Wie kann ich meine:n Partner:in am besten kritisieren? – Dos und Don’ts einer kritischen Angelegenheit

Es ist schon beeindruckend, wie einseitig manche Dinge im Leben sind. Kritisieren? Machen wohl die meisten ganz gerne, kritisiert werden ist aber so ziemlich das Unangenehmste überhaupt. Und das, obwohl es kaum Wichtigeres gibt, als voneinander zu lernen – nicht umsonst ist die (angeblich so häufig vorhandene) Eigenschaft „Kritikfähigkeit“ so weit oben im Rennen, wenn es beispielsweise um Bewerbungsgespräche oder Persönlichkeitstests geht. 

Kritisieren? Machen wohl die meisten ganz gerne, kritisiert werden ist aber so ziemlich das Unangenehmste überhaupt.

Ich finde natürlich auch (in aller Bescheidenheit, lol), dass ich ziemlich kritikfähig bin und dementsprechend darf ich doch auch hemmungslos an meine Beziehung ran, oder? Ich meine, so auf Augenhöhe und selbstverständlich auch die Kritik meines Partners annehmend – mit offenen Armen und gesenkten Hauptes. 

Nun ja, ich bin unschlüssig, welches Maß an Kritik sich für eine Beziehung gehört, was normal ist, was hilfreich oder was respektvoll. Und ja, ich glaube, das könnten verschiedene Antworten werden.

Ich bin unschlüssig, welches Maß an Kritik sich für eine Beziehung gehört, was normal ist, was hilfreich oder was respektvoll.

Ohne Kritik geht es eben auf Dauer nicht (außer man ist sehr passiv unterwegs und das bin ich definitiv nicht, sorry not sorry), schließlich möchte man sich in der Regel ja auch gemeinsam weiterentwickeln und wer könnte einen dabei besser unterstützen als ein aufrichtiges, liebendes Gegenüber, das im Zuge einer ernsthaften Beziehung wohl so ziemlich alle negativen Eigenschaften, Angewohnheiten und Verhaltensmuster des:der anderen kennen lernen durfte. 

Kritik, wie sie leibt und lebt – alles normal

Ja, schon klar „normal gibts nicht“, wir sind alle einzigartig und das ist wunderschön und so. Aber normal gibts halt irgendwie doch. Normal ist, wenn meine Freundin mir, vielleicht sichtlich ungern, erzählt, dass sie zu ihrem Freund gesagt hat: „Du bist scheiße“ und sich jetzt schlecht fühlt und sich fragt, was denn eigentlich los ist mit ihr. 

Dann sag ich: “Hey, das ist normal, hab ich auch schon gesagt, hab ich auch schon in einer Serie gesehen und hat bestimmt auch schon mal jemand zu mir gesagt und dann ist halt auch gut.”

Das heißt nicht, dass es okay ist und ein exzellentes Beispiel für gelungene Kommunikation in einer gesunden Beziehung, sondern einfach, dass es mal passieren kann, mich nicht schockiert und ich es nachvollziehen kann. 

Ohne Kritik geht es auf Dauer nicht, schließlich möchte man sich in der Regel ja auch gemeinsam weiterentwickeln und wer könnte einen dabei besser unterstützen als ein liebendes Gegenüber.

Das mag ein etwas plumpes Beispiel dafür sein, wie man wohl nicht kommunizieren sollte und trotzdem erlebe ich es immer wieder um mich herum: undurchdachte Kritik zur falschen Zeit und am falschen Ort, die nichts löst, sondern alles nur noch schlimmer macht: 

Zum Beispiel Kritik, die nur als Gegenreaktion auf andere Kritik kommt (Auf „Du hast vergessen abzuwaschen!“ folgt „Boah, aber du hast letzte Woche nicht richtig abgewaschen und nicht gewischt und überhaupt!“.), Kritik, die in Momenten geäußert wird, in denen das Gegenüber sowieso schon total verunsichert und überfordert ist („So parkt man nicht ein!“, während man schon die gesamte Straße blockiert und auch zu dem brillanten Schluss gekommen wäre, dass man so OBVIOUSLY nicht einparkt.) oder Kritik an etwas, was lieb gemeint oder ein Mehraufwand gewesen ist („Danke fürs Kochen, fehlt nur etwas Salz und Pfeffer und war zu lange im Ofen, aber eigentlich ganz gut.“ – Ja ey, immer wieder gern).

Alles zu seiner Zeit 

Kämen wir zum zweiten Aspekt: Im Idealfall ist Kritik konstruktiv und hilfreich. Und wenn es mir schlecht geht, ich überfordert bin oder gekränkt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass ich nicht super entspannt, offen und dankbar reagieren werde, wenn mich jemand kritisiert – es wäre einfach nichts, was ich in dieser Situation annehmen könnte aka. nicht hilfreich.

Wenn es mir schlecht geht, ich überfordert bin oder gekränkt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass ich nicht super entspannt, offen und dankbar reagieren werde, wenn mich jemand kritisiert.

