Alte Liebe rostet nicht – Ein verspätetes Dankeschön an den besten Freund von früher

Von meiner halbwüchsigen Tochter habe ich mich breitschlagen lassen, eine Einladung zum zwanzigjährigen Abi-Jubiläum anzunehmen. Von mir aus spürte ich wenig Verlangen, zu einem solchen Event hinzugehen. Reine Zeitverschwendung. Ich finde, wer nostalgische Veranstaltungen besucht, hat mit seiner Jugend nicht abgeschlossen. Mir sind klare Schnitte am liebsten. Ich sehe mich als einen Menschen, der nach vorne schaut. Zumindest war ich bis zu diesem Abend der Überzeugung, dass genau dies ein wesentlicher Charakterzug von mir sei. In meinem Selbstbild war ich stets ein Macher, jemand, der sein Ego vor allem durch berufliche Erfolge nährt. Meine Ehe hat das nicht ausgehalten, aber das ist ein anderes Thema.

Zunächst wurden meine Erwartungen an das Treffen nicht enttäuscht. Wir tauschten jede Menge belanglosen Smalltalk aus, um das gegenseitige Fremdeln zu überspielen. Typischerweise hatte derjenige, der sich schon zu Schulzeiten für den sozialen Zusammenhalt der Klasse zuständig fühlte, die längste Anreise auf sich genommen. Andere ließen sich entschuldigen und einige waren zu desinteressiert, um auf die Einladung zu reagieren.

Typischerweise hatte derjenige, der sich schon zu Schulzeiten für den sozialen Zusammenhalt der Klasse zuständig fühlte, die längste Anreise auf sich genommen.

Genauso hätte ich mich normalerweise verhalten, denn ich habe es nicht so mit dem Aufwärmen von sozialen Kontakten. In meinem jetzigen Leben reichte es mir bisher völlig aus, jedes zweite Wochenende mit meiner Tochter zu verbringen, mit den Kollegen und Angestellten klarzukommen, im Tennisclub beliebt zu sein und ab und zu mal eine kurze Affäre zu haben.

Der Diavortrag über unsere Abi-Abschlussfahrt, mit der uns unser ehemaliger Klassenlehrer überraschte, erinnerte mich, dass das nicht immer so gewesen ist. Das letzte Dia zeigte Matts und mich Arm in Arm in die Kamera strahlen. Ich sah glücklich und stolz neben ihm aus. Matts war ein Jahr älter als ich. Nach einer Ehrenrunde kam er in der siebten Klasse zu uns und wurde mein bester Freund.

Unsere Klassenkameraden, allen voran die Mädchen, haben nie begriffen, was uns verband.

Unsere Klassenkameraden, allen voran die Mädchen, haben nie begriffen, was uns verband. Er, der sensible Denker und ich, der aktive Athlet. Nicht nur optisch waren wir wie Feuer und Wasser. Auch in seiner Art war er das komplette Gegenteil von mir: zurückhaltend, nachdenklich, abwägend, aber leidenschaftlich und kompromisslos, wenn er für eine Sache brannte.

Etwas, für das er sich engagieren konnte, wie eine Jugendhausinitiative, Nachhilfe für Kinder mit schlechten Sprachkenntnissen oder auch den Erhalt einer Brachwiese als Umweltschutzgebiet. Ich hingegen brannte für nichts Spezielles. Mir war damals nicht bewusst, wie viel Energie ich damit vergeudete, zu beweisen, dass ich alles im Griff hatte und überall gut ankam. Dafür spielte ich den Klassenclown oder organisierte eine Party, um ein Mädchen zu beeindrucken.

Am meisten imponierte er mir jedes Mal, wenn er mir ohne große Worte klar machte, dass ich Mist gebaut hatte.

Matts waren derartige Äußerlichkeiten egal. Am Anfang konnte ich mit dieser scheinbaren Gleichgültigkeit nicht umgehen und habe ihn provoziert, wo es nur ging. Er hat sich nie darauf eingelassen. Mich hat das geärgert, gleichzeitig hat es mir aber auch gefallen. Woher er diese Gelassenheit nahm, wusste ich nicht. Am meisten imponierte er mir jedes Mal, wenn er mir ohne große Worte klar machte, dass ich Mist gebaut hatte. Wenn ich mich dann aufregte, holte er mich wieder runter. Er hatte die für einen Jugendlichen sehr seltene Gabe, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Eine Fähigkeit, die ich auch heute bei Erwachsenen noch oft vermisse.

Wir hingen sieben lange Jahre eng verbunden miteinander herum. Ich dachte, so würde es auch in Zukunft bleiben. Zumindest machte ich mir keine Gedanken darüber, ob sich unsere Wege irgendwann einmal trennen würden. Wenn ich mir meine Zukunft nach dem Abi ausmalte, dachte ich daran, wenn schon nicht dasselbe Fach, doch wenigstens an derselben Uni mit ihm zu studieren und zusammen eine Wohnung zu teilen. Mir war damals nicht bewusst, wie wenige gemeinsame Interessen uns verbanden.

Wenn ich mir meine Zukunft nach dem Abi ausmalte, dachte ich daran, an derselben Uni zu studieren und zusammen eine Wohnung zu teilen.

Auch wenn Matts meine Werte nicht teilte, bestätigte er mich darin, meinen Wunsch nach einer beruflichen Karriere zu verfolgen. Ich studierte BWL und er entschied sich für Medizin. Ein Stipendium führte ihn ins Ausland. Das letzte Mal hörte ich nach seiner Promotion von ihm. Er rief mich an, um mir begeistert davon zu erzählen, für eine Organisation des Entwicklungsdiensts nach Papua-Neuguinea zu gehen. Das sei sein Traumjob. Wir hielten noch eine Weile Kontakt, dann war jeder zu sehr mit den neuen Herausforderungen beschäftigt.

