“What the actual fuck?” – Das Wiedersehen

„Hey, du, ich weiß nicht, ob ich an dem Wochenende überhaupt in Berlin bin“, steht da – schreibt … – „Ich geb‘ dir Bescheid, ok?“ – danach kommt nichts mehr. Ich weiß, was das heißt. Seit Wochen sind die Nachrichten zwischen uns kurz. Fühle mich, als würde ich nerven. Tue ich vielleicht auch, bin ihm doch „zu viel“, mutmaße ich.

Gehe in einen anderen Chat, öffne Tinder, Instagram, scrolle hoch, runter, wieder hoch. Wo bleibt die Zerstreuung? Ich seufze. Frage mich: War’s das? Bin nicht mehr traurig, eigentlich, nicht mehr verletzt, es zieht nur noch etwas im Magen, wenn ich seinen Namen lese oder seine Instastory sehe – die ich mir natürlich verboten habe, aber wem will ich etwas vormachen.

Seufzen, das ist so ein typisches Erotikroman-Wort. Ja, schon. Dieser Text ist anders, wird anders. I promise. Genau das ist auch wieder so … ach, lassen wir das. Es geht um (casual) Sex und Verlieben. Um Vermissen, was mal war. Und ums Schreiben. Denn das hält alles zusammen. Schreiben konserviert das flüchtige Schöne, den Moment, den Glow, es macht das Hier und Jetzt etwas weniger bitter.

Wir, also ihr und ich, machen einen Zeitsprung rückwärts. Vier Monate ist das Ganze schon her, holy. Die Zeit verfliegt und mit ihr die Gefühle, die da mal waren. Hoffentlich.

Finally: Tag X

Gleichmäßige, schwere Schritte, schwarze Doc Martens, tok tok, tok tok. Zweiter Stock im Berliner Altbau. Es sind viele Stufen, die uns (noch) trennen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Die Tür steht halb offen, gleich; gleich ist er hier. Scheiße bin ich aufgeregt – habe ich ernsthaft etwas anderes erwartet? Atme tief ein, vergesse dabei fast das Ausatmen. Ich habe das Gefühl zwischen den Beinen zu schwitzen oder bin ich etwa mittlerweile so konditioniert, dass ich schon beim Gedanken an ihn feucht werde?

Die letzten Stufen, die Schritte werden lauter. Traue mich nicht vor die Tür, bleibe im dunklen Inneren der Wohnung stehen. „Da bist du j…“, mein Lächeln wird verschluckt, ich erhasche nur einen kurzen Blick in seine blauen Augen und auf seine Schuhe. Da sind keine Worte mehr, wie auch. Er nimmt mein Gesicht in beide Hände und küsst mich. Keine Zeit zu denken, alles passiert viel zu schnell, dann scheint alles völlig stillzustehen.

Mein Herz könnte aussetzen, denke ich noch. Bei ihm ist keine Spur von Unsicherheit zu bemerken, im Gegenteil: Er küsst mich verheißungsvoll-vertraut.

Mein Herz könnte aussetzen, denke ich noch. Bei ihm ist keine Spur von Unsicherheit zu bemerken, im Gegenteil: Er küsst mich verheißungsvoll-vertraut. Ich muss mich zu ihm hoch strecken, habe keine Schuhe an. Bin kurzatmig, obwohl ich mich nicht vom Fleck bewege.

„Ich habe mich so auf dich gefreut“, flüstere ich noch, vergrabe mein Gesicht in seinem Bart und küsse seine Wange, bahne mir sachte den Weg zurück zu seinem Mund. Der Moment gefriert – meine Anspannung verschwindet, ändert den Aggregatzustand, verdampft.

Nach unserem ersten Date bahnte sich Corona den Weg nach Europa und damit auch nach Deutschland. Der erste und bisher strengste Lockdown, zwei Städte und die erste Welle von Krisengedanken trennten uns, bis zu diesem Tag im Mai. Wenn ich an diesen Tag und die folgenden denke, lächele ich ganz automatisch ein ganz klein wenig. Das war schon ein, ja, auch wenn es abgedroschen klingt, magischer Moment. Aber zurück ins Treppenhaus. Jetzt wird es nämlich richtig heiß. Für euch, die ich euch daran teilhaben lasse und für mich erst recht.

All in or nothing? All in!

Die Tür steht weiterhin offen. Wir knutschen zwar mittlerweile hinter der Türschwelle, sind aber so ineinander verschlungen – long story short: Die Nachbarn im Haus sind meine absolut geringste Sorge. Da sind allgemein gar keine Sorgen, nur Lust, nur hastiges Atmen zwischen zwei Küssen, nur seine Hände. Wie in einem von unzähligen Sexträumen der letzten Wochen. Fuck, ich will ihn so sehr, jetzt, gleich.

