1.990 Nachrichten – oder Vollbremsung bei 250 km/h

Plötzlich warst Du da. Das Einhorn im Tinder-Wald. Das Fabelwesen, das man nur vom Hören-Sagen von der Cousine einer Bekannten der Nachbarin kennt: Du suchst etwas Ernstes und Bindungsangst sei Dir fremd.

Schnell tauschen wir Nummern aus und unser erstes Date findet nach zwei Tagen des permanenten Schreibens statt. Ob ich aufgeregt sei, fragst Du mich. Du hättest ein ziemlich gutes Gefühl, das sei selten, sagst Du. Und dann stehst Du vor mir und mir ist, als würde ich Dich bereits ewig kennen.

Du willst den nächsten Bus nach Hause nehmen, weil ich doch morgen früh raus müsse. Es wird der Bus drei Stunden später.

Du redest viel. Das sei immer so, wenn Du aufgeregt bist. Du willst den nächsten Bus nach Hause nehmen, weil ich doch morgen früh raus müsse. Es wird der Bus drei Stunden später. Wir verabreden uns für ein paar Tage später und die feste Umarmung und der Kuss zum Abschied fallen ungewöhnlich lang aus. Wie eine Vorschau auf alles, was kommen könnte.

Ich wache am nächsten Morgen von Deiner Nachricht auf. Ob ich gut geschlafen hätte und ob Du mich zur Arbeit bringen dürftest, weil Du mich gerne nochmal sehen würdest. Als Du mir gegenüberstehst, schlägt mein Herz Purzelbäume und mein Kopf fragt sich „So einfach soll das sein?“.

Nach Jahren bindungsscheuer Fuckboys, die sich alles offenhalten, bist Du mit Deiner Verbindlichkeit, klaren Aussagen und Commitment Balsam für mein geschundenes Herz. Du besuchst mich im Büro, weil Du mich sehen willst, schiebst mein Rad nach Hause und kaufst einen Milchaufschäumer, damit Du mir meinen Kaffee mit Schaum machen kannst.

In der ersten gemeinsamen Nacht kannst Du nicht schlafen, weil Du so aufgeregt bist. Ich schlaf neben Dir gut wie nie.

In der ersten gemeinsamen Nacht kannst Du nicht schlafen, weil Du so aufgeregt bist. Ich schlaf neben Dir gut wie nie. Dass Du mich behalten willst, ob das in Ordnung für mich sei und dass Du niemanden anderes mehr daten willst. Mein Herz und ich grinsen im Kreis. Mein Kopf steht staunend daneben.

Fortan wache ich jeden Morgen mit einer Nachricht von Dir auf. Nach Date drei habe ich den Schlüssel zu Deiner Wohnung. Ob das nicht alles ein bisschen schnell gehe, frage ich mich und frage ich Dich. Mein Herz schüttelt den Kopf. Du hättest Dir diese Frage auch gestellt, aber hast ein gutes Gefühl, denn es fühle sich für Dich richtig an.

Gemeinsam mit meinem Herzen trittst Du das Gaspedal durch. Mein Kopf und ich sitzen auf der Rückbank und wollen Euch gerne glauben. Ihr scheint viel Spaß zu haben, mein Herz und Du.

Du pendelst nach Berlin, ich bin beruflich im neuen Job voll eingespannt und unsere Dates und Nachrichten versüßen mir die 60-Stunden-Woche. Dass es gut ist, dass ich auch so ein Workaholic sei, sagst Du und dass ich auch so mein eigenes Leben habe. Sonst sei das immer ein Problem gewesen. Du hast ja schließlich noch Dein Kind, um das Du Dich nebenbei kümmerst.

Du kaufst einfarbige Bettwäsche, weil ich der Meinung bin, dass Muster meine Schlafqualität maßgeblich beeinflussen.

Du kaufst einfarbige Bettwäsche, weil ich der Meinung bin, dass Muster meine Schlafqualität maßgeblich beeinflussen. Wir essen beide gerne Mandarinen, hassen es aber, die Biester zu schälen. Bei Date vier sitzt du mandarinenschälend am Tisch. Du fühlst Dich wie zuhause an und ich fange an, das zuzulassen.

Meiner Angst, dass Du das Interesse verlierst und Dich lautlos aus dem Staub machst, entgegnest Du mit einem Lachen und der Frage, ob ich glaube, dass Du mich je wieder ziehen lassen würdest. Langsam beginnt auch mein Kopf nicht mehr zu fragen, sondern festzustellen, dass es dann doch offensichtlich so einfach sein soll.

Ich glaube Dir. Weil Deine Handlungen Deine Worte widerspiegeln. Weil Du da bist.

Und dann bist Du es plötzlich nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen. Vollbremsung bei 250 km/h und ich bin doch gar nicht angeschnallt. Du meldest Dich nur sporadisch, die morgendlichen Nachrichten bleiben aus.

Mein Kopf in Alarmbereitschaft, ist plötzlich wach. Das Kopfkino zeigt statt schnulzigen Romanzen nun ekelhafte Horrorstreifen, deren Drehbuch ich nur zu gut kenne. In diesem Genre bin ich Profi. Mein Kopf kennt das Ende. Mein Herz hält sich die Ohren zu und will davon nichts wissen. Will krampfhaft das Programm wechseln. Die Schnulzen waren doch so schön anzusehen.

Du hättest gerade viel zu tun, aber kriegst das irgendwie geregelt. Ich lasse Dir Freiraum.

Du hättest gerade viel zu tun, aber kriegst das irgendwie geregelt. Ich lasse Dir Freiraum. Frage irgendwann vorsichtig nach, ob alles in Ordnung sei. Du wüsstest nicht, wann Du wieder Zeit hättest. Ich fühle mich ausgeschlossen, wo Du mir, meinem Herz und Kopf doch vorher so großzügig ein gemütliches Nest in Deinem Leben bereitet hast.

Nach Tagen dann die Nachricht, dass Du nach Berlin ziehst, an Dich und Deine Zukunft denken musst und dass es mit uns nichts wird. Es ist Nachricht Nummer 1.990.

Die Fragen, die ich Dir stelle, bleiben unbeantwortet, auf Tinder bist Du wieder zu finden. Mein Herz liegt zermatscht am Straßenrand wie ein überrolltes Reh und mein Kopf versucht verzweifelt, die Unfallstelle abzusichern und erste Hilfe zu leisten. Es gelingt ihm nicht.

Uhliese, jetzt 30, war mit 16 Praktikantin bei einer lokalen Tageszeitung und hat über Pony-Ausstellungen, diamantene Hochzeiten und Feuerwehrfeste berichtet. Geschrieben hat sie danach nie wieder. Jetzt versucht sie angesichts eines heiratenden, kinderkriegenden Freundeskreises nicht die Nerven zu verlieren.

Headerfoto: ali abiyar via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

3 Comments

  • Scheint ein neues Phänomen zu sein, habe vor ein paar Wochen was ganz ähnliches erlebt.
    Dennoch: eine schöne Art auch die nicht schönen Dinge zu erzählen! <3

  • Sympatisch, die Beschreibung zur Autorin 😉 der Text liest sich richtig schön, auch wenn es natürlich weh tut! Bitte weiter schreiben! 🙂 Liebe Grüße Wortschatz

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