Wie ich als Hochsensible meine Gefühle durch Medienkonsum steuere | Von der Seele geschrieben

Es gibt nur wenige Tage, an denen ich meinen Feierabend nicht mit Instagram, Pinterest oder einer Serie verbringe. Ich liebe es, mich inspirieren zu lassen. Deshalb ist Inspiration tatsächlich die primäre Intention für mich, soziale und andere Medien wie Filme, Serien und Musik zu nutzen.

Ich kann mich bewusst in eine bestimmte Stimmung versetzen, indem ich einen bestimmten Film schaue oder ein bestimmtes Lied höre.

Und sie bringen noch einen Effekt mit sich: Dank meiner Sensibilität lösen sie immer direkt starke Emotionen aus. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ich kann mich bewusst in eine bestimmte Stimmung versetzen, indem ich einen bestimmten Film schaue oder ein bestimmtes Lied höre.

Das ist praktisch. Aber es verleitet mich auch dazu, schnell darauf zurückzugreifen, wenn ich einer Situation und den mit ihr einhergehenden Emotionen entfliehen möchte. Das ist nicht unbedingt gesund. Und so langsam entwickelt sich die Befürchtung, dass ich diesen Effekt ausnutze.

Offen für alle Gefühle

Wahrscheinlich kennst du ihn auch, diesen automatisierten Handgriff zum Smartphone. Wir, die wir damit aufgewachsen sind oder es uns schlichtweg angewöhnt haben, checken sekündlich Nachrichten und Neuigkeiten.

Klar, Netzwerke wie Instagram und Facebook sind so gestaltet, dass wir sie immer wieder nutzen wollen. Sie machen sich unsere Angst zunutze, etwas zu verpassen, wenn wir es nicht tun. Oder verstärken sie sogar, erhalten sie, vergrößern sie. Genauso zielen sie auf unsere Emotionen ab.

In erster Linie ist das in sogenannten „sozialen“ Netzwerken das Gefühl von Zugehörigkeit. Doch der soziale Aspekt ist lange nicht mehr der einzige für die Nutzung. Heute geht es um Inspiration, um Präsentation und Selbstvermarktung. Dadurch werden noch so viel mehr Gefühle beim Konsum erzeugt.

Mich können drei Töne von einem Song zum Weinen bringen. Da kann man sich ungefähr vorstellen, was fünf Minuten auf Social Media bewirken können.

Bei hochsensiblen Menschen wie mir, die besonders empfänglich für mediale Einflüsse sind, funktioniert das natürlich sehr gut. Mich können drei Töne von einem Song zum Weinen bringen. Da kann man sich ungefähr vorstellen, was fünf Minuten auf Social Media bewirken können.

Ich trage nicht, wie manch andere, eine Schutzschicht um mich, die alles abstößt, was auf feinstofflicher Ebene, wie etwa Energien oder Gefühle, eindringen möchte, sondern bin offen für all das. Ungefiltert nehme ich alles auf – Atmosphären, Eindrücke, Töne und Bilder, Stimmungen von anderen.

Und all das löst dann ungebremst etwas in mir aus, insofern ich mir nicht bewusst darüber bin und selbst aktiv differenziere und filtere, was ich behalten möchte und was nicht.

Die kurze Flucht

Da ich inzwischen bei einigen Medien weiß, was sie in mir auslösen, kann ich sie bewusster nutzen. Ich folge bestimmten Accounts nicht mehr, die in mir Unwohlsein hervorrufen, höre bestimmte Musik nicht, weil sie etwas auslöst, was ich nicht möchte, und schaue bestimmte Filme nicht.

Aber es funktioniert eben auch andersherum. Genauso kann ich ein Medium gezielt einsetzen, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Ich kann meine Gute-Laune-Playlist anmachen, um einen guten Start in den Tag zu haben, und kann diesen einen Film mit der starken weiblichen Hauptrolle schauen, um mich selbst stark zu fühlen. Das nenne ich Inspiration. Ich lasse mich zu einem Gefühl inspirieren.

