Das Risiko mit der Liebe – wenn der Angst zu viel Macht gegeben wird

Und da war er – der Anruf, der alles wieder beenden sollte. Der Moment, auf den ich mich innerlich irgendwie schon vorbereitet hatte. Und wieder tut es weh. Nicht ganz so weh, wie beim letzten Mal, weil auch ich jetzt etwas rationaler denken kann – aber den Schmerz fühle ich dennoch.

Unsere Geschichte begann eigentlich so einfach, so schwerelos, um dann nach kürzester Zeit so viel komplizierter zu werden, als alles, was ich bisher erlebt hatte.

Ich hatte gerade erst den Schmerz meiner letzten Trennung überwunden, gerade eben mein kleines Herz wieder zusammen geflickt – und dann kamst du. Du kamst mit so einer Wucht, dass es mich umgehauen hat. Dein anfängliches Interesse und deine fast schon Anhänglichkeit, hat den Eisblock um mein Herz wieder aufgetaut. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, schwammen auf der gleichen Welle und auch auf den gleichen kleinen alltäglichen Problemen.

Angst vor Risiko, vor Verletzung, vor Verlust

Nach ein paar gesprächsintensiven und harmonischen Dates hast du angefangen, deine ersten Zweifel zu äußern. Sie betrafen nicht meine Person an sich, sondern die Umstände. Es waren immer die äußeren Umstände, die es dir nicht ermöglichten, dich komplett auf mich einzulassen. Wo keine Probleme waren, hast du welche erschaffen.

Du sagtest mir, es sei kompliziert. Du weißt, was du dir wünschst, aber doch nicht so ganz, was du eigentlich willst und kannst. Du hättest Angst, mich zu verletzen, weil du unberechenbar bist. Du hättest Angst, das Risiko mit mir einzugehen. Angst, wieder etwas zu verlieren, wenn es schief geht. Du hast in deinem Leben schon so viel riskiert und bist so oft enttäuscht worden.

Sagtest, dein Leben wäre mit deinem Job und deinem Hund schon kompliziert genug. Aber du möchtest ja so gerne eine Partner*in an deiner Seite haben. Eine Partner*in, mit der du alles zusammen machen kannst, dir eine Zukunft aufbauen kannst. Mittlerweile bist du aber der Meinung, dass dies nur eine Vorstellung sei, die sich nicht realisieren lasse.

Aber wie soll man Liebe erfahren, wenn man sich vor ihr versteckt?

Ich war ein Risiko – ein Problem. Doch gehen nicht Glück und Risiko Hand in Hand? Jemanden kennen zu lernen, sich auf den jemanden einzulassen, Gefühle zuzulassen, ist doch immer mit einem Risiko verbunden. Aber wie soll man Liebe erfahren, wenn man sich vor ihr versteckt?

Und so wolltest du es das erste Mal mit mir beenden. Du sagtest, du hättest einen Schalter, mit dem du deine Emotionen einfach ausschalten könntest. Du könntest mir nicht versichern, ob du es schaffen würdest, Gefühle zuzulassen. Damit hattest du wohl schon immer ein Problem.

Ich überzeugte dich davon, der Sache eine Chance zu geben. Tat so, als wäre mein Herz stark genug, auch wenn der Versuch scheitern würde. Sagte dir, ich könnte ja wohl selber entscheiden, welches Risiko auch ich mit dir eingehe. Brachte dir Verständnis entgegen, für die Probleme, die dein Leben mit sich bringt. Ich hatte die Hoffnung, die Eine zu sein, bei der sich alles ändert.

Bin ich die Eine, bei der sich alles ändert?

Und damit ging unsere elendige Geschichte weiter. Wir versuchten es weiter. Du hast versucht, deinen Kopf und deine Zweifel auszuschalten. Wenn wir uns trafen, gab es diese ganzen Probleme und Zweifel nicht. Wir schalteten zusammen ab – hörten die Musik, die wir beide so liebten, du spieltest auf deiner Gitarre für mich, wir vergruben uns unter fettiger Pizza, fütterten uns gegenseitig mit Nutella, lachten, küssten und liebten uns.

Doch an den Tagen darauf, wo wir uns nicht sahen, du alleine mit deinem Gedanken warst, brachst du wieder zusammen. Sagtest mir, du würdest es alles nicht mehr packen. Es sei zu viel. Dein ganzes Leben würde dich überfordern.

