Dating-Life einer Bisexuellen – gemischte Gefühle, gemischte Erfahrungen

Es ist schon witzig, was man über die Jahre an Erfahrungen sammelt und dabei lernt, wenn man Männer und Frauen beim Dating trifft. Irgendwann kann man beide Seiten verstehen. Zumindest ist es bei mir so. Ja Männer, Ihr habt mein Mitleid. Frauen zu daten ist wirklich kein Leichtes. Vor allem keine (eigentlich) Hetero-Frauen – da gebe ich Euch Recht. Natürlich gibt es auch hier wieder Ausnahmen, denn Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

Regeln, die scheint es weiterhin im Überfluss zu geben. Die Eine hält sich dran, der Andere nicht. Frauen präsentieren ihre beste Seite und warten darauf, von einem Mann umworben zu werden. Selbst auf Tinder. Männer schreiben zuerst, Frauen werden angeschrieben. Ich muss zugeben, in den meisten Fällen habe ich auch den Mann die Unterhaltung beginnen lassen. Im Nachtleben sind es schließlich auch meistens die Männer, die den ersten Schritt machen und warum sollte es hier anders sein?

Irgendwie sind die konservativen Verhaltensmuster ja doch noch in uns verankert.

Irgendwie sind die konservativen Verhaltensmuster ja doch noch in uns verankert. In meiner Familie ist das so. Von frühester Kindheit an wurde mir das Bild vermittelt, dass der Mann – in diesem Fall mein Vater – als Ernährer und „Vorstand“ des Hauses auf meine Mutter als auch auf meine Schwester und mich aufzupassen hatte.

Die Hausfrauenrolle meiner Mutter habe ich daher lange Zeit als unterwürfig empfunden und mir wurde suggeriert, bestimmt auch aufgrund des kleinstädtischen Umfelds, dass die Frau sich eher passiv, zurückhaltend – beziehungsweise nicht zu fordernd oder direkt – zu geben hat.

Natürlich überträgt man die erlernten Rollenbilder auf seine eigenen späteren (romantischen) Beziehungen und sein Liebesleben. Auch, wenn ich stets das Gefühl verspürt habe, mehr zu wollen und das auch einfach aussprechen zu müssen, so habe ich doch letztlich oftmals innegehalten und abgewartet. Mittlerweile ist das nicht mehr so. Seit einigen Jahren nicht mehr. Irgendwann war ich es leid.

In der Kleinstadt ist das nicht so einfach. Da muss man schließlich immer noch zusätzlich drauf achten, was die Nachbarn über einen denken und von einem erwarten. Mir ist bewusst, dass das nicht ausschließlich ein Phänomen von Kleinstädten ist. Die konservative Vorstellung ist in der Generation Y allgemein noch verankert, da wir alle, als Kinder der Nachkriegs-/Wirtschaftswundergeneration, ein zum größten Teil „traditionelles“ Familienbild vermittelt bekommen haben.

Man erfährt, wie Kinder entstehen und wie man sie verhindert – ebenso wie Krankheiten. Schlimme Krankheiten. Der Tod auf Raten. Sex ist grausam.

Aber auch in der – oftmals nicht vorhandenen – Sexualerziehung bzw. im Aufklärungsunterricht bekommen wir kein wirkliches Bewusstsein für unsere Weiblichkeit, unser Frausein mit auf den Weg. Aufklärungsunterricht trifft es witzigerweise wirklich gut. Man erfährt, wie Kinder entstehen und wie man sie verhindert – ebenso wie Krankheiten. Schlimme Krankheiten. Der Tod auf Raten. Sex ist grausam.

Nein. Versteht mich nicht falsch: Es ist unabdingbar, über die Risiken und Übertragungswege als auch über die Krankheiten selbst aufzuklären, aber es sollte nicht ausschließlich im Mittelpunkt stehen.

Der G-Punkt wäre auch mal eine schöne Sache. Oder ein gesundes Körperbewusstsein. Oder, oder, oder …

Ich schweife ab. Nachdem ich mich nun drei Jahre mit Dating-Apps wie Tinder und OkCupid auseinandergesetzt habe, muss ich sagen: Macht Euch frei! Es ist so anstrengend, wenn man beobachtet, wie die immer gleichen Mechanismen greifen, und alles dadurch so unfassbar vorhersehbar ist. Es ist immer die gleiche Leier.

