Wenn‘s zwanghaft unter die Haut geht: Was ich der Welt über das Skin-Picking erzählen möchte

So wie auf dem Foto sehe ich nicht aus, die roten Punkte habe ich mir mit einem Lipliner aufgemalt. Sie sollen veranschaulichen, wie ich mich lange dauerhaft fühlte. Nicht-Betroffenen zu erklären, was Skin-Picking ist, ist herausfordernd, denn obwohl Studien zufolge zwischen ein und fünf Prozent der Bevölkerung darunter leiden, ist das Thema für Picker*innen in der Regel so mit Scham belegt, dass sie ihre Kondition vertuschen. Es wird kaum darüber geredet.

Ein 22 Jahre währendes Versteckspiel

Auch ich habe mich etwa 22 Jahre (!) lang versteckt. Mit zwölf entdeckte ich erstmals einen kleinen Pickel auf meiner Nase, den ich nicht schaffte, mit meinen Fingern auszudrücken. Also quetschte ich solange weiter, bis ich eine beachtliche Wunde kreiert hatte, was mir dann unangenehm war (die Klassenfotos standen an). Kurz zuvor hatten sich meine Eltern getrennt, eine bis heute für mich schmerzhafte Erinnerung. Nachträglich gesehen ist es kein Zufall, dass die Events so nah beieinander lagen. Als meine Haut in der Pubertät dann unreiner wurde, hatte ich immer mehr Stellen zum Ausdrücken es wurde für mich zum Zwang.

Die Tätigkeit an sich gefiel mir – ich empfand die Zeit vorm Spiegel, in der ich mich der „Gesichtsreinigung“ widmete, entspannend, ich hatte keine Schmerzen, selbst wenn ich tiefe blutende Wunden in meine Haut drückte. Ich hätte eh auch nicht aufhören können, der Drang war viel zu stark. Erst wenn ich aus meinem Trancezustand erwachte und mein Werk im Spiegel betrachtete, sah ich, was ich angerichtet hatte. Und dann schämte ich mich der offenen Hautstellen wegen, wollte niemanden sehen, sagte Verabredungen ab, schloss mich in meinem Zimmer ein, hatte Schmerzen, war wütend auf mich selbst, fühlte ich traurig und hilflos.

Ich hatte keine Schmerzen, selbst wenn ich tiefe blutende Wunden in meine Haut drückte.

Das Spiel wiederholte ich über weite Strecken der nächsten Dekaden jeden Tag für eine Stunde oder länger. Meine Haut hatte nie Zeit, sich zu erholen. Ich schob meine sichtbaren Hautprobleme (die, die ich mir selbst zugefügt hatte und eben nicht gut genug abdecken konnte) auf eine Art Erwachsenen-Akne. Ich zeigte mich niemals ungeschminkt, oft nicht mal mir selbst, weil ich den Anblick kaum ertragen konnte.

Ich war ganz alleine auf der Welt

Bevor das Internet für mich zugänglich wurde, hatte ich mir bereits fest eingeredet, dass ich eine blöde Marotte hatte und einfach zu schwach war, diese hinter mir zu lassen. Ich war mir zudem sicher, dass ich die einzige Person auf der Welt war, die so etwas Ekliges, Absurdes mit sich selbst anstellte. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich immer damit würde leben müssen.

Einmal ging ich zum Hautarzt, um mich erstmalig jemandem ungeschminkt zu zeigen und mein Hautbild zu besprechen (ein gängiges Verhalten von Skin-Picker*innen, die gar nicht checken, dass sie die Probleme selbst verursachen, aber wohl wissen, dass sie Hilfe brauchen). Der Arzt verschrieb mir heftige Tabletten zur Aknebekämpfung, die meine Haut am ganzen Körper über ein Jahr hinweg von innen heraus immer wieder komplett schälen würden.

Einmal im Monat sollte ich für einen Schwangerschaftstest vorstellig werden, das Medikament führte nämlich zu schlimmsten Fehlbildungen bei Föten, von der Liste anderer Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Ich war zwar verzweifelt, lehnte die Behandlung aber ab, obwohl ich mir nichts mehr wünschte als schöne Haut. Es blieb für lange Zeit der einzige Versuch, Hilfe zu finden.

Ich verbrachte zweimal täglich 30 bis 60 Minuten vorm Spiegel in einem Rauschzustand, ohne zu wissen, wieso.

