Früher war mehr Lametta

Wie bewertet man ein Jahr, das mit dem Ende einer Beziehung begonnen hat? Silvester naht und ich frage mich immer wieder, was ich nun von diesem 2015 halten soll. Überschattet die Trennung von einem geliebten Menschen all die schönen Erlebnisse der vergangenen zehn Monate? Oder wäre eventuell sogar Dank angebracht? Zum Beispiel dafür, dass ich endlich meinen Hintern hoch und meinen Körper in zahllosen Trainingsstunden, natürlich um mich abzulenken, in die Form meines Lebens gebracht habe? Dass sich Freundschaften vertieft haben, die Familie noch näher zusammengerückt ist? Dass ich, ebenfalls auf der ständigen Suche nach Ablenkung, die Musik wieder für mich entdeckt habe und man mir nun an jedem Strand dieser Welt eine Gitarre in die Hand drücken kann? Und was ist mit all den durchgetanzten Stunden auf Konzerten und Festivals, etwas, das ich vor einem Jahr noch für völlig unmöglich hielt: ICH, tanzend, völlig aus mir herausgehend, mich fallen lassend, lachend oder weinend in einer Menschenmenge wiegend, mich selbst vergessend?

Wie bewerte ich mein Leben als Single, um das mich viele meiner fest und lange liierten Freunde beneiden? All die Affären und Liaisons, was man halt so tut als Junggeselle, die durchsoffenen und durchvögelten Nächte, das Herzbrechen und -gebrochenbekommen? Denn selbst wenn am Ende meist die Erkenntnis wartet, dass ich all das nicht bin, dass mich die alkoholgeschwängerte Glitzerwelt des Nachtlebens, der oberflächliche Schein und der Schmuck der glamourösen Masken, hinter denen wir nur allzu gerne unsere Unzulänglichkeiten zu verbergen suchen, anwidert, füllt es doch zuverlässig jenes leidige Fass, das tief drin in mir lagert und auf dem in großen Lettern „Was ich verpasst haben könnte“ prangt.

Dann wären da noch die ungezählten, einsamen Sonntage und Nächte, an denen ich antriebslos und heulend auf der Couch lag, mich verzweifelt durch Tinder wischte und bei jedem Piepser meines Handys einen kleinen Tod gestorben bin. Dieses Alleinsein, von dem jeder spirituelle Ratgeber schwärmt, das wir Menschen jedoch viel zu oft als lästigen und unerwünschten Zustand zwischen zwei Bindungen empfinden und uns deshalb von einer Beziehung in die nächste stürzen, ständig auf der Suche nach der Liebe, die wir uns selbst nicht geben können. Hab ich das Alleinsein jetzt gelernt? Nein, ich glaube nicht. Es schmerzt immer noch, wenn ich mich mit mir und meinen Dämonen beschäftigen muss und niemand da ist, mit dem ich mich ablenken kann. Aber die Dämonen haben Gesichter und Namen bekommen. Ich weiß um ihre Intention, ihren Ursprung, und das Alleinsein hat mir geholfen, ihnen gegenüber zu treten und ihnen die Friedenspfeife anzubieten. Also noch etwas, für das ich theoretisch dankbar sein müsste. Ich könnte nun noch viel weiter ins Detail gehen, einzelne, besonders schöne Momente und Erlebnisse dieses Jahres herausstellen und jeder vernünftig denkende Mensch würde mir im Angesicht dieser Auflistung eine schlimme Psychose attestieren, mir wahrscheinlich zu recht vorwerfen, dass ich einen Knall habe, wenn ich mich trotz all dem nicht richtig freuen kann. Doch dieses Loch in mir lässt es eben noch nicht zu. Keine noch so heiße Affäre und kein gut gefülltes Bankkonto und keine spektakuläre Reise kann es stopfen. Auch nicht der „verlorene“ Partner, denn der ist ja längst weiter gezogen. Es ist vielmehr ein diffuses Gefühl, dass da etwas sein müsste, da an der Seite, wo es so lange war, und wenn es wieder einmal heftig stürmt und an einem rüttelt, dann wüsste man, dass es zumindest dort eine Stelle zum Anlehnen gäbe. Eine, die nun eben fort ist. Je mehr Zeit verstreicht, desto einfacher fällt es mir, an dieser Wunde herumzupopeln, immer wieder zu testen, ob der Schorf schon dick genug ist oder es noch arg schmerzt. Und ich beginne nach und nach zu akzeptieren, dass das einzige, echte, funktionierende Heilmittel eine neue Liebe ist. Wo auch immer sich diese derzeit noch versteckt.

Vielleicht sind es aber gerade diese Lebensphasen, die mich wirklich weiterbringen. Solche, in denen sich ein Seelenvertrag erfüllt, wenn auch anders als ich mir das gewünscht hätte, und von denen ich erst sehr viel später ihren wahren Wert anerkennen kann.

Was bleibt also nun im Rückblick? Die Erkenntnis, dass eine Menge jener Kalendersprüchlein, die sich gerne als Platituden tarnen, doch immer recht nah am Drama und damit am Leben dran sind. Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich immer auch eine neue (und manchmal sollte man die alte Tür gut verriegeln). Dass die Zeit alle Wunden heilt (genauso wie – zumindest kurzfristig – Alkohol). Dass sich wahre Freunde in der Not zeigen (und dann auch da bleiben). Dass eine neue Liebe wie ein neues Leben ist (bleibt zwar noch zu beweisen, glaube ich aber fest). Und dass das Leben eigentlich viel zu kurz ist, um traurig zu sein. Wir sollten hingegen viel mehr tanzen. Unter Sternen. Wein trinken. Fremde küssen. Miteinander schmusen.

Und allein das Phänomen, dass ich das nun glauben kann, und zwar aus tiefstem, wenn auch wehem Herzen, war das ganze Theater 2015 wert.

O-Ton Andi: Suche Muse zum reisen und schmusen. Ohne Sonnenbrille. Biete Leicht-und Tiefsinn, Ponyhof und erforschten Tellerrand. Mag Blumenkränze im Haar. Und Hamster. Kann nicht Skifahren, aber dafür tanzen.
(Andi findet ihr bei Facebook. #hinthint)

 

 

 

Headerfoto: Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_andi-karosser
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4 Comments

  • Und wer ist „gast“, wie ist der autorenname?? Höre gundermanns „immer wieder wächst das gras, wild und hoch und grün“ und finde das passt irgendwie. Keep on going, fällt mir nur zu diesem schönen Geständnis voller Gefühl ein 🙂

  • Ok, das ist genau mein Jahr, was du beschreibst. Haargenau. Und genau diesselben Überlegungen, ob es aufgrund dieser Scheiße zu Beginn auch das fieseste Jahr gewesen ist oder, alle anderen auch tollen Erfahrungen, das Jahr nun irgendwie wieder in die Waage gebracht haben, das überlege ich auch. Ich freue mich trotzdem aufs nächste Jahr – denn das kann nur viel, viel besser werden:)

  • Und mein Lieblingszitat von Blaze Olamiday dazu: „Manchmal kann Weitergehen hart sein und schmerzlich. Aber Festhalten an etwas, was niemals sein kann, ist noch schwieriger und dazu schädigend.“

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