Alle zu busy, keiner ehrlich – Auf der Suche nach echter Liebe in einer Stadt voller Möglichkeiten

Wenn man Single in Berlin ist und die Absicht hat, mal so was wie eine ernsthafte, echte Beziehung führen zu wollen, wird man in einer Stadt wie Berlin, die voller Möglichkeiten steckt, schon fast als konservativ und spießig eingeordnet. Doch vielleicht gerade deswegen möchte ich diesem Klischee und den plumpen One Night Stands trotzen und an dem Glauben an die echte, romantische Begegnung festhalten.

Und dann geschah es aus dem Nichts, als ich am wenigsten damit gerechnet habe, so wie einem das immer prophezeit wird.

Das war im letzten Berliner Winter. Wir lernten uns ganz zufällig und oldschool abends auf der Straße kennen. Ich stieg aus dem Taxi aus und er stand da. Und das auch noch mitten in einem als spießig bekannten Berliner Kiez.

Ich möchte den plumpen One Night Stands trotzen und an dem Glauben an die echte, romantische Begegnung festhalten.

Da standen wir nun an der Straßenecke und kamen sofort ins Gespräch. Es war kalt, ich war ja eigentlich auf dem Weg nach Hause, er wollte mit mir noch etwas trinken gehen. Obendrauf ging plötzlich sein Akku leer (alt bekanntes iPhone-Problem wegen der Kälte).

Er wäre mir wahrscheinlich so nie aufgefallen: Er trug eine Art Wanderschuhe und einen Rucksack mit Regenschutz, aber das konnte ich plötzlich ausblenden, als ich in seine Augen blickte. Der Kerl schien wirklich „normal“ und bodenständig zu sein und dann war er aber auch noch gutaussehend, hatte einen Job, ging kaum feiern und ist auch noch ein echter Berliner. Ok, er war nicht besonders groß (Oberflächlichkeit gehört ja in Berlin dazu), aber das war kein Hindernis.

Lange ist es her, dass ich so entspannt mit einem Kerl, den ich gerade mal wenige Minuten kannte, auf einer Wellenlänge war. BÄM!

Das Kennenlernen verlegten wir dann auf die Tramhaltestelle – mit Sekt vom Späti. Letztlich wurde es doch zu kalt, wir gingen zu mir und haben uns zunächst weiter stundenlang (wirklich!) unterhalten. Wir verstanden uns gut, lachten, lernten uns intensiv im Turbogang kennen und erreichten auch bald eine persönliche Ebene.

Wir hatten eine schöne Zeit. Bis dahin. Dann kam der Busy-Berlin-Style.

Auch bei Humor und Sarkasmus verstanden wir uns gut, wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten bis hin zum Gitarren-Plektrum der gleichen Band, das wir beide im Geldbeutel hatten (nein, es ist keine coole Band). Es fühlte sich so vertraut an, der intensive Blickkontakt und auch die zarten Berührungen ließen mich kurzzeitig an das perfekte Match glauben. Er blieb bis zum nächsten Morgen.

Wir hatten eine schöne Zeit. Bis dahin. Dann kam der Busy-Berlin-Style.

Am Nachmittag haben wir kurz geschrieben. Auf die Frage nach einem möglichen Wiedersehen folgte von ihm die „bekannte“ Nachricht, es war sehr schön und lustig, aber er ist gerade sehr busy. Und mit diesen Worten verabschiedete er sich.

Dass das auch bei diesem Kerl so war wie bei vielen anderen, das wollte ich nicht glauben. Darum habe ich ein bisschen mehr Gas gegeben. Hat auch funktioniert. Nach einiger Zeit haben wir uns doch wieder getroffen. Er gab zu, damals in einer „Fast-Beziehung“ gewesen zu sein, weshalb er dann abtauchte, obwohl er es auch schön fand. Die Sache sei jetzt vorbei und er fand es toll, dass ich die Initiative nochmal ergriffen habe.

‚He’s not that into you‘ – da hätte ich es checken müssen. Aber: der war doch so ‚anders als die anderen!‘

Diesmal trafen wir uns seriös zum Lunch in der Mittagspause. Er stand kurz vor einem mehrwöchigen Business-Trip, wollte mich vorher aber unbedingt noch sehen. Es war wieder lustig und einfach schön! Abends schrieb er mir noch, dann erneut vier Wochen Funkstille – in Zeiten, in denen es (fast) überall Internet gibt!

“He’s not that into you“ – da hätte ich es checken müssen. Aber: der war doch so „anders als die anderen!“

Dann doch wieder Kontakt. Er war zurück in Berlin. Die Euphorie war groß, er kam zu mir und hatte sogar ein kleines Geschenk für mich. Und wieder war es schön, vertraut und lustig. Er blieb wieder über Nacht. Das nächste Treffen schlug er direkt vor. Doch dazu kam es nie.

Er war wieder viel unterwegs und meldete sich kaum. Ich musste in der Zwischenzeit zwei Job-Niederlagen einstecken, hatte mit schlimmen Migräne-Attacken zu kämpfen und mein 30. Geburtstag stand kurz bevor. Ich hatte trotzdem genug Zeit, mir Gedanken zu machen. Zu viele. Ein Auf und Ab zwischen Sehnsucht und Angst.

Ich hatte genug Zeit, mir Gedanken zu machen. Zu viele. Ein Auf und Ab zwischen Sehnsucht und Angst.

Ich hab’ gekämpft, hat aber nix gebracht. Es kostete viel Energie. Viel zu viel Energie.