Das lässt sich definitiv als Vorteil meiner Hochsensibilität betrachten. Doch in letzter Zeit ist der Gedanke in mir lauter geworden, ob mir das tatsächlich so guttut wie ich meine. Zum einen verdränge ich dadurch das, was gerade in mir ist an Gefühlen und Themen, die meine Aufmerksamkeit brauchen, um gehen zu können.

Von Natur aus kommen und gehen Gefühle automatisch, es sei denn, ich halte an ihnen fest.

Denn, was ich bereits gelernt habe: Von Natur aus kommen und gehen Gefühle automatisch, es sei denn, ich halte an ihnen fest. Und ich halte auch oder erst recht an ihnen fest, wenn ich sie ignoriere oder verdränge. Dann können sie nicht wieder gehen, sondern bleiben erst recht. Und zum anderen bin ich so mit meinem Blick immer nur bei anderen statt bei mir selbst. Ich bin beinahe süchtig nach dem, was mir andere vermitteln, und verliere dabei mich selbst aus den Augen.

Letztendlich ist es nicht mehr als das: Ich schaue mir an, wie andere leben, um mich davon inspirieren zu lassen, belasse es jedoch für immer bei der bloßen Inspiration und übernehme nichts davon. Im Gegenteil, ich vergesse dabei sogar vollkommen, selbst zu leben. Ich nenne es Inspiration, dabei ist es bloß der kurze Kick des Anschauens und die kurze Flucht aus der Realität. Die kurze Flucht vor den eigenen Gefühlen. Die kurze Flucht aus dem eigenen Leben in ein anderes.

Ich will leben

Mit dieser Erkenntnis ist mir auch die eigentliche Intention hinter meiner Suche nach Inspiration bewusst geworden: Ich will ein gutes Leben führen. Und weil ich ein neugieriger, wissbegieriger und lernwilliger Mensch bin, schaue ich mich dafür gerne im Außen um. Deshalb konsumiere ich Medien – ich will von anderen lernen und mich weiterentwickeln. Und ich will glücklich und zufrieden sein. Darum geht es mir.

Auf meiner Suche bin ich nur leider etwas vom Weg abgekommen. Ich habe mich ablenken und in eine Richtung lassen, in die ich nie wollte. Aber, wie wir alle wissen: Erkenntnis ist der erste Schritt der Veränderung.

Ich will nicht länger anderen beim Leben zusehen, sondern selbst leben.

Ich will nicht länger anderen beim Leben zusehen, sondern selbst leben. Das mag pathetisch klingen, aber es ist nun mal mein Bedürfnis. Ich will mich ins Leben stürzen und alles, was dazugehört, all meine Gefühle (nicht die von anderen) bewusst wahrnehmen. Ich will meinen Feierabend nicht länger in meinem Smartphone verbringen. Ich will wieder mehr lesen, kreativ schreiben, malen, gestalten, zuhören und das alles bewusster.

Und vor allem aus mir heraus. Ich will mich mehr mit mir selbst, meinen Bedürfnissen und Gefühlen auseinandersetzen. Ich will meinen Blick viel mehr nach innen und weniger nach außen schweifen lassen. Das Leben ist Inspiration genug. Und ich will selbst eine Inspiration sein. Aber das kann ich nur, wenn ich mich ins Leben stürze statt in den Bildschirm.

Headerfoto: Ron Lach via Pexels. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

LEONIE MACHBERT schreibt Geschichten, seit sie schreiben kann. Sie hat Journalismus studiert und tobt jetzt irgendwo auf den weiten Feldern des freien Journalistendaseins herum. Dort sammelt sie Geschichten zu ihren Herzensthemen Body Positivity, Selbstliebe, Feminismus und den kleinen, zwischenmenschlichen Phänomenen. Sie liebt es, im Café zu sitzen, ihren Laptop alibimäßig vor sich aufzuklappen und dann zwei Stunden lang Leute zu beobachten. Mehr von ihr lest ihr auf ihrer Webseite.

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