Berliner Begegnungen: Wenn die Geschichten fremder Menschen uns neue Perspektiven schenken

Wir sind uns an einem Sonntag begegnet. Einige würden ihn als typischen Berliner Sonntag bezeichnen: Man hat das Wochenende recht wenig geschlafen und macht sich zur Feier des Tages, anstatt dem Körper endlich seine wohlverdiente Ruhe zu gönnen, noch ein Nachmittags-Bierchen auf, vertieft sich in Gespräche und raucht nochmal ‘ne Schachtel Kippen.

Du hast den Raum betreten und mir ein Lächeln geschenkt. Dein Lächeln strahlte unglaubliche Reife, Ruhe und Sexiness aus. Wir beide mussten uns trotz Müdigkeit und Montagsgefühl im Bauch fast zwingen, den Tag gegen 23 Uhr zu beenden und uns zu verabschieden.

Was du mir an diesem Tag erzählt hast, war nur eine Momentaufnahme und ein winziger Teil deines Lebens, du hast mich damit jedoch so tief berührt, dass ich es einfach aufschreiben muss. Deine Art, über deine Vergangenheit und deine heutige Einstellung zum Leben zu sprechen, ist so bewundernswert, dass ich teilen möchte, was für ein beeindruckender Mensch du bist.

Alltagsrassismus und „die schiefe Bahn“

Aufgewachsen als „Deutscher mit ausländischen Wurzeln“ hast du dich schnell an Alltagsrassismus in der Schule und auf den Straßen Berlins gewöhnt. In einem Deutschland, das sehr viele Deutsche nicht kennen, bist du auf „die schiefe Bahn“ geraten, wie es ein Mädchen vom Land wie ich ausdrücken würde.

Für dich war und ist es die absolute Normalität.

Ich kann nicht zu sehr ins Detail gehen, weil ich nicht will, dass du oder ich Schwierigkeiten bekommen. Ich kann nur sagen, dass vor ein paar Jahren niemand mehr an deine Zukunft geglaubt hätte. Reichtum und Einfluss durch weißes Gold hält meist nicht lange an, vor allem, wenn man selbst sein Hirn und seinen Körper damit zerstört.

So schlimm wie es bei dir war, gab es nur noch die Klinik als Lösung. Freunde haben sich durch psychopathische Anwandlungen von dir abgewandt und wie so oft in unserem Leben ist man am Abgrund am meisten allein.

Strahlende Augen, großes Herz

Nachdem ich nun einige Jahre in Berlin lebe, weiß ich, dass nicht nur du dieses Leben geführt hast und es auch heute noch einige andere tun.

Du warst so stark, an einem Punkt, an dem sich sicher viele verabschiedet hätten, nicht aufzugeben. Du hast dir helfen lassen und all deine Kräfte aufs Überleben konzentriert. Als du körperlich wieder fit warst, hast du dich auf den Weg ins Ausland und auf die Suche nach dem Sinn deines Daseins gemacht, du hast inneren Frieden mit dir selbst geschlossen und dich von Dingen, Besitzdenken und auch einigen Menschen getrennt.

In Gedanken sehe ich dein Gesicht strahlen, wenn du deinen Weg erzählst und ich sehe durch deine dunklen Augen in dein großes großes Herz.

Ich glaube, dass im Rest Deutschlands vielen nicht bewusst ist, welche Gewalt und Verbrechen heute noch in Berlin geschehen, insbesondere in welche Umstände Kinder und Jugendliche hineingeboren werden.

Wieviel rassistische Ungerechtigkeiten und Schubladendenken in Schulen herrschen und auch von Polizist:innen ausgehen. Wie viele Menschen wegsehen. Wie viele keine Wahl haben und nicht genug Hilfe, sich aus ungerechten Verhältnissen zu befreien.

In Gedanken sehe ich dein Gesicht strahlen, wenn du deinen Weg erzählst und ich sehe durch deine dunklen Augen in dein großes großes Herz. Was auch immer du früher getan und gesagt und gedacht hast, jetzt bringst du auf deine Weise Liebe in die Welt.

Diese Geschichte ist aus meiner Erinnerung geschrieben und entspricht höchstwahrscheinlich nicht zu hundert Prozent der Realität. Ich hoffe du verzeihst es mir und ich hoffe noch viel mehr, dass wir uns wiedersehen.

Headerfoto: Steven Jones via Unsplash (Gesellschaftsspiel Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

ANNENURANNE fand als gebürtige Münchnerin ihren Herzensort in Berlin. Hauptberuflich ist sie HRlerin, in welcher Position sie ihre Passion, Menschen zu fördern, jeden Tag leben kann. Nebenbei schreibt sie begeistert Texte über Sex, Drugs, die Liebe, wahrer Dienstleistung und der Selbstverwirklichung im Beruf.

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