Akzeptanz lernen – auch wenn es weh tut

Ohne Akzeptanz geht es nicht. Und damit meine ich nicht nur die Aufgabe, die Trennung zu akzeptieren. Natürlich ist das auch ein Aspekt, aber nicht der, dem ich mich widmen möchte. Es ist die Akzeptanz der einen Sache, die er dir nie geben konnte, wollte und wird: Die Anerkennung deiner Wahrheit.

Du brauchst nicht anzunehmen, dass er seine Fehler jemals annehmen wird. Im Gegenteil, er wird sich selbst und jedem anderen eine Version der Realität erzählen, die all seine Schwächen ausklammert und dich zur Schuldigen macht. Dich, nur dich allein. Wenn er cholerisch wurde, dann weil du ihn provoziert hast. Wenn er dich verletzt und abgewertet hat, dann weil du unerträglich viele Defizite hast. Wann immer er gemein war, hast du ihm keine andere Wahl gelassen.

Er lebt mit einer Version der Realität, die der Wahrheit nicht gerecht wird.

Dieser Aspekt der Trennung schmerzt am meisten. Er lebt mit einer Version der Realität, die der Wahrheit nicht gerecht wird. Einer Version, die unfair und einseitig ist. Er schützt sich mit dieser Strategie. Er erzählt sich und anderen diese Geschichte, um sich nicht mit seiner Verantwortung auseinander setzen zu müssen.

Mein Wunsch nach Anerkennung dessen, was auch die andere Seite getan hat, ist groß. Aber es ist ein verlorener Kampf. Denn ich werde es nicht schaffen, durch kein Gespräch und keine Erklärung, durch keinen Streit und keine Diskussion, kein Argument und nicht einmal durch die Darstellung aller Ereignisse in chronologischer Abfolge, den Punkt zu erreichen, den ich mir wünsche: Gesehen zu werden von der anderen Seite in meiner Verletzung und in seinem Anteil daran.

Ich habe oft versucht, Menschen auf ihren blinden Fleck hinzuweisen.

Ich habe in meinem Leben oft versucht, Menschen auf ihren blinden Fleck hinzuweisen. Viele Menschen, mein Ex-Partner besonders gerne, kehren nur zur Wiederholung des gleichen Musters zurück. Oft hat ihm seine Härte mir gegenüber leid getan. Dennoch änderte er sein Verhalten nicht.

Ich habe soviel falsch gemacht, mindestens genauso viel wie er. Aber ich habe den Anspruch an mich selbst, meine schlechten Seiten zu identifizieren, mich zu entschuldigen und mich zu ändern. Natürlich bin auch ich oft an mir selbst gescheitert. Trotzdem behaupte ich nicht in einem Moment, dass etwas von mir falsch ist, um es im nächsten Moment, damit zu rechtfertigen, dass es lediglich eine Reaktion auf dieses und jenes Verhalten des Anderen war.

Es ist an der Zeit, zu akzeptieren.

Diesen Anspruch an mich kann ich allerdings nicht auf andere projizieren. Ich habe es zwanzig Jahre lang vergeblich versucht wie eine Wahnsinnige. Ich bin immer wieder gescheitert. Jetzt ist es an der Zeit, mit dem Wahnsinn aufzuhören. Und zu akzeptieren.

Er erzählt vielen Menschen Dinge, die durch das Weglassen seiner und das Verzerren meiner Fehler ein Bild entstehen lassen von mir als schlechten Menschen. So wie andere jetzt von mir denken, so habe ich lange Zeit über jede seiner Ex-Freundinnen gedacht. Wenn man wissen will, wie fair ein Mensch nach einer Trennung einem Ex-Partner gegenüber ist, muss man sich nur die Geschichten dieses Menschen über seine ehemalige Beziehung anhören. Die Frauen waren alle verrückt, einfach nur unfair zu ihm. Der arme Kerl, er hat mir so leid getan. Er hat so gelitten. Was stimmt denn nur nicht mit denen? Niemand hat es verdient, so behandelt zu werden.

Ich hatte immer wieder meine Zweifel. Nicht am Anfang, aber je länger die Beziehung andauerte. War er zu ihnen auch nur im Ansatz wie zu mir? Kein Wunder, dass sie irgendwann verzweifelt sind. Kein Wunder, dass sie sich nur noch gestritten haben. Diese armen Mädchen – irgendwann tat es mir leid, dass ich am Anfang seine Version so ungefiltert geglaubt habe.

Alles, was ich ihm und mir jetzt von Herzen raten kann, ist: Lass los.

Alles, was ich ihm und mir jetzt von Herzen raten kann, ist: Lass los. Vergiss es. Denk‘ nicht weiter darüber nach. Wann immer du dich dabei erwischst, dich darüber zu ärgern, welche Version er erzählt, erinnere dich daran, dass es dir nichts bringt. Der Kampf um die Wahrheit ist verloren, bevor du ihn überhaupt antrittst.

Wann immer ich in Kontakt mit ihm bin – und das bin ich nunmal täglich, denn er ist der Vater meines Kindes – übermannt mich das Gefühl von Ungerechtigkeit, schmerzhafter, wuterfüllter, vernichtender Ungerechtigkeit. Weil ich höre, wie er mich kritisiert, aber seine Fehler systematisch übersieht. In diesen Momenten denke ich daran, dass er an seine eigene Version der Wahrheit glauben muss, um sich selbst glauben zu können, er sei der Gute.

Das hat bereits in der Beziehung nicht funktioniert, warum sollte sich das nach der Trennung ändern?

Ich muss lernen, solche Situationen auf sich beruhen zu lassen. Ich nehme sie wahr, erkenne die Diskrepanz zwischen meiner Version und seiner Aussage und spüre nach, was das mit mir macht. Ich versuche nicht mehr, durch Argumente und Diskussionen, durch Beispiele und Vorwürfe, mein Gegenüber vom Gegenteil zu überzeugen. Das hat bereits in der Beziehung nicht funktioniert, warum sollte sich das nach der Trennung ändern?

Menschen merken, wenn sie Dinge nur einseitig erzählt werden. Sie glauben nicht alles blind und wissen – besonders nach einer Trennung – dass die Blickwinkel vom Trennungsschmerz stark eingefärbt sind.  Du musst darauf vertrauen, dass sie deine Seite der Geschichte irgendwann auch wahrnehmen. Traue den Menschen zu, sich nicht allzu einfach von jemandem auf eine Seite manipulieren zu lassen.

Aber das Wichtigste bleibt: Konzentriere dich auf dich selbst. Bleib dir treu. Es reicht, dass du hinsiehst, lernst und verstehst. Änderst und wächst. Loslässt und nicht mehr kämpfst. Damit ist schon sehr viel gewonnen.

Headerfoto: Stockfoto von The Rabbit Hole/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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