Corona-Ödnis: Wenn selbst der Tapetenwechsel nicht mehr hilft

Vor zwei Wochen, als ich nach einiger Zeit mal wieder in der Heimat war, hat mich meine Schwester gefragt, wie es denn mit den Fallzahlen in Berlin-Brandenburg gerade aussehe und ich konnte ihr die Frage nicht beantworten. Grund: Ich überhöre es schlicht und einfach.

Ich kann mich noch erinnern, irgendwas kam in den Nachrichten, irgendwas im Radio, irgendwas auf der Facebook-Seite der MAZ. Ich bin inzwischen so sehr abgestumpft wie Benjamin von Stuckrad-Barre, der keine Kirchenglocken mehr hört, weil er Pastorensohn ist und seine Jugend quasi neben einer Messingschelle verbrachte.

Der wachsende Hang zum Pessimismus

Mir ist diese Woche klar geworden, dass ich langsam nicht mehr kann. Oder besser gesagt: Ich hätte nichts dagegen, wenn Corona jetzt einfach mal vorbei wäre, echt nicht. Dabei muss ich zwei Punkte zugeben: Erstens bin ich damit sicherlich nicht alleine, denn ich denke, dass diesen Wunsch im Moment eigentlich jede:r hegt.

Und zweitens ist es natürlich auch so, dass ich aus einer doch recht privilegierten Position argumentiere. Die Wohnung, in der ich lebe, ist groß genug, dass man sich sehr gut voreinander verstecken kann, somit ist ein gegenseitiges Sich-auf-den-Sack-gehen mit den Mitbewohner:innen fast nicht möglich. Ich kann von zu Hause aus problemlos arbeiten und bin im Gegensatz zu vielen anderen Studierenden nicht plötzlich joblos. Aber egal, gemeckert werden darf ja auch auf relativ hohem Niveau, sind ja in Deutschland.

Ich hätte nichts dagegen, wenn Corona jetzt einfach mal vorbei wäre.

Vor ein paar Monaten war das Empfinden, welches ich meinen eigenen vier Wänden gegenüber in mir trug, noch von einer allgemeinen Ödnis betroffen. Langweilige weiße Wände, langweilige Dekoration, langweiliger Spiegel, langweilige Fotos, langweiliger Wandbehang. Alles irgendwie nicht so dolle.

Dann haben sich diese Empfindungen langsam gewandelt und alles wurde nach und nach immer ätzender, bis es schlussendlich in eine einzigartige Unerträglichkeit gemündet ist.

Scheiß penetrant weiße Wände, Kack-Dekoration, doofer Spiegel, ätzende Fotos mit pseudo-fröhlich lächelnden Menschen, und dieser nervige Wandbehang macht echt aggressiv. Man merkt es an meiner Wortwahl.

In meinem Kopf schwirren noch deutlich andere Kraftausdrücke herum, die fallen aber jetzt nicht, weil es könnten ja Minderjährige anwesend sein. Unter anderen Umständen wäre es wahrscheinlich irgendwas mit Hurensohn geworden. Nur eben als Adjektiv. Hurensohnlich. Hurensöhnlich. Hurensohnartig. Ein Hoch auf die Neologismen dieser Welt.

Selbsthilfe inmitten des Corona-Wahnsinns

Ich habe es ja mit Selbsttherapie versucht, ungefähr so, wie wenn man sich bei Ohrenschmerzen ein stinkendes Zwiebelsäckchen an das schmerzende Hörorgan drückt und aus einem kleinen Glasfläschchen mehrere weiße Zuckerperlen auf die Hand purzeln lässt und sich diese hinter die Binde kippt. Da hätte man ehrlich gesagt gleich Mettbrötchen mit Zwiebeln von machen können, wäre vermutlich effektiver gewesen gegen die Schmerzen. Ohne Fleisch, versteht sich.

Ähnlich wie mit diesem Zwiebelsäckchen, habe ich versucht, die Situation mit einem Ortswechsel zu lösen und bin in die Heimat gefahren. Es hat, gelinde gesagt, nicht ganz so gut geklappt.