Ich lebte weiter damit. Ich hielt es weiter geheim. Ich verbrachte weiter zweimal täglich 30 bis 60 Minuten vorm Spiegel in einem Rauschzustand, ohne zu wissen, wieso. Erst als ich mit stolzen 34 Jahren mit einem neuen Partner zusammenkam, konnte ich es nicht mehr verheimlichen. Nachdem er mich mit rot-gequetschtem Gesicht erwischt hatte, suchten wir im Netz zusammen nach „Pickel ausdrücken, Zwang“.

Mein Problem hatte einen Namen

Ich saß weinend auf dem Sofa, weil ich nach all dieser Zeit verstand, dass es vielen so ging wie mir. Ich war nicht alleine und das war unfassbar erleichternd! Ich hatte eine psychische Störung. Eine, die man vielleicht nicht heilen konnte, aber die Lebensqualität konnte man steigern, so stand es da. Skin Picking hieß das! Ich las Erfahrungsberichte, wühlte mich durch Foren, sah Fotos von Gleichgesinnten, guckte YouTube-Videos, fand sogar ein Buch einer amerikanischen Psychologin. Ein ganzes Buch! Ich war so aufgeregt, dass ich mein Gesicht an diesem Abend besonders schlimm beackerte.

Ich war nicht alleine und das war unfassbar erleichternd! Ich hatte eine psychische Störung.

Als das Skin-Picking vor ein paar Jahren gemeinsam mit der Schwesterstörung Hair-Pulling in den US-amerikanischen diagnostischen Psychostörungs-Almanach DSM-5 (erst als Impulskontroll- und später) als Zwangsspektrumsstörung aufgenommen wurde, bekam das Thema gefühlt erstmalig eine etwas größere Aufmerksamkeit, vor allem im Netz. Studien sind kaum verfügbar, Expert*innen auch nicht, Ärzt*innen und Psycholog*innen fehldiagnostizieren die Störung häufig. Professionelle Hilfe gibt es kaum, eine wirklich erfolgreiche Therapieform oder Medikamente gibt es gar nicht. Betroffene sind oft auf sich allein gestellt und/oder werden von ihrem Umfeld für ihr Verhalten geshamed – als würden sie noch nicht genug unter Selbstwertproblemen leiden.

Psychoanalyse, „Verhaltenstherapie“, Willensstärke

Voller Tatendrang begann ich eine von meiner Krankenkasse bezahlte Psychoanalyse. Ich war mir sicher: Das Skin-Picking war nur ein Symptom, ich wollte alles verstehen, an die Ursache des Problems heran. Ich ging durch Phasen der Besserung, durch Phasen der Verschlechterung, durch absolute Emo-Täler, hervorgerufen durch das, was wir in der Therapie aus meinen darkesten Ecken hervorholten. (So eine Analyse ist echt kein Wellness-Spaziergang.)

Nebenbei verschrieb ich mir im Alleingang eine Art selbst gebastelte Verhaltenstherapie, in deren Zuge ich alles probierte, um die Sucht, den Zwang ansatzweise kontrollieren zu können. Ich verpackte meine Hände, klebte meine Haut ab, verbannte alle Spiegel, hypnotisierte mich selbst, lernte immer mehr über diese fiese Störung, wurde gnädiger mit mir und meiner Haut, vernetzte mich mit anderen Betroffenen, nahm am Lehrstuhl für Klinische Psychologie in Wuppertal an einer Studie zum Thema teil. (Was genau ich alles tat, kannst du in diesem weiterführenden Artikel lesen.)

Ich verpackte meine Hände, klebte meine Haut ab, verbannte alle Spiegel, hypnotisierte mich selbst, lernte mehr über diese fiese Störung.

Ich erzählte meinen Liebsten davon: Anni, meiner Mutter, nach und nach meinen anderen Freund*innen. Das war eine große Überwindung für mich, denn ich hatte Angst, auf Unverständnis, Ablehnung und Ekel zu stoßen. Surprise: Dem war nicht so. Ich erfuhr nichts als positive Rückmeldungen. Ich wurde mutiger und öffnete mich Bekannten, Arbeitskolleg*innen und irgendwann einfach Fremden und dem Internet. (Yolo!) Und sogar die waren irgendwas zwischen neutral, supportive und interessiert.

