finden. Woran liegt es, dass ich sobald ich alleine auf den Wegen der Stadt unterwegs bin, verlegen zur Seite schaue, schneller gehe, selten den Menschen in die Augen blicke, ja fast schon ein beklemmendes Gefühl in meiner Magengegend empfinde?

Ich habe mich nie gesehen gefühlt.

Ich springe zurück in meine Jugend, in der ich nicht wahrgenommen wurde als junge Frau, aber ich es mir so sehr gewünscht hätte. Ich habe mich nie gesehen gefühlt. Ich war das witzige, vorlaute Mädchen ohne jegliches Zeichen von Weiblichkeit. Erst als ich meinen ersten Kuss, meinen ersten Freund hatte, fühlte ich mich sichtbar für die männliche Bevölkerung. Es ist, als habe sich mein Unterbewusstsein genau das abgespeichert, auf die Haut tätowiert.

Zeit, sich selbst zu sehen

Aber ich bin keine 15-Jährige mehr, die sehnsüchtig auf ihren ersten Kuss oder auf ihre Oberweite wartet. Auch wenn ich den Stempel noch fühle, will ich nicht mehr, dass er mich beeinflusst. Es ist okay, diesen Stempel zu tragen, aber ich will mich nicht mehr von ihm abhalten lassen.

Erst als ich meinen ersten Kuss, meinen ersten Freund hatte, fühlte ich mich sichtbar für die männliche Bevölkerung. Es ist, als habe sich mein Unterbewusstsein genau das abgespeichert, auf die Haut tätowiert.

Es ist ein Jahrzehnt vergangen, ich bin erwachsen. Und es ist Zeit, in mir nicht mehr dieses Mädchen zu sehen. Es mag albern klingen, aber dass ich erkannt habe, dass es Zeit ist, ist für mich ein Schritt. Ein erster Schritt von einem Prozess.

Deswegen will ich mich und jede:n, der:dem es genauso geht, ermutigen, sich selbst und andere anzulächeln. Sich selbst zu sagen, dass wir fucking attraktiv sind. Sich selbst Mut zuzusprechen, Dates mit sich selbst zu haben. Sich selbst zu lieben.

Madita zog es nach ihrer Kindheit auf dem Land zum Leben nach London, Münster, Barcelona und Griechenland, auf der Suche nach Inspiration und der Erkenntnis sich überall zuhause fühlen zu können. Ihre Leidenschaft zum Schreiben teilt sie mittlerweile nicht nur privat, sondern auch als freie Autorin, auf kleinen Bühnen und auf ihren Instagramkanälen, mit dem Traum ihr Buch zu veröffentlichen und irgendwann vom Schreiben leben zu können.

Headerfoto: Jonathan Borba via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

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