Wenn es nicht kribbelt, mich aber trotzdem berührt

„Schreib doch mal was Positives!“ Aber wie, wenn man nur schlechte Erfahrungen macht? Wenn man es gewohnt ist, eine Nummer zu sein, die Nächste, die Tolle, für den Moment, ersetzbar, austauschbar. Wenn man ein Händchen für Männer hat, die sich nicht binden können, wollen. Die lieber weiterlaufen, statt stehenzubleiben. Innezuhalten. Hinzusehen. Den Moment zu genießen.

Wie schreibt man über positive Liebesgeschichten, wenn dir die Dämonen der letzten Jahre immer auf der Schulter sitzen, dich piesacken und stetig daran erinnern, was du nicht bekommen hast, nicht bekommen wirst. Weil es vielleicht nicht sein soll? Du kein Händchen für die richtigen Männer hast. An der falschen Stelle suchst. Dir zu viele Gedanken machst. Zu wenig. Zu viel willst, erwartest, forderst.

Das Fazit dieses Gedankenkarussells bist immer und immer wieder DU. DU bist der Fehler. DU bist nicht mehr. DU bist es nicht wert. Wie schreibt man etwas Positives, wenn man jahrelang in die Scheiße greift und es nicht schafft, sich die Hände zu waschen? Stattdessen nährt man seine Gespenster mit Zweifeln, packt immer weiter die nächste Enttäuschung oben drauf, weil man einfach weitermacht, sich wieder hingibt, vielleicht diesmal. Weil man die Stimme, die einem sagt, dass es nicht zu viel verlangt ist, Liebe zu wollen, ins Off verbannt.

Doch dann gibt es diesen Moment, in dem du gehalten wirst. Dein Kopf sich senken kann und deine Stirn nicht nur auf einen Kuss wartet, sondern ihn auch bekommt. Da wird dir klar, dass es sie doch gibt, diese Momente, die schönen, die, die dich zur Ruhe bringen.

Warum können wir genau das nicht genießen? Warum werden wir unruhig. Jede Angst, die es geschafft hat, ein Zimmer zu beziehen, wird laut, schreit, wütet, trommelt gegen den rechten Vorhof. „Halt! Vorsicht! Lass es! Genieß es nicht zu sehr!“ 

Warum schaffen wir es nicht, innezuhalten? Wieso setzen wir hinter jeden Kuss, jede Berührung, jedes Gefühl sofort ein Fragezeichen anstatt eines Gedankenstriches? Wieso überlassen wir dem Verstand jedes Mal mehr Platz als dem Herzen?

Wir haben alle genaue Vorstellungen, wie wir unser Leben führen wollen, was uns gut tut, was wir nicht wollen. Wir sehen unsere Chancen, die vielen Türen, die so weit für uns offenstehen. Wir füllen unseren Alltag mit Ideen, mit denen wir am Ende alle untergehen werden. Denn während wir immer wieder Liebe spielen, bereiten wir uns in derselben Sekunde auf den Abschied vor. Beglückwünschen uns für die tolle Aufführung und verlassen schon nach dem ersten Applaus die Bühne.

Der Traum von der Zufriedenheit, dem Halt, der Liebe welkt mit der Zeit und wir begnügen uns mit der Wirklichkeit. Eine Realität, die uns vorgibt, überall zu sein, frei, individuell. Eine Welt, in der Menschen entweder alleine klar kommen oder mit einem riesengroßen Knall zusammenfinden. Dieses Kribbeln, das dich dann durchfährt, das dir zeigt, dass dieser Mensch für dich bestimmt ist. Jetzt, ja jetzt ist es soweit. Alles vorher war nur Laientheater.

Was aber, wenn es nicht kribbelt, mich aber trotzdem berührt? Ist es dann nicht richtig? Muss ich es deswegen hinterfragen. Doch lieber schnell weiterlaufen? Angst haben? Wieso gehen alle Warnlampen an, wenn dieser eine Mensch, den du vorher nicht gesehen hast, die Hände um dein Gesicht schließt und dich hält. Deine Wangen streichelt und deine Stirn küsst. Wieso glaube ich noch immer, nicht liebenswert zu sein, wenn seine Augen mir genau das Gegenteil erzählen?

Warum halten wir immer wieder an Menschen fest, die uns mehr schlechte Gefühle geben als gute? Warum blicken wir zu Menschen auf, die uns auf Distanz halten? Warum wählen wir die Peitsche statt des Zuckerbrotes? Warum müssen 1000 Schmetterlinge DAS Indiz dafür sein, dass man dieses Mal stehen bleiben sollte? Was, wenn wir dieses Kribbeln fehlinterpretieren? Wird dieses Kribbeln nicht eher von Unsicherheiten hervorgerufen? Wenn es nicht kribbelt, aber mich trotzdem berührt, warum ist es dann nicht richtig?

Weil auf unserem Schlachtfeld mehr Enttäuschungen und Ängste liegen als wohlwollende Worte und ernstgemeinte Gesten und wir uns lieber in einem unmöblierten Raum in unserem sogenannten Innenleben verkriechen, anstatt die dunklen Tapeten abzureißen und die leeren Vasen mit Blumen zu füllen. Weil wir uns lieber den Ängsten hingeben, als uns fallen zu lassen.

„Schreib doch mal was Positives!“ Das ist in meinem Alter und mit meinen Erfahrungen als langjähriger Single wirklich nicht einfach. Dennoch bin ich bereit, die Mauern, die ich um mich gezogen habe, aufzureißen und nach draußen zu schauen. Die Vorsicht wird mich begleiten, so schnell kann man seine Dämonen leider nicht abschütteln, aber ich glaube. Und ich spüre. Kein Kribbeln. Aber es berührt mich!

Headerfoto: Marc Schäfer. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt, Bild gespiegelt.) Danke dafür!
Dieser Text erschien zuerst hier.

JULE ist ein Katzentyp und liebt das Meer. Die Twentysomething hat sie schon überschritten, was die Welt aber nicht davon abhält, sie mit pubertierenden, verängstigten und feigen Typen zu beschäftigen. Aber jeder Mensch tritt nicht ohne Grund in dein Leben, denkt sie, also nimmt sie auch die mit Humor. Nur mit Geduld hat sie es nicht so. Ansonsten schreibt und zeichnet sie, dann aber lieber Frauen. Mehr von ihr gibt´s auf ihrer Webseite, außerdem illustriert sie hier.

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