Als das geschafft war, konnte ich langsam damit beginnen, mich weniger zu schminken, also zu zeigen, wie ich unter der Maske aussah. Fun Fact: Je weniger Make-Up ich trug, desto öfter wurde und werde ich gefragt, ob ich krank oder müde sei (mehr Augenringe, weniger Rouge – ergibt Sinn). Dabei ist es genau umgekehrt: Ganz ungeschminkt bin ich nur an meinen wirklich guten Tagen.

Noch nicht angekommen, aber verdammt weit

Ich liege noch immer dreimal die Woche auf der Analyse-Couch. Ich muss mich immer noch vor jedem Badezimmergang daran erinnern, meine Haut nicht zu berühren. Ich habe immer noch (vergleichsweise milde) Rückfälle. Ich habe immer noch Tage, an denen ich das Make-Up am liebsten mit dem Spachtel auftragen würde. Ich schäme mich noch immer, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand zu lange und nah meine Haut betrachtet. Ich fühle mich manchmal noch immer wie auf dem Bild ganz oben.

Aber halt nur noch selten. Ich kann Leuten offen von meinem Problem erzählen und morgens ungeschminkt aus dem Haus gehen. Ich fühle mich (oft) sogar dann noch schön. Ich habe unfassbar viel neue Lebenszeit und Gehirnkapazität, die ich mit erfreulichen Dingen und Gedanken füllen kann. Meine Haut war noch nie so gut wie jetzt. (Ich bin eine der Glücklichen, die verhältnismäßig wenig Narben davongetragen hat.) Ich fühle mich freier, liebenswerter, sicherer, angekommener, glücklicher – viel mehr könnte ich mir nicht wünschen.

Ich fühle mich freier, liebenswerter, sicherer, angekommener, glücklicher – viel mehr könnte ich mir nicht wünschen.

(Jetzt kommt die Oscar-Rede.) Danke an alle, die mir in den letzten zwei Jahren dabei geholfen haben, den Umgang mit dem Thema zu erlernen, bei allen, die mich nicht ausgelacht haben, als ich davon erzählte, bei allen, die mich jeden Tag genauso nehmen, wie ich bin: mit all meinen Makeln – egal, ob nur ich sie sehe oder die ganze Welt. Bei allen, die mich in Netz mit ihren Posts inspiriert haben, bei allen, die so mutig waren, über das Thema zu schreiben und sprechen.

Eine Botschaft für alle Betroffenen

Und allen, die aktuell mit schmerzenden Wunden oder bleibenden Narben in ihrem Badezimmer/Auto/Bett sitzen und sich fragen, ob sie jemals ein normales Leben führen können, möchte ich Folgendes sagen:

Auch wenn du es vielleicht gerade nicht sehen kannst: Du bist nicht schlechter oder hässlicher oder weniger liebenswert als andere Menschen. Du bist richtig, so wie du bist. Du bist schön! Das Skin-Picking mag ein Teil von dir sein, aber du bist nicht dein Skin-Picking. Ich wiederhole: Du bist nicht dein Skin-Picking! Du hast andere Qualitäten, die dich zu dem Menschen machen, der du bist.

Du bist nicht dein Skin-Picking! Du hast andere Qualitäten, die dich zu dem Menschen machen, der du bist.

Du musst nichts an deinem Zustand ändern, aber du kannst. Und das wird vermutlich ein ätzender Weg, aber einer, der sich lohnt. Du wirst Rückschläge erleiden und denken, du seist zu schwach, um das durchzustehen. Aber du bist viel stärker, als du denkst, sonst hättest du das Skin-Picking bisher nicht ertragen können. Ich und ganz viele andere wissen, wie du dich fühlst. Du bist nicht allein damit!

Ich kann mir nicht (mehr) vorstellen, wie ich so viele Jahre lang so sehr leiden konnte, ohne mich irgendwem anzuvertrauen. Ich blicke zurück und erkenne, wie schlimm das war. Und sehe, wie toll alles jetzt ist. Bitte lass dir das einen Anreiz dafür sein, das bestmögliche Leben zu führen, das du kannst. Weil du es verdient hast.

Was ich ganz konkret gegen das Skin-Picking getan habe und (m)eine kleine, feine Support-Gruppe bei Facebook findest du in diesem Artikel.