Genauso wie mit Zwiebelsäckchen und Globuli hatte ich erst das Gefühl, dass das jetzt wirklich hilft; andere Umgebung, andere Wände, andere Dekoration. Nur um dann schlussendlich feststellen zu müssen: Es ist ja doch irgendwie überall das Gleiche. Wände, Deko, alles überall das Gleiche, nur in einer anderen Erscheinung. Überall hurensohnmäßig penetrant weiße Wände.

Das Gleiche erneut tun und ein anderes Ergebnis erwarten, ist das erste Anzeichen von Wahnsinn.

Es hilft übrigens auch nicht zu streichen. Sie bleiben trotzdem weiß. Was auf den ersten Blick zu helfen scheint, ist auf den zweiten doch nicht so gemeint (des Placebos erster Satz).

Trotz allem habe ich es in den vergangen Monaten immer wieder versucht, einfach nur für dieses kurze Gefühl, dass es doch etwas hilft. So wie ich mir jedes Mal, wenn mich die Ohrenschmerzen plagen ein Zwiebelsäckchen mache und mir die Bella Donna auf meiner Zunge zergehen lasse. Ist übrigens ein ganz schön dramatischer Name für ein Medikament mit 0,0000 Prozent Wirkstoff.

Das Gleiche erneut tun und ein anderes Ergebnis erwarten, ist das erste Anzeichen von Wahnsinn heißt es bei … weiß ich nicht mehr so genau. Gewiss irgendein schlauer Mensch. Aber passt ja auch, wir befinden uns ja seit geraumer Zeit irgendwie im Wahnsinn. Corona-Wahnsinn.

Corona ist nicht vorbei

Trotzdem habe ich tatsächlich etwas aus meinen Heimatbesuchen mitgenommen. An Mamas Postkartenwand, die überladen ist mit Binsenweisheiten wie „Eine gute Freundin ist wie ein BH. Sie unterstützt dich, lässt dich nicht hängen und ist immer nah an deinem Herzen“ (Wahrheitsgehalt: 100 %) hängt unter anderem auch: Alles wird gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.

Und diese Karte hat verdammt noch mal Recht. Es ist noch nicht vorbei. Wahrscheinlich noch lange nicht. Also tragt weiter Masken. Haltet Abstand. Trefft nicht so viele Menschen (90 % aller Menschen sind eh scheiße, sagt Ihre hauseigene Misanthropin). Wascht regelmäßig die Hände. Niest in den verkackten Ellenbogen.

Und denkt immer daran, Bob der Baumeister sagt: Können wir das schaffen? Jo, wir schaffen das! Und wer sprechende Fahrzeuge besitzt, der ist quasi auch Philosoph:in und Virolog:in in einer Person.

Eine Frage habe ich aber noch zum Schluss: Wann um alles in der Welt war dieser Moment, in dem der Wendler eine meinungsgebende Instanz in diesem Land geworden ist? War das, als bekannt wurde, dass er mit einer 19-Jährigen zusammen ist? Als er sich mit Oliver Pocher geprügelt hat? Oder doch erst, als er mal kurz in der DSDS-Jury vorbei geschnuppert hat?

Leute, hört nicht auf den! Guckt euch Dr. Mai Thi Nguyen-Kims Youtube-Video dazu an. Und wenn ihr damit fertig seid, guckt euch Videos von Hundewelpen auf Instagram an. Hilft zwar nicht gegen Corona, aber auf jeden Fall gegen trübe Down-Momente.

Luisa Kröhle wurde 1996 in Braunschweig geboren. Sie studiert in Potsdam Germanistik und Philosophie, weil sie so zwei ihrer liebsten Beschäftigungen miteinander verbinden kann: Schreiben und Denken. Hunde liebt sie, Schlangen eher nicht so. Nacht findet sie besser als Tag und Frühling und Herbst besser als Sommer und Winter. Meistens ist sie süß, manchmal auch ein bisschen bitter, weshalb ihr eigener Blog Bittersüß heißt.

Headerfoto: Gemma Chua-Tran via Unsplash (Wahrheit oder Licht Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

 

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