Copy and Paste Dates

Ich bin seit fast drei Jahren Single. Seit zwei Jahren aktiv auf der Suche nach einer neuen festen Bindung. Irgendwie kam ich auf die Idee, mich bei einem Onlinedatingportal anzumelden. Natürlich musste es ein kostenloses Angebot sein, denn nur verzweifelte Schattengewächse investieren neben Zeit auch noch Geld in Singlebörsen. Es sollte Finya werden. Davon hatte ich mal gehört. Anmelden, Oberflächlichkeitsgedöns ausfüllen, Bild hochladen, ab geht‘s. Meine Initialnachricht an potenzielle Herzensdamen musste sich von denen der Konkurrenz deutlich absetzen, aber dennoch so massenkompatibel sein, dass sie durch Copy and Paste in den Finya-Sphären leicht verteilt werden konnte. Meine liebste Erstnachricht:

„Hallo XY, ich bin hier neu angemeldet. Ich benötige einen Tipp von dir: Welche Frage sollte ich stellen, auf die du in jedem Fall antworten würdest?“

Schnell erwies sich diese Einstiegsfloskel als sehr erfolgreich, so dass ich mit dem Antworten auf die Reaktionen kaum nachkam. Neben den typischen Smalltalkchats erfolgten hin und wieder auch sehr interessante Konversationen über Gott und die Welt. Das hätte ich bei einem kostenlosen Singleportal, in dem die weiblichen Suchenden mit Nachrichten überschüttet werden, nicht erwartet. Bald zeigte sich, dass eine meiner größten Charakterschwächen auch in den Weiten des Onlinekennenlernens hinderlich war: Meine Ungeduld.

„Lass uns erst mal schreiben.“

Boah, wie nervig! Die Logik mit dem endlosen Hin- und Hergeschreibe hat sich mir nie erschlossen. Wenn ich mir ein neues Auto zulege, beharre ich doch auch nicht darauf, mir wochenlang das Hochglanzprospekt anzuschauen. Nein, ich will Probe fahren und herausfinden, ob sich die Projektion, die sich aufgrund der geschönten Bilder und zurechtgelegten Texte in meinem Kopf aufgebaut hat, auch ins reale Leben übertragen lässt. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Erst-mal-Schreiben ist wichtig und nur daraus folgt nach dem ersten visuellen Interesse eine gewisse Sympathie. Aber wenn nach dem Erst-mal-Schreiben ein weiteres Erst-mal-Schreiben angesagt war, habe ich schnell das Weite gesucht. Glücklicherweise wollten mich ein paar interessante Frauen nach wenigen Tagen Chatten treffen.

Zwei Jahre Finya … verdammt!

Ich hatte viele Dates. Und mit „viele“ meine ich so viele, dass ich nicht mehr aufzählen kann, wie viele es genau waren. Im letzten Jahr habe ich einen zweiwöchigen Date-Marathon hingelegt. Neun verschiedene Dates an neun Abenden. Namen und Orte hinterlegte ich in meinem Outlook-Kalender, um nichts durcheinander zu bringen. War ich süchtig? Gut möglich. In jedem Fall war es total interessant, binnen so kurzer Zeit so viele Frauen, so viele verschiedene Charaktere kennenzulernen. Für mich gab es drei Kategorien von ersten Dates:

  1. Ein Höflichkeitsbier vom Späti, dann bin ich weg

  2. Etwas Lockeres kann ich mir durchaus vorstellen

  3. Die Frau muss ich kennenlernen

Die zweite Art der ersten Dates war bei mir die häufigste. Natürlich hatte ich nicht mit jedem Date der Kategorie II Sex. Ich muss auch anmerken, dass ich diejenigen Frauen, an denen ich ein ausschließlich lüsternes Interesse hatte, das immer habe wissen lassen. Verarscht werden ist scheiße! Irgendein kluger Kopf hat früher auf der Schultoilette folgende – na ja, nennen wir es mal Weisheit – hinterlassen: „Du wirst immer so oft verarscht, wie du selber verarschst.“ Und damit hatte er nicht ganz Unrecht.