Ich wünsche dir alles Glück dieser Erde.
Jule

Anmerkung: Ich bin (für mich selbst überraschend) keine Ärztin oder Psychologin. Ich erzähle hier lediglich von meinen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen. Bitte wende dich für konkrete Hilfe an eine*n Spezialist*in. Bitte halte dich außerdem von Werkzeugen wie Pinzetten, Nadeln und Messern fern. Falls es gar nicht ohne geht: Desinfiziere! Bitte gehe unbedingt zum Arzt, wenn sich eine Hautstelle infiziert hat. Wenn du Suizidgedanken hast, vertraue dich umgehend jemandem an und/oder informiere dich bei Freunde fürs Leben. Je früher du über deine Gefühle sprichst, desto besser kann geholfen werden. Du bist nicht allein, wir haben dich lieb!

JULE ist Gründerin von im gegenteil und Head of Love. Sie schreibt (hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken über ihr eigenes Leben), fotografiert Menschen (weil die alle so schön sind) und hat sogar mal ein Buch verfasst. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Kreatives, Redaktionelles und Steuererklärungen, also alles, was hinter dem Rechner stattfindet. In ihrer Freizeit schläft sie gerne, sortiert Dinge nach Farben und/oder trägt Zebraprint. Wer kann, der kann.

3 Comments

  • Hallo Jule ,

    ich bin auch eine Jule.
    Und ich denke das ich auch unter Skin Picking leide.
    Meine Psychologin hat zwar nie derartige Diagnosen gestellt , aber alles was du beschreibst erkenne ich bei mir ebenfalls.
    Ich leide , wirklich , ich fühle mich furchtbar und weiss nicht was ich tun soll.
    Ich war bereits im Anfangsstadium bei zwei Hautärtzen die mich beide mit dem Ergebnis „Akne bei Erwachsenen“ nach Hause schickten damit ich mir eine dämlich Salbe ins Gesicht klatschen konnte die alles nur noch schlimmer machte. Jetzt grade trocknet eine Wunde unter meinem Kinn die ich vor 5 Minuten noch auf gekratz habe.
    Ich bin einfach verzweifelt und weiss nicht was ich tun soll.
    Ich habe das Gefühl keine Lösung für mein Problem zu finden.
    Und ich sehe im Moment wieder schrecklich aus.
    Mein Gesicht ist übersäht von offenen kleinen Wunden.
    Ich will nur das es aufhört.

    Danke für deinen Bericht , ich habe jetzt garde wieder ein bisschen Hoffnung

  • Danke Jule!!! Das hast du alles sehr treffend zusammengefasst! Es ist ein so frustrierendes Krankheitsbild und ein wahrer Teufelskreis! Und eine der größten Erleichterungen wiederfährt jedem Betroffenen, wenn man dem ganzen Mist erst einmal einen Namen geben kann. Und ja, man ist nicht allein damit! Ich habe inzwischen aufgrund der Selbsthilfegruppe in Berlin schon mehrere ‚andere‘ kennengelernt. Es ist wirklich sehr, sehr befreiend das nun seit den letzten Jahren das Thema im Internet zu finden ist. Die Lösung oder Therapie dagegen ist leider noch nicht aufgestellt, aber deine Tipps sind auf jeden Fall sehr passend. Auch ich bin noch dabei die richtige Therapie zu finden….auch nach 20Jahren Krankheit. Lasst uns alle am Ball bleiben und nicht aufgeben und vor allem eine Akzeptanz mit uns selbst ausmachen und nicht selbst runterziehen!

  • DANKE!! Das hat mich wie ein Schlag getroffen.
    Ich habe meine schlechte Haut immer auf meine Neurodermitis, Allergien oder schlechte Wundheilung geschoben, dabei wusste ich immer, dass ich mir das selber antue. Wie ein Märtyrer bin ich dann ungeschminkt rumgelaufen, damit es erst recht nach Krankheit aussieht, weil kein Mensch ja freiwillig seine Pickel zeigen würde. Ich hab immer neue Produkte ausprobiert und bin immer mal wieder beim Hautarzt gewesen und habe mir eine besondere Form der Akne diagnostizieren lassen. Seit ich mit meinem Freund zusammen bin, ist es viel besser geworden. Nur noch selten stehe ich eine Stunde vorm Spiegel und quetsche an mir rum. Ich habe aber immer noch Fotos auf meinem Handy, wo ich verheult, geschwollen und mit aufgekratzen Flecken in die Kamera gucke. Dann bemitleide ich das arme Mädchen mit der „schlechten Haut“, aber ich hätte nie gedacht, dass das wirklich eine richtige Sache ist. Danke Jule, für die Aufklärung. Ich möchte das bald mit meinen Freunden teilen, damit es real und echt wird und ich das nie nie wieder machen muss!

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