Dann die Nachricht von ihm, unser geplantes Treffen klappt leider nicht, er ist wieder busy. WTF! Wir telefonierten eine halbe Stunde. Obwohl es ernst war und er als Grund ein Wiedersehen mit einer Bekannten außerhalb Berlins nannte (mit der sich angeblich ganz überraschend was entwickelt hat), hätte ich wahrscheinlich einfach auflegen sollen, doch ich konnte es nicht.

Es passierte mir wieder: „Mein Herz bricht auf der Suche nach Liebe“ (big love an dieser Stelle an Bilderbuch) – nur dieses mal ist es noch schwerer zu begreifen.

Ich dachte mein Karma-Konto in Bezug auf die zahlreichen Erfahrungen mit Busy-Berlin-Style wäre mittlerweile so stark im Plus, dass mich das Liebesglück nun auch mal wieder erreichen würde, aber failed.

Ich dachte, dass mich das Liebesglück nun auch mal wieder erreichen würde, aber failed.

Im Nachhinein versuche ich mir einzureden, alleine das Kennenlernen war ja schon zu romantisch für Berlin. Keine Dating App, kein Abschleppen im Club. Einfach ganz oldschool. Und das passt nicht zu Berlin. Krönchen auf, weiter geht’s in dieser wilden Stadt.

Und wenn ich mir noch was wünschen darf für alle: Mehr Ehrlichkeit, Gefühle und Verlässlichkeit. Es ist fair, ehrlich zu sein und das auch zu kommunizieren!

Mit einem Hauch Sarkasmus habe ich den Text geschrieben, um die Hoffnung nicht aufzugeben. Aber es ist auch eine ganze Ladung voll echter Gefühle und echter Enttäuschung darin.

Girl on fire wohnt und arbeitet in Berlin und hat eigentlich meistens gute Laune. Sie ist jedoch genervt vom „busy Berlin Style“ und vermisst gelegentlich Ehrlichkeit, echte Gefühle und Verlässlichkeit in der wilden Hauptstadt.

Headerfoto: NeONBRAND via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

5 Comments

  • Oh (wo)man,

    das liest sich wie eine Horrorgeschichte.

    Ich denke, dass in den Großstädten viele der Seele geraubt und aus Lämmern zwangsweise Wölfe werden.

    Wer dir gesagt hat, dass München besser sei, der ist wohl selbst im Strudel dieser Perversion und kann das nicht mehr nüchtern von außen betrachten.

    Die Spaßgesellschaft konzentriert sich wohl in den Metropolen.
    Auf dem Land bist du eben auch nicht anonym, so dass man seiner egoistischen Ader auch keinen freien Lauf lassen kann.

    Ich kann mich noch wage an meine grenzenlose Romantik und Naivität aus meiner Jugendzeitschrift erinnern… tatsächlich wurden mir dann in München die Augen göffnet und das Herz fast gänzlich geschlossen…. bin auf den Zug aufgesprungen und trotz glänzender Rüstung irgendwie doch innerlich verkümmert.

    Ich wünsche dir, dass du dich nicht knicken lässt und auf dein Herzel aufpasst.
    Lass dich nicht von den Kranken anstecken und sei besser zu dir selbst.

    Liebe Grüße

    Der Lui

  • Hey hey,
    Danke dass du dir in dem stressigen, ich leg mich nicht fest und halt mir alles offen Berlin die Zeit für diesen Text genommen hast.

    Wahrscheinlich kennen viele aus den Großstädten dieses Phänomen, aber du hast mir gerade aus der Seele gesprochen. Meine beste Freundin hat mir den link geschickt und fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich auch lange Zeit jemand war, der immer irgendwie auf der Flucht war und sich nicht festlegen wollte. Auf diese Weise bin ich ein ewig Suchender geblieben und bis jetzt keine eigene Familie gegründet.

    Früher wollte ich nie erwachsen werden. Fand Eigenheim und Familie langweilig. Wollte einfach raus und immer was erleben. Familie hatte für mich was einengendes und ich wollte Freiheit.

    Heute weis ich, dass beides geht. Und ich möchte viel lieber meine Reiseerfahrungen mit meiner Liebsten teilen, als über Social Media Plattformen mit weit verstreuten Freunden und bekannten. Ich möchte viel lieber mit meiner Familie zusammen einen Hafen für unsere gemeinsamen Expeditionen bauen, als in jedem Hafen eine andere zu haben.

    Ja – jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass morgen die Suche aufhört und ich ganz oldschool eine Frau fürs Leben kennenlerne, während ich bei Kaufland in der Gemüseabteilung hastig meine Tomaten wiege, weil ich das vergessen habe und alles andere schon auf dem Band steht. Die Chancen stehen gut: denn ich glaube nicht mehr dran …

    • Hey David!

      Ja es ist sicher ein Großstadtphänomen, aber ich glaube in Berlin ist es nochmal besonders ausgeprägt!

      Nun ja … viel Glück wünsch ich dir beim „einfach nicht dran glauben“ und dann passiert’s schon irgendwie – irgendwann 😉

  • Hi Unbekannte,

    geht mir hier in München aber genauso.
    Deswegen ist jetzt wieder gute alte Heimat angesagt, ohne metropole und mehr ehrlichkeit und mehr zusammenahlt.

    Halt dir Ohren steif, oder ändere selbst was.

    • Hey Yo!
      Dann viel Glück in der alten Heimat 🙂
      München ist auch so schlimm?
      … von meinen Münchner Freunden höre ich eigentlich, dass es da noch gesittet zu geht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.