Wie man mit einem Mann unglücklich wird: Tod auf der Insel

Das Häuschen war entzückend, vier Etagen mit Dachterrasse. Das war gut, denn dann brauchte man nicht rauszugehen. Die Insel war kahl, irgendwer hatte sie abgeholzt, bestimmt hatten das mal wieder die Römer gemacht. Die Insel war voller Steine und Stachelpflanzen, drumherum schwappte das Mittelmeer. Die Menschen hier waren, wie sie überall am Mittelmeer sind, zu laut und zu langsam. Normalerweise sind die Einwohner dieses Landes gut gekleidet, aber hier hatte man sich den zahlreichen Touristen angepasst und alle trugen bedruckte T-Shirts, Shorts und Flipflops.

Ich trug wie immer meinen Kimono aus grüner Seide und nix drunter, das aber ganz umsonst, denn ich konnte hier kein Männchen entdecken, mit dem ich mich paaren gewollt hätte. Nur einen Tag vor dem Rückflug sah ich eines, aber da saß ich im Auto und so kreuzten wir uns nicht, nur unsere Blicke taten es. Ich musste hier also unglücklich bleiben. Ich war unglücklich, denn ich hatte kurz vor der Reise mit meinem Lover Schluss gemacht, weil er mich nicht liebt. 

Unser letztes Gespräch fand am Morgen nach einer Nacht bei mir in meinem Hausflur statt, da stand er schon einen Treppenabsatz tiefer. Es ging so:

Ich (im Türrahmen stehend, mir ein Herz fassend, ihm nachrufend): Wann sehen wir uns wieder?

Er: Bald.

Ich: Kann ich heute Abend zu dir kommen?

Er: Nein.

Ich: Warum nicht?

Er: Ich muss arbeiten.

Ich: Arbeiten? Am Sonntag? Was denn?

Er: Ich muss schreiben.

Ich: Sehen wir uns dann nächste Woche? Mittwoch zum Beispiel? 

Er: Vielleicht. 

Ich: Wann weißt du denn, ob du kannst? 

Er: Mal sehen. Ruf mal Dienstagabend an.

Dienstagabend geht er nicht ran. Auch nach zehn weiteren Anrufen nicht.

Ich habe ihn dann Dienstagabend angerufen und er ist nicht rangegangen und dann habe ich es noch ziemlich oft probiert, eigentlich den ganzen Abend lang, aus Wut und irgendwann sprang dann gleich die Mailbox an und dann habe ich ihm gesmst, dass ich ein Kind von ihm will und dass er sofort herkommen soll und mich ficken soll und er hat nicht geantwortet und dann habe ich ihm geschrieben, dass er mich nicht liebt und dass ich ihn deswegen nie wieder sehen will und er hat nicht geantwortet und dann habe ich ihm nichts mehr geschrieben und nach dem Auftritt bin ich auf meinen Tränen zum Flughafen geschwommen und auf diese Insel gelangt, weil man mich dorthin mitgenommen hatte. 

Ein Ehepaar. Nach meiner Ankunft musste er im Wohnzimmer schlafen, weil er vorher in meinem Zimmer geschlafen hatte, denn er durfte nicht bei seiner Frau schlafen, weil sie sein Schnarchen nicht erträgt. Für mich wäre das Schnarchen meines Lovers die schönste Musik der Welt, aber mein Lover schnarcht nicht, überhaupt nicht, ich weiß das, denn wenn er schläft, liege ich wach und betrachte ihn und ich kann nicht schlafen, wenn er neben mir liegt, weil ich Angst habe, zu schnarchen und er das hört und mich dann nicht mehr liebt, dabei wäre das egal, denn er liebt mich ja sowieso nicht. 

Die Mücke war wie meine Liebe zu ihm. Er und ich versuchen sie zu erschlagen, aber sie kommt immer wieder.

Also ich bekam das Gästezimmer unterm Dach und schlief allein und so hätte ich ruhig schnarchen können. Aber ich schlief nicht, denn da war eine Mücke im Zimmer und immer wenn ich die erschlagen hatte, lebte sie wieder auf und war wieder da und summte herum und ich erschlug sie wieder, aber sie kam immer wieder und summte mir um die Ohren. 

