Wie deine Depression unserer Beziehung den Atem raubt – Liebe mit einem leidenden Mann

TRIGGERWARNUNG: Depression

Als ich dich vor ein paar Monaten online kennenlernte, wirkte dein Profil auf einer dieser unzähligen Dating-Apps erfrischend anders. Sehr authentisch und warm. Wir schrieben nach unserem Match ein paar Tage, alles sehr belanglos und austauschbar, aber du bliebst dran und ich aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund auch.

Unser erstes Date war dann ganz harmonisch. Da waren keine Erwartungen, kein Druck, keine Gespenster. Die kamen erst später.

Unser erstes Date war dann ganz harmonisch. Da waren keine Erwartungen, kein Druck, keine Gespenster. Die kamen erst später, als du kurz vor unserem dritten Date mitteiltest, dass du dich gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe fühltest und eventuell etwas neben der Spur seist.

Meine Reaktion war gut durchdacht, denn innerlich schwankte ich zwischen Panik und Vertrauen. Ich traf bei dir ins Schwarze, indem ich mich gelassen und verständnisvoll zeigte und so kamen wir uns näher und näher.

Eingeholt von der Vergangenheit

Irgendwann blieb mir aber nicht mehr verborgen, dass auch du Panik und Vertrauensprobleme hattest. Nach deiner zerbrochenen Ehe, dem Ende der gelebten Familienidylle, hattest du Sorgen, dich nie wieder auf eine Partnerin einlassen zu können.

Wir saßen Arm in Arm im Schneefall und du träumtest dich zu deiner Exfrau, erzähltest mir von euren ersten verliebten Wochen und ich schluckte – teils entrüstet, teils verunsichert. Doch deine große Stärke ist es eigentlich, dich mit Problemen bewusst auseinandersetzen zu können. So begannen Wochen der Offenheit und Nähe. Wir redeten, wir lachten, wir lernten uns kennen – manchmal sehr ungestüm, manchmal in bittersüßer Sorge, alles zu überstürzen.

Doch deine große Stärke ist es eigentlich, dich mit Problemen bewusst auseinandersetzen zu können. So begannen Wochen der Offenheit und Nähe.

Als du mich nach eineinhalb Monaten fragtest, ob wir eine Beziehung eingehen wollen, sagte ich ja und alles kam einer märchenhaften Fügung gleich, wären da nicht deine Dämonen und langen Schatten gewesen. Anfangs holten sie dich noch selten ein. Deine Fingerspitzen würden kribbeln, dich nachts um den Schlaf bringen. Dein Rücken sei schon wieder so verspannt, ob ich ihn nicht massieren könne. Der Song, den ich dir morgens geschickt hab, hätte dich zum Weinen gebracht, mehrfach.

Immer und immer wieder sahst du zurück in deine Vergangenheit und irgendwann wurde jede Kleinigkeit zum Anlass zu klagen, zweifeln oder unsere Beziehung auf die Probe zu stellen.

Immer und immer wieder sahst du zurück in deine Vergangenheit und irgendwann wurde jede Kleinigkeit zum Anlass zu klagen, zweifeln oder unsere Beziehung auf die Probe zu stellen. Könne ich treu sein? Wäre ich bereit, langsamer zu lieben? Wäre es okay, sich seltener zu treffen, bis es dir besser ginge?

“Burnout”

Ich fand mich nach Wochen bester Laune, deiner besten Laune, plötzlich vor einem Mann wieder, der mich kalt und ausdruckslos anschaute, um mir zu sagen, er stünde kurz vor einem Burnout. Ich fragte, ob dieser Mann über eine Therapie nachdenken würde und hörte ein trotziges Nein.

Ich fand mich nach Wochen bester Laune vor einem Mann wieder, der mir sagte, er stünde kurz vor einem Burnout.

Mein Kopf drehte sich wie mein Magen. Alles an dir veränderte sich. Aus deiner stets sensiblen Art wurde eine Ablehnung, die sich innerhalb eines Tages in einen Galopp der Emotionen verwandelte. „Du bist meine Traumfrau!“, hauchtest du genauso wie „Ich finde dein Lachen unecht.“ Aus deinem “Mich nicht mehr so oft sehen”-Wollen, wurde dein erstes „Ich liebe dich“. Aus vielen fröhlichen Nachrichten und leidenschaftlichen Nächten wurde trockene Einzeiler und mein stilles Leiden.

Ich habe in den letzten Tagen viel über Menschen mit Depressionen gelesen und noch mehr über deren Partner:innen. Nun verstehe ich, aber ich fürchte, du verstehst dich noch lange nicht. In mir knallen alle Sicherungen durch, während ich versuche, die Unruhe durch Ablenkung im Alltag zu überstehen und ich sehne mich danach, deinen Kopf zu halten, aber muss dich jetzt in Ruhe lassen.

Unsere Liebe hat derzeit gar keine Pointe. Dieser Text auch nicht.

Wenn du oder jemand in deinem Umfeld dringend Hilfe braucht, erreicht ihr unter 0800-1110111 jederzeit die Telefonseelsorge und unter 116-111 das Kinder- und Jugendtelefon.

Headerfoto: Pavel Pjatakov via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

Laurine Lauretta, ein Perpetuum Mobile. Zwischen alleinerziehender Mutterschaft, pädagogischer Arbeit und Frausein, bleibt noch genug Zeit sich viele Gedanken um die Liebe, das Leben und allerlei Unsinn zu machen. Hier in Wort und Text.

3 Comments

  • Sofort Rückzug! Wenn er nicht bereit ist, sich helfen zu lassen, dann muss man nicht bleiben. Vorsicht vor Co-Abhängigkeit und bitte auf Selbstfürsorge achten!

  • Im Moment fast das ähnliche Problem. Ein wahnsinnig schöner Beginn.
    Aber seine Exfrau was immernoch im gemeinsamen Haushalt lebt manipuliert ihn. Sie hat sich getrennt und die Scheidung liegt über ein Jahr zurück. Er hat gelitten. Ihm ging es dann besser aber jetzt wo ich in seinem Leben bin,fängt sie an Probleme zumachen. Straft ihn mit Vorwürfe und der Vergangenheit. Lässt uns und unsere Beziehung dadurch leiden nur um ihr gerecht zu werden und den Frieden zu zubewahren. Er weiß nicht mehr was richtig oder falsch ist. Will allem gerecht werden was nicht mehr funktioniert. Ich mach mir sorgen und hab Ängste.

  • Oh, da handelt es sich nicht um eine Depression, sondern geht eher in Richtung Borderline. Ich als jahrelang in Behandlung gewesenenr depressiver Mensch habe ein Jahr lang genau so eine “Beziehung” geführt mit täglichen Achterbahnfahrten der Gefühle. Von so einem Menschen fühlt man sich geliebt wie nie und gleichzeitig abgelehnt wie nie, da entsteht schnell eine Co- Abhängigkeit draus, denn man will ja helfen und unterstützen. Aber egal, ob man A, B oder C reagiert – es ist immer falsch. Und natürlich ist man Schuld, wenn man zur falschen Zeit den falschen Song spielt – wie beschrieben. Wir müssen doch wissen, dass ihm das nicht gut tut, wir müssen auch wissen, dass ihn das und krank macht oder ihm Schmerzen bereitet. Ja ja.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.