Eines Tages hast du es dann unter Tränen am Telefon beendet. Du müsstest erstmal dein Leben ordnen. Es läge nicht an mir – sondern an dir.

Und so hast du mich mit meinen Gefühlen zurückgelassen. Mein Herz zersprang in tausend Teile. Du lässt mich nun einfach zurück? Nachdem ich so viel Verständnis für dich und deine Situation gezeigt habe, sich die letzten Wochen nur um dich und deine Probleme drehten, ich meine eigenen Gefühle und Wünsche dabei komplett zurückgeschraubt habe, weil ich Angst hatte, noch mehr Druck zu machen? Nachdem ich mich selbst dabei etwas verloren habe?

Und da hing ich wieder in meiner emotionalen Abhängigkeit

Nach fast zwei Wochen der Stille, nachdem ich es fast geschafft hatte, mir selber einzureden, dass du gar nicht so einen großen Platz in meinem Herzen eingenommen hattest, kamst du wieder. Sagtest, du seist dir über einiges bewusst geworden. Ich wäre doch die potenziell perfekte Partnerin. Ich sei doch eigentlich genau das, was du dir wünschst. Und da hattest du mich wieder. Das kleine letzte Fünkchen Hoffnung wieder vollends entfacht. Und da hing ich wieder in meiner emotionalen Abhängigkeit.

Du gabst dir Mühe. Eine Woche lang. Doch zwischen uns wurde es immer kälter. Durch deine ganzen Zweifel, deine Aussagen darüber, dass deiner Meinung nach unsere Lebenssituationen eigentlich gar nicht zu einander passen, die unzähligen Momente, in denen du mich von dir weggestoßen hast, baute ich eine Schutzmauer auf. Eine Mauer, die mich daran hinderte zu sein, wie ich bin.

Aus einem liebegebenden Menschen wurde jemand, der sich automatisch ans andere Ende der Couch setzte, um dich nicht zu bedrängen. Aus jemandem, der sich gerne unterhält und rumalbert, wurde jemand, der über jeden Satz vorher dreimal nachdachte, um nichts Falsches zu sagen. Ein selbstsicherer Mensch, der Angst hatte, Fehler zuzugeben – nicht perfekt zu sein. Ein Problem für dich zu sein.

Für die Liebe muss man das Risiko eingehen 

Nach einem weiteren gemeinsamen Wochenende, wurde es dir wieder zu viel. Du merktest anscheinend, wie ernst es mir mit dir war. Und das machte dir Angst. Und da war er wieder, der Anruf, der alles wieder beenden sollte. Du kannst die Gefühle nicht zulassen. Ich bin anscheinend einfach nicht die Richtige.

Und nun sitze ich wieder hier, wieder vor den Scherben meines Herzens. Am Ende bist nicht du das Risiko eingegangen, sondern ich. Du hast deine Emotionen einfach ausgeschaltet, ich nicht. Ich war immer stolz darauf, in der heutigen kurzlebigen Zeit noch ein empathischer, gefühlvoller und emotionaler Mensch zu sein. Jetzt wünsche ich mir deinen Schalter. Kopf an, Herz aus.

Und doch weiß ich, irgendwann werde ich dieses Risiko wieder eingehen. Denn wie soll man Liebe erfahren, wenn man sich vor ihr versteckt?

Mrs. Ives liebt Tiere mehr als Menschen.

Headerbild: natasha tirtabrata via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

2 Comments

  • Befinde mich momentan ebenso im Gefühlchaos. Am Anfang war ich voll positiv die große Liebe gefunden zu haben. Habe auch alles gegeben- Gefühle, Verständnis, zurückgesteckt mit eigenen Interessen. Das Problem: ich liebe jetzt- Gefühl über Verstand, jetzt fang ich an mit Verlustangst, die Unsicherheiten, Verletzungen gingen nicht spurlos an mir vorrüber.Jetzt bin ich es die in Therapie muss Und versuche die Beziehung zu retten.

  • Kleiner Tipp: Wenn etwas schon mit so einem Rumgeeiere beginnt, Finger davon lassen! Der (verkorkste) Herr wusste schon vorher, dass du nicht die Richtige bist, war aber zu feige, es zu sagen.

    Habe diesbezüglich auch schon Erfahrungen machen “dürfen” – aber mit knapp 37 hat man dann GsD mehr Lebenserfahrung als noch in den 20ern. 🙂

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