Männer wollen vögeln, aber sind zu plump. Frauen wollen vögeln, aber sie sagen es erst gar nicht. Sie wollen umworben werden.

Männer wollen vögeln, aber sind zu plump. Frauen wollen vögeln, aber sie sagen es erst gar nicht. Sie wollen umworben werden. Manche Männer checken das und tun es. Ermüdet, aber zielführend. Wir Frauen denken, dass wir die Männer erobern lassen müssten. Ihr Männer denkt, wir stünden ausschließlich auf Komplimente über unser Aussehen und wären allgemein eher konsumorientiert unterwegs (… weil eigentlich dumm?).

Meine Lieblingskategorie Mann auf Tinder steht oberkörperfrei vorm Spiegel im Fitty (Hantelbank im Hintergrund – natürlich… Ach ja, und Daumen hoch – Beste!); stolz am Posen vorm (geleasten?) BMW/Mercedes/Audi und ist natürlich immer fett auf Tasche.

Klar doch. Nicht!

Diese Männer fangen bereits vorm Match an mit dem Schwanzvergleich. Aber natürlich gibt es auch hier andere. Ich spreche von einer Kategorie. Ebenso gibt es auch bei Frauen wieder verschiedene Kategorien. Mir sind in den letzten Jahren auch ganz wunderbar aufgeschlossene, direkte und interessante Frauen begegnet, die mehr Eier in der Hose hatten als manch einer meiner ehemaligen Liebhaber.

Männer treffen: Das funktioniert, ehrlich gesagt, innerhalb weniger Stunden. Egal wann. Da müsste schon echt viel schief gehen.

Ich liebe dieses Wort. Lieb-haber. Klingt so unschuldig – ist es nicht. Paradox. Ach genau, deswegen mag ich es. Aber allgemein habe ich vor allem in der letzten Zeit nochmal deutlich gemerkt, wie schwer es eigentlich ist, eine Frau zu treffen. Ich meine: wirklich zu treffen. Anders als bei einem Mann. Das funktioniert, ehrlich gesagt, innerhalb weniger Stunden. Egal wann. Da müsste schon echt viel schief gehen.

Natürlich kommt es auch hier wieder auf die Ansprüche an, womit ich nicht sagen will, dass ich keine habe.

Ein Beispiel: Wenn ich ca. zehn neue Matches mit Frauen habe, schreibt durchschnittlich eine zuerst. Aktiv beginne ich vielleicht mit vieren die Unterhaltung. Davon wiederum antwortet mir höchstens eine und nachdem ich der mutigen Gesprächsinitiatorin auf ihre Nachricht ehrlich geantwortet habe, um was es bei Tinder für mich geht, entpuppt diese sich zumeist als „bi-curious“/ „heteroflexibel“ und möchte einfach erstmal ein bisschen was wissen und vielleicht auch mal testen.

Die übrigen fünf Matches wandern entweder immer weiter nach hinten oder irgendwann findet doch nochmal überraschend ein Wechsel, entweder auf meine oder ihre Initiative hin, statt.

Das gleiche Beispiel mit zehn Männern würde jedoch anders aussehen. Überraschend – nicht wirklich. Mindestens fünf schreiben mir recht schnell und durchschnittlich einem schreibe ich zuerst. Die fünf Initiatoren bekommen direkt meine Absicht serviert und realisieren spätestens dann (wofür schreibt man eigentlich ne Bio?), dass ich sowieso nur sexuell verfügbar bin, da ich glücklich in einer offenen Beziehung mit einem Mann lebe.

Zugegeben, dass ich sowieso nur sexuell verfügbar bin, da ich glücklich in einer offenen Beziehung mit einem Mann lebe, wirkt auf die meisten Männer eher anziehend.

Zugegeben, das wirkt auf die meisten Männer eher anziehend. Es waren wirklich wenige, die darauf keinen Bock oder Angst vor Eifersucht meines Partners hatten. Dafür gab es immer mindestens zwei, die sich sofort durch ihre wirklich unfassbar dummen oder zuweilen respektlosen Antworten selbst ins Aus manövriert hatten. Ciao. Sag niemals was gegen den Mann an meiner Seite.