Die Mücke war wie meine Liebe zu ihm. Er und ich versuchen sie zu erschlagen, aber sie kommt immer wieder und so schlief ich nicht und ich schnarchte nicht, ich lag nur in der Dunkelheit und lauschte der untoten Mücke und dachte an ihn.

Ich dachte, du magst mich.

Tagsüber gingen wir in Buchten baden und ich setzte mir meine Tauchermaske auf und sah mir die vielen kleinen grauen Fische an. Die grauen Fische waren wie er, denn sie sahen mich gleichgültig an und schwammen weg. Ich habe mit meinen Tränen das Meerwasser versalzen und ich hoffe, sie sterben deswegen. 

Ich wollte ertrinken, doch ich atmete weiter, ich wollte in der Sonne verbrennen, aber ich benutzte doch die Sonnencreme mit dem LSF 50, denn ich war am Morgen in der Kirche gewesen und habe zur heiligen Jungfrau Maria gebetet, dass er eines Morgens plötzlich erwacht und sich seiner unsterblichen Liebe zu mir bewusst wird und ich wollte noch ein bisschen länger warten, bis das passiert, außerdem hatte ich ihm wieder eine SMS geschrieben, ob wir uns sehen wollen, wenn ich wieder da bin. Er hatte nicht geantwortet und dann habe ich ihm geschrieben: Ich dachte, du magst mich. 

Die grauen Fische waren wie er, denn sie sahen mich gleichgültig an und schwammen weg. Ich habe mit meinen Tränen das Meerwasser versalzen und ich hoffe, sie sterben deswegen. 

Am Nachmittag hatte die heilige Jungfrau Maria mein Gebet erhört, denn er hatte geantwortet, dass er mich natürlich mag und dass er eventuell Samstagnacht Zeit hätte, ich sollte mich dann nochmal melden und deswegen ging’s mir wieder ganz gut und abends ging ich durch die Stadt, ging durch die engen Gassen und an den Fluss. Dort waren alle Palmen abgehackt, man konnte nur noch die Stümpfe sehen und unter den Stümpfen standen Bänke aus Eisen, die waren heiß, wegen der Sonne.

Ich ging in die Geschäfte in der Innenstadt und da gab es Ohrringe, die sahen aus wie Geschwüre und ich kaufte mir keine. Das Ehepaar und ich aßen in einem Restaurant zu Abend, es gab Pizza mit einem dünnen Schorf aus Tomatensauce und Käsekruste und es gab Olivenöl mit Rosé und dann flog ich wieder nach Hause und traf mich mit ihm und er schlief mit mir und ich sagte „Tu mir weh“ als er mich stieß, aber das hätte ich ihm nicht sagen müssen, denn das ist das Einzige, was man ihm nicht extra zu sagen braucht. 

Wie man mit einem Mann unglücklich wird von Ruth Herzberg handelt genau davon: einem Mann, der die Protagonistin unglücklich macht und ihrem Festhalten an ihm, das sein Übriges beiträgt. Eine On-Off-Beziehung der heutigen Zeit – mitsamt unbeantworteten Nachrichten und dem obsessiven Warten auf jegliche Regung des Gegenübers. In schnellem Takt hangelt sich der Roman von Liebe über Verzweiflung zu Hass und direkt rein in unsere Herzen. Der vorliegende Text ist ein Auszug und ein kleiner Vorgeschmack auf das große Vergnügen, das euch auf 176 Seiten erwartet. Hier geht’s zum Buch. Ihr findet es jetzt überall im Handel. Mehr Texte von Ruth Herzberg findet ihr auf ihrem Blog www.Frauruth.de.

 

Headerfoto: Dmitry Zelinskiy via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

RUTH HERZBERG ist Autorin aus Berlin. Manchmal zeichnet sie auch. Webseite: frauruth.de und Facebook-Fanpage: www.facebook.com/FrauRueth. Jeden Mittwoch findet man sie zusammen mit Jacinta Nandi und Clint Lukas ab dem 21.08. bei Schuld und Bühne in der Kohlenquelle in der Kopenhagener Straße. Die Live-Talks gibt es hier als Podcast hier. // Autorinnenfoto: Hannah Herzberg.

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