Wir haben niemals mehr voneinander gehört. Ich weiß noch nicht einmal, ob Matts noch lebt. Anfangs nahm ich mir vor, mich bei ihm zu melden, ihn vielleicht sogar dort einmal zu besuchen, doch dann nahm mich meine eigene Karriere in Anspruch, ich heiratete, meine Tochter kam auf die Welt, die Scheidung. Bis ich dieses über zwanzig Jahre alte Dia sah, dachte ich, ich hätte alles erreicht, was ich mir irgendwann einmal im Leben vorgenommen hatte. Heute weiß ich, mir fehlt etwas ganz Wesentliches, das ich in meiner Schulzeit besaß.

Bis ich dieses über zwanzig Jahre alte Dia sah, dachte ich, ich hätte alles erreicht, was ich mir im Leben vorgenommen hatte. Heute weiß ich, mir fehlt etwas ganz Wesentliches.

Ein bester Freund, der mir den Kopf wäscht, wenn ich mich selbst verliere, ein Mensch, der mich erdet und loyal zu mir steht, wie damals Matts. Er paukte mit mir für die Prüfungen, er übte mit mir für den Führerschein, er saß neben mir, als mein Vater verunglückte und er belächelte wohlwollend meinen ständigen Liebeskummer. Matts war da, wann immer ich ihn brauchte. Für mich war seine Unterstützung so selbstverständlich, dass ich vergessen habe, ob ich ihm jemals dafür dankte.

Ich sehe ihn auf diesem Dia und weiß, dass ich heute nicht der wäre, der ich bin, wenn Matts sich damals, an seinem ersten Schultag in unserer Klasse, nicht neben mich gesetzt hätte. Wären wir uns nicht begegnet, hätte ich vielleicht nie begriffen, wie wichtig Freunde sind. Eine Freundschaft hält bestenfalls ein ganzes Leben, doch manchmal begleitet sie uns nur durch entscheidende Lebensphasen.

Ich sehe ihn auf diesem Dia und weiß, dass ich heute nicht der wäre, der ich bin, wenn Matts sich damals, an seinem ersten Schultag in unserer Klasse, nicht neben mich gesetzt hätte.

Selbstverständlich ist sie nie, sondern ein Geschenk, das jeder einem anderen Menschen machen kann. Ich bin Matts dankbar dafür, in den vielleicht wichtigsten Jahren meines Lebens zuverlässig an meiner Seite gestanden zu haben. Dieses Dia hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, ab und zu einmal innezuhalten und auf das Leben zurückzuschauen.

Inzwischen weiß ich, was mir all die Jahre fehlte und sich auch nicht durch berufliche und private Anerkennung kompensieren ließ. Ein Freund, mit dem ich meine Freuden und Sorgen teilen kann und der mich erträgt, wenn ich mies drauf bin und einfach mal Gesellschaft brauche.

Oliver Killisch ist im ruhigen Ostfriesland aufgewachsen und ist ständig auf der Jagd nach neuen Herausforderungen. Am liebsten schreibt er Geschichten aus dem Leben, mal traurig, mal lustig, aber immer echt. Er glaubt an die wahre Liebe auch, wenn diese gerne Umwege nimmt. Mehr von ihm könnt ihr auf seinem Blog Love Repair lesen.

Headerfoto: Stockfoto von Stasia04/Shutterstock. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

3 Comments

  • Guten Tag,
    ich fand den Text interessant, aber auf den zweiten Blick relativ oberflächlich heruntergeschrieben. Etwas mehr darüber nachzudenken, warum diese Freundschaft zu verlaufen ist und nie wieder eine zweite entstanden ist, wäre sicher interessant.

    Was mich allerdings tatsächlich von den Socken gehauen hat, ist die verlinkte Webseite, „Love Repair“. Von einem Test, ob man den Partner wieder zurück bekommt, über Blog-Artikel von obigem Oliver Killisch über die besten Rachemethoden am Ex [Erzähle seinen Eltern intime Dinge, Mache sein bestes Stück kleiner, Bestelle Sextoys auf seinen Namen ins Büro, …] und der Empfehlung, sich rar zu machen, um interessanter zu wirken – das alles kommt mir vor wie das Gegenteil der „üblichen“ Philosophie dieser Seite: ehrlich zu sich selbst und zum Partner zu sein, Gefühle klar zu artikulieren, keine albernen Spielchen mit den Gefühlen anderer zu treiben… ausgenommen von detailierten und sinnlichen Berichten in der Kategorie „Sexy Times“ 😉

    Ich finde es schade, dass die „im Gegenteil“-Redaktion nicht etwas genauer auswählt, wen sie auf ihrer Webseite was bewerben lässt. Kommen als nächstes Artikel von PickUp-Artists?

    [Letzter O-Ton, weil ich einfach entgeistert bin: „Bleibe deswegen immer auf der emotionalen Ebene, wenn du dich an deinem/deiner Ex rächen willst.“ Ich halte die Seite nicht für einen seriösen Blog, sondern einfach für Abzocke – die ganzen gefühlsduseligen „Erfahrungsberichte“ erinnern an klassische Phishing-Methoden.]

    • Liebe Natalja,
      Danke für Deinen Hinweis. Das haben wir uns so genau nicht angeschaut, weil es mit dem Text nicht so viel zu tun hatte. Aber Du hast Recht und wir haben den Link entfernt.
      Liebe Grüße!
      Julia

  • Vielleicht kannst du Matts das ja mal irgendwann persönlich sagen. Ich kenne diese Sehnsucht auch! Schöner ehrlicher Text!
    Gruß Wortschatz

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