Dadurch habe ich wiederum auch eine andere Ausgangsposition als „normale“ Single-Frauen. Hier besteht schließlich die Möglichkeit einer romantischen Verbindung und das Umwerben beginnt. Hinzukommend gibt sich keine gerne her, denn das gehört sich nicht. Prostituierte verurteilen wir, weil sie Geld für Sex nehmen – aber es wäre schon schön, wenn das Tinder-Date uns heute Abend wenigstens vorher ins Kino oder chic zum Essen einlüde. Vielleicht noch ein paar teure Drinks und die Taxi-Fahrt dazu.

Ab in sein Bett. Jede hat ihren Preis.

Auch hier spreche ich wieder nur von einer Kategorie Frau. Mit ist das schon häufiger aufgefallen, wenn ich eingehende Diskussionen über die Themen Prostitution oder Escort geführt habe. Die gleichen Frauen, die Prostitution als verwerflich verurteilen, verlangen oftmals im gleichen Atemzug ein Date der Extraklasse und Hollywood-Klischees am laufenden Band. Yeah. Kostet.

Denkt mal drüber nach.

Beim männlichen Teil der Schöpfung ist mir hingegen immer wieder aufgefallen, wie viel Doppelmoral auch hier im Spiel ist. Die aktuelle Affäre sollte möglichst hemmungslos, rund um die Uhr verfügbar, aber dennoch entspannt sein – und keine Besitzansprüche stellen. Hierfür eignet sich natürlich besser eine Frau, die es mit ihrer eigenen Sexualmoral nicht allzu eng sieht.

Für lockeren Sex? Klasse! Als Freundin? Lieber nicht.

Diese ist wiederum beim Karneval der maskierten Gelüste – und auf Tinder – schwer zu entlarven. Freundinnen-Material ist sie aber dann noch lange nicht. Eine (un)schöne Aussage, die ich selbst immer wieder zu hören bekam. „Für lockeren Sex? Klasse! Als Freundin? Lieber nicht.“ Durch die Blume lautet die Kernaussage dieser Botschaft doch: Eine offene und lockere Sexualmoral macht dich zu einer Schlampe. Zumindest nicht zu der Frau, die Mann an seiner Seite haben oder seiner Familie/Freunden präsentieren möchte.

Na ja, ich bin ja eigentlich der Überzeugung, dass es hierbei viel mehr darum geht, dass die Männerwelt oftmals Angst vor sexuell befreiten Frauen hat, denn diese Frauen sind mächtig und geben sich nicht so schnell befriedigt – im wahrsten Sinne des Wortes. Paradox, wenn man bedenkt, dass in der Welt der Dating Apps eben genau nach diesen Frauen gesucht wird.

Außerdem kann ich die Aussage: „Boah meine Ex-Freundin war voll die Schlampe und jetzt kann ich nie wieder wirklich lieben und bin total bindungsgestört“ nicht mehr hören. Was ein Abturner. Das Einzige, was ich an dieser Stelle raushöre, ist Folgendes: „Ich bin unreflektiert, ich schiebe alles auf andere, ich befasse mich nicht mit meinen Gefühlen und ich will ewig verletzt und trotzig bleiben. Wuäh.“

Damit die eigene Rumhurerei und Rastlosigkeit zu erklären ist – halt einfach nur: einfach. Mehr nicht. Das lässt einen übrigens auch nicht besonders unabhängig und verrucht wirken – im Gegenteil. Aber das nur nebenbei. Es wirkt bemitleidenswert.

Man weiß nicht mehr, wie man sich nun verhalten soll. Diese ganzen Erwartungen, Ängste, Klischees, Stereotypen, sozialer Druck, Erfahrungen

Ja okay, das klingt vielleicht alles jetzt etwas hart. Man weiß schließlich einfach nicht mehr, wie man sich nun verhalten soll. Diese ganzen Erwartungen, Ängste, Klischees, Stereotypen, sozialer Druck, Erfahrungen …

Macht Euch frei!

Gerade bei Dating-Apps würde es der anonyme Erstkontakt (ein Foto stellt noch keine Bindung her; ein Swipe auch nicht) auch Frauen ermöglichen, mal etwas aus sich herauszukommen und klar zu formulieren, warum sie diese App eigentlich genau benutzen. Auch ist es nicht besonders spannend, jemandem alles aus der Nase ziehen zu müssen und jeden Vorschlag mit: „Mir egal. Mir gleich. Wie du magst. Entscheid du“ kommentiert zu bekommen.