Meine Hände fahren seinen Rücken herab, er kniet sich vor mir hin und küsst meine Brüste, zieht mein Kleid hoch. Dann stehe ich vor ihm, nur im Slip, sein Mund küsst meinen Bauch – kein einziger störender Gedanke an meine Bodyissues kann sich auch nur irgendwo zerstörerisch festhalten, alle Synapsen sind mit Lust belegt. Dafür schlängeln sich seine Finger unter meinen Slip. Er zieht ihn etwas runter und fährt mit einer Hand an meinen Innenschenkeln entlang.

Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass er grinst. Mein rechtes Bein wird angehoben, er legt es über seine Schulter und fängt an mich zu lecken. Oh. Mein. Gott. Er stößt die Tür blindlings zu, ohne sich umzudrehen, sie fällt nicht ins Schloss und bleibt einen Spalt offen – es ist mir völlig egal. Seine Zunge fährt kreisend in mich, vergräbt sich, so weich, so liebevoll. Seine Hände an meinem Hintern ziehen mich weiter an ihn heran – verliere fast das Gleichgewicht. Aber nur fast.

Er verschlingt mich und ich lehne mich in dem engen Flur gegen die Wand hinter mir. Mache die Augen zu. Ich ahne, was gleich passieren wird.

Er verschlingt mich und ich lehne mich in dem engen Flur gegen die Wand hinter mir. Mache die Augen zu. Ich ahne, was gleich passieren wird. Er wird mich fingern und dabei lecken, denn er weiß sehr genau, wie ich darauf reagiere. Spüre seinen Zeigefinger, langsam, ein behutsames Eintauchen.

Es ist still und trotzdem dröhnt es laut in meinem Kopf. Zittere, meine Beine pressen ihn jetzt fester an mich. Mir wird heiß, mein Rücken ist kalt-nass, meine Ohren rot. Ich schlängele mich aus seinem Griff, kann nicht mehr. What the actual fuck.Er hat noch kein einziges Wort gesagt – küsst meinen Bauch herauf, richtet sich auf, legt seine Arme um mich und umfasst mit beiden Händen mein Gesicht, sein liebster Griff. Schiebt seinen Zeige- und Mittelfinger in meinen Mund, ich schaue in seine Augen und schmecke mich selbst. Er lässt von mir ab, öffnet seinen Gürtel und sein stehender, kerzengerader Schwanz drückt sich heraus.

„Schön dich zu sehen“

„Ich zeig‘ dir das Schlafzimmer, willst du es sehen?“, bringe ich stockend-atemlos heraus. Er folgt mir, sagt aber immer noch kein Wort. Wir gehen durch den dunklen Flur, durch das Wohnzimmer in das winzige Schlafzimmer, das ich gerade leihweise bewohne. Der Raum besteht nur aus einem Holzbett, so klein ist er. Lege mich auf den Rücken, er zieht sich vor mir aus und legt sich nackt auf mich. Er berührt mich mit seinem Körper leicht im Schritt, ich kann gar nicht anders, als mich an ihn zu schmiegen.

Wir knutschen, ich hebe mein Becken – da ist es: dieses Ohnmachtsgefühl, das ich schon kenne. Es fühlt sich an wie ein Teile-Rausch. Er schaut mich an und sagt: „Schön dich zu sehen.“ Was für ein Moment. Wir lachen und ich versuche tief einzuatmen. Alles verschwimmt. Stöhne so laut, dass es die umliegenden Nachbarn in ihren Wohnungen hören, nicht nur wenn sie die Ohren spitzen.

Das Bett quietscht und klopft mit dem Kopfende leicht gegen die Wand, classy! Er hebt seinen Oberkörper von mir weg, streckt die Arme durch, als würde er Liegestütze machen. Sein Blick ist ein bisschen lustig, er stemmt die Zähne aufeinander und faucht ein „Grrr“ heraus.

Er stößt so schnell, ich komme mit dem Stöhnen kaum hinterher und meine Haare werden vom Laken toupiert.

Das Schaukeln nimmt Fahrt auf, sein Becken schlägt auf meine Hüfte, meine Beine zieht er noch weiter auseinander. Seine Pranken umfassen meinen Bauch so fest, dass meine Haut zwischen seinen Fingern herausquillt. Er stößt so schnell, ich komme mit dem Stöhnen kaum hinterher und meine Haare werden vom Laken toupiert.

Es hört nicht auf sich unglaublich anzufühlen, bin nässer als nass und es schmatzt bei jedem langen Stoß. Meine Beine wandern durchgestreckt und senkrecht vor ihn und er umgreift meine Knöchel. Ich öffne meine Beine wieder etwas, umschlinge seine Schultern mit meinen Händen und ziehe ihn am Hals an mich heran. Sein Bart kitzelt dabei angenehm an meinem Schlüsselbein.

Ich will ihn noch näher spüren; er schwitzt am ganzen Körper, genau wie ich. Ich spüre sein Herz, es schlägt schneller als meins. So schnell, als sei es kurz davor zu zerspringen. Ich halte ihn fest, umklammere ihn, will nicht, dass er auch nur einen Zentimeter von mir abrückt, umarme ihn immer fester. Mein Herz überschlägt sich, auf meiner Stirn sammeln sich Schweißtropfen, die in meine Haare abwandern, alles in mir pocht. Ich strecke meinen Hals nach hinten, koste den Moment aus und schaue an die Decke, höre ihn lachen und schwer atmen.

