Asymmetrische Brüste? Wie ich mich deswegen selbst ins Aus stellte – und wieder herauskam

Raus aus der Freak-Ecke! Das war mein Ziel. Ohne es zu wissen. Bis heute! Mit der Pubertät fing alles an. Genauer gesagt: mit dem Wachstum meiner Brüste. Eigentlich mit dem Wachstum meiner linken Brust. Meine rechte meinte ziemlich bald, nicht mehr weiter wachsen zu müssen. Währenddessen entwickelte sich meine linke Brust zu einem hängenden C-Körbchen. Rechts blieb alles beim Alten. Eine Laune der Natur, die für mich zu einem riesigen Problem mutierte.

Mein Gefühl, außerirdisch zu sein, wuchs und mein Selbstwert schrumpfte.

Mein Gefühl, außerirdisch zu sein, wuchs und mein Selbstwert schrumpfte. Gepaart mit einem exorbitanten Schamgefühl und dem Hang, alles in mich hineinzufressen, beschloss ich, alles mit mir selbst auszumachen und mich zu verstecken. Ich versteckte mich in der hintersten Ecke der Umkleide, unter weiten Shirts, hinter gepolsterten BHs. Ja, sogar vor Jungs. Ich verwehrte mir nahezu jeden näheren Kontakt zum anderen Geschlecht. Während meine Freundinnen ihre ersten richtigen Freunde hatten, saß ich da wie das fünfte Rad am Wagen. Der Freak, der immer noch keinen Freund hatte! Was stimmte nicht mit der?

Mein selbsternanntes Geheimnis wuchs heran zu einem gigantischen Monster. Der Leidensdruck nahm stets größere Ausmaße an. Trotzdem erschien mir der Weg, mich jemanden anzuvertrauen unmöglich. Ich nahm in Kauf, auf vieles zu verzichten: die erste große Liebe im Teenager-Alter, ins Schwimmbad gehen, gemeinsam mit der besten Freundin die ersten BHs kaufen oder enge Oberteile tragen. Es ist, als hätte ich einen Teil meiner Jugend gar nicht gelebt. Ich selbst definierte mich nur darüber, sah mich nicht als ganze Person.

Meine Brüste waren Fremdkörper für mich, die mich entstellten. Abstoßend! So sehr, dass mich doch kein Junge der Welt mögen konnte.

Meine Brüste waren Fremdkörper für mich, die mich entstellten. Abstoßend! So sehr, dass mich doch kein Junge der Welt mögen konnte. Jahrelang bildete ich mir ein, nicht liebenswert zu sein. Was ich mir selbst damit antat, wurde mir erst spät bewusst. Es lag ganz allein in meiner Hand, was ich mit meinem Leben machte. Entweder ich verwehrte mir weiterhin viele schöne Dinge und Erfahrungen des Lebens oder änderte etwas. Also fasste ich mit 21 (!) den Beschluss, mich jemandem anzuvertrauen.

Ein langer Weg mit vielen Arztbesuchen, dem Medizinischen Dienst und schließlich der Angleichung der Brüste lag vor mir. Mich nach und nach den engsten und wichtigsten Personen anzuvertrauen und auf durchweg positive Reaktionen zu stoßen, machte mich frei! Alle wussten nun, was mit mir nicht stimmte. Endlich war ich raus. Raus aus der Freak-Ecke. Keine Rechtfertigungen, Ausreden, Geheimnisse oder Versteckspiele mehr.

Noch immer prägt mich diese Zeit und mein Verhältnis zu meinem Körper ist alles andere als freundschaftlich. Ich habe noch lange keinen Frieden geschlossen. Bin nicht frei von den Hirngespinsten. Sich nicht weiter für sich selbst zu schämen und selbst mit all seinen Ecken und Kanten und eben den Launen der Natur anzunehmen, ist bis heute eine große Herausforderung.

Aber wer ist schon perfekt? Und sind es nicht genau diese Makel, die jeden ausmachen und vor allem zu dem Menschen machen, der er ist?

Aber wer ist schon perfekt? Und sind es nicht genau diese Makel, die jeden ausmachen und vor allem zu dem Menschen machen, der er ist? Schließlich ist jeder liebenswert. Ganz egal, welcher Teil vermeintlich nicht den Normen entspricht. Gerade in einer Welt, in der scheinbar nur Schönheit zählt und ein unrealistisches Bild von Schönheit entworfen wird, sollte noch viel mehr über Themen wie Brustasymmetrie gesprochen werden.

Hätte ich damals mehr darüber gelesen und die Erfahrung gemacht, dass es vielen Mädchen und Frauen so geht, wäre ich vielleicht anders damit umgegangen. Deshalb ist es mir ein Anliegen, darüber zu sprechen und zwar öffentlich. Ich möchte diejenigen erreichen, denen es vielleicht genauso ergeht wie mir damals und ihnen Mut machen. Mut machen, sich auf den Weg zu begeben, ärztlichen Rat eine passende Lösung zu suchen.

Deshalb ist es mir ein Anliegen, darüber zu sprechen und zwar öffentlich. Ich möchte diejenigen erreichen, denen es vielleicht genauso ergeht wie mir damals und ihnen Mut machen.

In meinem Fall bestand diese aus einem psychologischen Gutachten und der Überweisung zu einer Frauenklinik. Die Spezialisten dort suchten nach der besten Möglichkeit, meine Brüste anzugleichen. Die Chancen auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse waren sehr hoch. Nachdem der Medizinische Dienst ebenfalls zustimmte, willigte die Krankenkasse letztlich ein. Der Eingriff selbst war kein Spaziergang. Die operative Korrektur und die damit verbundenen Strapazen blieben jedoch bis heute für mich die richtige Entscheidung.

Also überwindet euch, holt euch Unterstützung und vor allem reduziert euch nicht selbst auf euer Äußeres!

Unsere Autorin möchte anonym bleiben.

Headerfoto: Clarisse Meyer via Unsplash.com. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt) Danke dafür.

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