Über Kategorie I muss ich eigentlich nichts sagen. Das kennt wohl ein jeder, der sich auf ein Date, das er vorher noch nie gesehen hat, einlässt. Hier ist es mit der Wahrheit schon etwas schwieriger. Ich habe einen riesigen Respekt vor den Leuten, die dem Gegenüber klar sagen, dass das Date keinen Sinn macht und sich fortan die Wege wieder trennen werden. BÄM! Den Arsch hatte ich nie in der Hose. Ich dachte mir immer: Gut, da muss ich nun durch. Ein Höflichkeitsbier vom Späti (aber nur ein 0,33l), ein kurzer Spaziergang, bloß nicht an Bars vorbeilaufen, maximal eine Stunde. Während dieser Dates habe ich mich – bitte verzeiht mir liebe Frauen von damals – so proletenhaft wie nur irgend möglich verhalten. Schlechte Witze wie „Ein versteinertes Mammut? – Hartmut!“ oder „Ein helles Mammut? – Helmut!“ gehörten genauso zu meinem Proll-Repertoire, wie ein völlig überzogenes Desinteresse, die Vermeidung jeglicher Dialoge, Rülpsen, meine frei erfundenen Geschichten aus dem Q-Dorf und dem Felix. Am liebsten hätte ich eine Goldkette herausgeholt und meine Haare auf Kampfansage getrimmt. Das Schlimme: Selbst an meinem Proll-Ich fanden einige Damen Gefallen und waren verwundert, als ich meinte, ich müsse gegen 22 Uhr nun endlich nach Haus, um noch das allwöchentliche Telefonat mit Omi zu führen. Autsch und nochmals: Verzeihung!

Kategorie III war eine Rarität und letztlich der Grund für all die Zeit, die ich im Netz investierte. Ich hatte genau vier erste Treffen dieser Art. Es waren wunderbare, nein perfekte, erste Dates. Es kam nicht auf die Umstände an. Es war völlig egal, ob man in der verrauchten Kneipe saß oder im Park an der Sonntagsstraße den Ratten beim Spielen zuschaute.
Nur: Warum hat es bei diesen Frauen nicht klappen sollen? Gehörte ich ihrer Ansicht nach etwa zu den ersten beiden Date-Kategorien? Oder gab es sogar eine vierte? Vielleicht. Heute betrachtet habe ich mich nie hundertprozentig auf die eine Frau eingelassen. Wie sollte ich auch – bei all den anderen Möglichkeiten, bei all den anderen Frauen, mit denen ich noch nebenher schrieb? So ging es wahrscheinlich nicht nur mir, sondern eben auch den Frauen. Auch sie standen im Haus der vielen offenstehenden Türen.

Fazit, das

Resümierend muss ich feststellen, dass ich lange Zeit im Leben da draußen keinen Blickkontakt zu einer Frau aufgebaut habe. Ihr wisst, was ich meine. Dieser magische Moment, der sich scheinbar ewig hinzieht. Beide Blicke suchen sich und wenn sie sich treffen, schaut man schnell, weil ertappt, wieder weg. Man überlegt sich: Spreche ich sie an? Und wenn ja, wie und wann ist der richtige Moment dafür? Das Herz pocht schneller …

Ich lief aufgrund der Aktivitäten im Netz mit Scheuklappen durch das wahre Leben. Ich stumpfte ab und vor allem verzweifelte ich an dieser endlosen Suche. Sehr sogar! Es dauerte lange, bis ich diesen Status Quo erkannte. Nicht die Tatsache, dass ich nun seit drei Jahren alleine bin, hat mich verzweifeln lassen. Nein, eher der Fakt, dass bei der Vielzahl an Frauen, die ich bei Finya kennenlernte, die eine Herzensdame nicht dabei war. Was folgte: Abmeldung. Grund: ein fröhliches „Suche nach dem eigenen Ich geglückt“.

Benni ist ein echter Thüringer und lebt seit über sechs Jahren in Kreuzberg. Er liebt seine WG und zieht die nächsten Jahre dort auch nicht aus. Als professioneller Barkeeper hat er die erste Zeit in Berlin durchgefeiert, das war ja schließlich auch sein Job. Er liebt Batman, spanischen Schinken und richtig guten Whiskey. Vor zwei Jahren beendete der seine Ausbildung als Grafikdesigner und arbeitet jetzt für eine PR-Agentur.

Headerfoto: Gelangweiltes Paar via Shutterstock.com. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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