Das ist ermüdend und wenig interessant. Lasst Euch nicht so lange bitten. Formuliert selbst mal eine klare Bitte oder ein Bedürfnis. Ich muss zugeben, dass ich über die Jahre ein klein wenig mehr Verständnis für den vom Dating-Life enttäuschten Teil der Männerwelt entwickelt habe. Natürlich ist es frustrierend, wenn man über Tage oder Wochen versucht, eine Dame davon zu überzeugen, mit einem ins Bett zu gehen; wenn man Interesse heuchelt; Geschenke macht; Komplimente ausspricht; sie umwirbt … und dann kriegt man am Ende eventuell doch noch einen Korb.

Es ist kein schönes Gefühl, wenn man glaubt, sich anpreisen zu müssen, um seinem Gegenüber davon zu überzeugen, dass es sich eventuell lohnen könnte, mal kurz zusammen einen Blick unter die Bettdecke zu werfen. Alle wollen sich doch letztlich nur gut und gewollt fühlen. Oder nicht?

Die Sicht der Frau darf an dieser Stelle auch nicht außer Acht gelassen werden. Es ist ebenso ermüdend, die immer wiederkehrenden schlechten, respektlosen, oberflächlichen, dämlichen Sprüche zu hören oder auf sein Aussehen reduziert zu werden. Ständiges erstaunen, wenn der Herr dann realisiert, dass unter der hübschen Hülle auch ein eigenständiges Wesen mit einem Gehirn steckt.

Ehrlich gesagt, kotze ich das nächste Mal im Strahl, wenn ich noch einmal den Spruch höre: Oha, nicht nur schön, sondern auch noch intelligent!

Ja! Ehrlich gesagt, kotze ich wahrscheinlich das nächste Mal im Strahl, wenn ich noch einmal die Antwort bekomme: „Oha, nicht nur schön, sondern auch noch intelligent. Gefährlich!“ Wieso sprechen wir gutaussehenden Menschen gerne ihre Intelligenz ab – bzw. erst nachträglich zu?! Aus Neid. Das ist es. „Wieso soll die/der beides haben? Das wäre ja ungerecht. Außerdem freut sie sich doch bestimmt, wenn ich ihre Intelligenz lobe und noch einmal hervorhebe.“ Das wirkt einfach nur überheblich Jungs, mehr nicht!

Zurück zum Thema: Das Ping Pong der Frustrationen lässt sich mittels OkCupid, Tinder, Lovoo und wie sie alle heißen ausgesprochen anschaulich darstellen. Eigentlich wollen alle das gleiche, aber alle bekommen etwas anderes. Mit wie vielen Frauen habe ich gesprochen, die eigentlich ein großes Verlangen haben, aber ein ebenso großes Problem damit, sich zu öffnen oder fallen zu lassen.

Das liegt u.a. daran, dass ihnen immer vermittelt wurde, sie müssten mit sich und vor allem ihrer Vagina unglaublich vorsichtig umgehen und ihre Lust immer eher verstecken, als sie zu präsentieren. Im Alltag Feministin, im Bett die eiserne Jungfer. Schwierig.

Wie würde der Paarungstanz wohl von statten gehen, wenn jeder zur Abwechslung mal offenkundig seine Vorlieben, Interessen, Intentionen bei der Suche und Grenzen ausspräche? Wäre das nicht einfach ehrlich und authentisch? Ohne Rücksicht darauf, ob es vielleicht zu nuttig oder, im Gegenteil, vielleicht sogar zu romantisch klingen könnte. Einfach mal machen. Weniger rumlabern, mehr vögeln. Ohne große Erwartungen ins Gespräch einsteigen; zum Treffen erscheinen.

Und was ist, wenn ich dann enttäuscht werde? Ja, okay. Kein Weltuntergang …

Überrascht werden kann man übrigens auch.

Headerfoto: Bruce Dixon via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NADINE studierte nach dem Abitur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Romanistik und Geschichte (Bachelor of Arts) und Internationale Geschichte der Neuzeit (Master of Arts). Aktuell absolviert sie ein Volontariat in einer Werbe-/Medienagentur und arbeitet nebenbei als Model, um genug Zeit für ihre Recherchen und Gedanken zu haben und sich das Schreiben zu finanzieren. Das Reisen ist eine ihrer größten Leidenschaften, ebenso wie Philosophie, Soziologie und (Kultur-)Geschichte. Auf ihrem Blog und Instagram, als auch auf Facebook teilt sie Eindrücke aus ihrem Alltag und persönlichen Erlebnissen. | Foto der Autorin: Kilian Amrehn.

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