In der Retrospektive wird das einer der Momente gewesen sein, in denen ich noch etwas anderes als nur Lust ihm gegenüber verspürt habe. Ich wollte ihn nicht mehr loslassen, daran erinnere mich noch sehr, sehr eindrücklich.

Flauschige Bademantelärmel

„Hui, was war das denn?“, frage ich, bevor er sich schließlich von mir löst. In diesem Moment finde ich ihn wohl einen Tacken zu toll, als dass es gut für mich wäre.

„Wollen wir rauchen, Liebes?“, er küsst meine Hand, die er gleich wieder loslässt. Er räkelt sich seitlich vom Bett weg, steht auf. Nein, bitte, komm wieder her. „Klar, gerne“, höre ich mich sagen. Als ich versuche vom Bett aufzustehen, sacken mir die Beine weg – so wackelig bin ich, so erschüttert von dem, was dieser Mann mit mir macht. Dieser Sex. Mein Kopf ist leer, klar und erfüllt. Ein kurzer Blitz macht einem neuen Gedanken Platz: Ich will mehr. Gleich, nach der Zigarette. Zweite Runde.

„Wow, es ist so schön, dass du da bist“, sage ich laut, stehe auf und strecke mich in der Zwischentür zum Wohnzimmer nach oben, um einen dünnen rosa Bademantel von einem der Haken, die in der Tür eingehängt sind, zu fischen und überzuwerfen. Ich folge ihm ins Wohnzimmer, durch das ich ihn vor ein paar wenigen Stunden ungeduldig an meiner Hand ins Schlafzimmer geführt habe. Er hat sich seine Unterhose und sein Shirt übergestreift, sitzt auf der Couch und kramt in seiner schwarzen Lederbauchtasche nach seinem Zigarettenpäckchen. Seine Finger klopfen eine Zigarette heraus, er pustet über den braun gefleckten Filter und steckt sie sich erst dann in den Mund – eine Angewohnheit, die ich aufmerksam beobachte.

Fensterbrettgespräche

Ich setze mich auf das Fensterbrett, öffne das alte knarzige Doppelfenster einen Spalt und schaue ihn, vielmehr versuche es, cool-sexy-verführerisch-ein-wenig-herausfordernd an. „Wie war dein Tag?“, grinst er fragend und zündet seine Zigarette an. Als ich mich zu ihm vorlehne, meine Hand auf seinem Knie abstütze und mir die eben angezündete Kippe aus seinem Mund klaue, küsse ich ihn. Nur flüchtig, aber etwas länger als einen Begrüßungskuss unter engsten Freundinnen oder Paaren.

„Gut, ich bin erstmal angekommen, habe meine Sachen ausgepackt – und seitdem eigentlich nur darauf gewartet, dass wir uns endlich sehen. Unfassbar, jetzt sitzen wir wirklich zusammen hier. Ziemlich verrückt“, antworte ich. „Auf jeden Fall, richtig verrückt. Habe auch den ganzen Tag an dich gedacht, like, honestly“, er pustet den gerade inhalierten Rauch seiner, jetzt meiner, Zigarette aus und kramt nach einer neuen.

Ich bin zittrig, nackt, weiter hungrig auf ihn, noch völlig eingenommen vom Sex gerade eben – und verknallt. Mist.

Da sitzen wir. Ich bin zittrig, nackt, weiter hungrig auf ihn, noch völlig eingenommen vom Sex gerade eben – und verknallt. Mist. Er redet, ich höre zu und umgekehrt. Wir hören Andy Stott. Langsam komme ich in der Realität an, lehne mich an und strecke den Rücken durch. Ich nehme einen Zug der Zigarette, die Asche fällt auf meinen Schoß. Ich setze mich etwas bequemer auf das breite weiße Fensterbrett und greife nach dem Aschenbecher neben ihm.

Hier bin ich also. Mal wieder. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so zufrieden war, mich mit einem Mann so safe und wohl gefühlt habe. Noch nie auf diese völlig abstrus sehnsüchtige Art, wahrscheinlich.

Ich schlüpfe kurz in den Flur, schließe die Wohnungstür und lasse sie ins Schloss einrasten. Denn ganz so bald wird er nicht verschwinden. Zumindest nicht an diesem Abend.

Headerfoto: Die Autorin fotografiert von Lisa Schumann. („Sexy Times“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NASTI lebt und arbeitet in Leipzig. Als Medienwissenschaftlerin ist sie notorisch smartphonesüchtig und lässt euch bei Instagram alles miterleben, was sie so macht. Sie schreibt noch den ein oder anderen Text über Erlebnispornographie, Sex und Beziehung unter dem Pseudonym Antoinette Blume bei Mimi & Käthe.

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