Natürlich ist es trotzdem wichtig, Bescheid zu bekommen, wenn man nicht einparken kann oder zu wenig Salz benutzt, aber was ist dafür der richtige Zeitpunkt und wie sagt man sowas liebe- und wirkungsvoll?

Hand aufs Herz: Kritik muss auch spontan in einer konkreten Situation geäußert werden können, was auch funktioniert, wenn es eine Vertrauensbasis dafür gibt. Sich einfach hinzusetzen und anzuhören, was mein:e Partner:in zu sagen hat, ist wenig spaßig, aber unumgänglich. Und selbstverständlich gilt es zu unterscheiden zwischen Kritik an lächerlichen Banalitäten und Kritik an fundamentalen Eigenschaften oder Verhaltensweisen. 

Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, welche Unsicherheiten mein:e Partner:in grundsätzlich hat und welche Erfahrungen sie:er in vorherigen Beziehungen (auch familiär) gesammelt hat, wenn ich Kritik an ihr:ihm äußern möchte. Erfahrungen wie Verhaltensmuster stecken oft sehr tief in uns und es ist wichtig, sowohl Aktionen als auch Reaktionen richtig einordnen zu können. 

Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, welche Unsicherheiten mein:e Partner:in grundsätzlich hat und welche Erfahrungen sie:er in vorherigen Beziehungen (auch familiär) gesammelt hat, wenn ich Kritik an ihr:ihm äußern möchte.

Vielleicht hat mein Gegenüber grundsätzlich Angst vor Zurückweisung, dann ist es umso wichtiger, das miteinzubeziehen, zu zeigen, dass ich die Perspektive des oder der anderen anerkenne und einen sicheren Rahmen biete, um Kritik annehmen zu können. 

Klingt vielleicht ein bisschen zu kompliziert, gerade wenn es sich um Kleinigkeiten handelt? Ja. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass eine grundsätzliche solide Kritikkultur in einer Beziehung auf kleine wie auf große Probleme und Meinungsverschiedenheiten anwendbar ist und uns das Leben und die Liebe ein bisschen leichter macht. 

Kritik ist ein Spektrum 

Ich bin beispielsweise enorm talentiert, wenn es darum geht, mich instant in eine feurige Gegenargumentation zu werfen: Das führt zwar oft zu meinem verbalen Sieg, sehr selten aber dazu, dass wir in unserer Partnerschaft etwas klären und lösen können.

Kritik ist im Idealfall ein Dialog und kein Kampf. Allerdings ist es wenig verwunderlich, dass es sich manchmal recht kriegerisch anfühlt, betrachtet man mal den deutschen Wortschatz in kritischen Auseinandersetzungen: „jemandem die Stirn bieten“, “schwere Geschütze auffahren“, „kontern“ und „dicke Luft“ – schonmal wer gemerkt, dass das Kriegsvokabular ist? Logisch, dass ich da im Eifer des Gefechts erstmal Widerstand leisten möchte. 

Kritik ist im Idealfall ein Dialog und kein Kampf.

Mein Freund liebt es, die Dinge, stehen sie ja schon mal im Raum, auch gleich ratzfatz zu klären, ich persönlich muss mich erstmal kurz sammeln, meinen Stolz polieren, die Kränkung nicht zu persönlich nehmen und brauche etwas Zeit, um alles einzuordnen. 

Beides ist okay, denke ich, solange ich verstehe, warum mein Freund grade augenscheinlich Druck macht und nicht locker lässt und er weiß, dass ich den Dingen nicht aus dem Weg gehe und mich nicht plötzlich verschließe, sondern mich nur kurz sammeln muss. 

Deswegen: Lasst uns kommunizieren, wie wir generell mit Kritikmomenten umgehen möchten und das offensichtlich nicht innerhalb eines Kritikmoments (dämlichste Idee ever)!

Lasst uns kommunizieren wie wir generell mit Kritikmomenten umgehen möchten und das offensichtlich nicht innerhalb eines Kritikmoments!

Wenn wir lernen, richtig zu kritisieren und das gerade in Bezug auf Partnerschaften, ist das ein unglaublicher Mehrwert für ein respektvolles Miteinander, in dem sich alle Parteien sicher und respektiert fühlen können. 

Menschen kritisierten unterschiedlich und auch das hat wahrscheinlich sehr viel damit zu tun, wie wir das Ganze gelernt oder auch nicht gelernt haben. Key ist also wie so oft, zu kommunizieren, eigene Muster zu erkennen (und zu durchbrechen) und nicht direkt zur Gegenwehr anzusetzen, sondern sich auf einen aufrichtigen Dialog einzulassen. 

Headerfoto: Anna Shvets via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nika liebt das Meer und frischen Wind in ihren Segeln. Besonders angetan haben es ihr außerdem Schweden und das Schreiben über aktuelle Themen, irrwitzige Gedanken und aufrichtige Gefühle, vor allem natürlich für die Redaktion von im gegenteil. An einem perfekten Geburtstag gibt es bei ihr Nudelsuppe von ihrem Opa und Vanillepudding von ihrer Oma.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.