Wenn die Liebe deines Lebens heiratet – und du nicht

Einladungen werden verschickt, dann Blumen gesteckt, Hemden gebügelt, Kleider gerafft, Sekt getrunken. Gäste werden empfangen, Augen strahlen um die Wette. Familie, Freund*innen und Herzensmenschen kommen zusammen, die Stimmung ist ausgelassen und dann wird sie groß gefeiert: die Liebe zwischen zwei Menschen.

Doch was, wenn da noch jemand ist?

Ich weiß nicht, ob es das Konzept „Liebe des Lebens“ wirklich gibt. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich gibt es Partner*innen, die in bestimmten Lebenssituationen mal mehr, mal weniger gut zu uns und dem, was wir grade tun, passen. Die einen begleiten uns nur ein kurzes Stück auf unserem Weg, andere bleiben jahrelang.

Was ich aber weiß, ist, dass es Momente gibt, in denen es sich anfühlt, als gäbe es dieses Konzept. Momente, in denen es absurd erscheint, je wieder ohne diesen einen Menschen zu leben. Und dann gibt es Momente, in denen man leider feststellen muss, dass man sich mit dieser Absurdität im Detail auseinandersetzen werden muss.

Ich wusste zuvor nicht, dass so viel Gefühl in mein kleines Herz passt.

Werden wir konkret: Ich habe mich Hals über Kopf verliebt. So sehr, dass es fast weh tut, weil ich zuvor nicht wusste, dass so viel Gefühl in mein kleines Herz passt. Ich weiß nicht, wie sehr er das gleiche Gefühl hat, aber ich weiß, dass er etwas gefühlt hat. Als wir beide am anderen Ende der Welt saßen, die Füße im Wasser und die Sonne in den Locken, da hat er etwas gefühlt für mich.

Und auch heute sehe ich es noch in seinen Augen. In seinen Bewegungen. Aber ich habe kein Recht mehr darauf, es in Anspruch zu nehmen. Denn kurz bevor wir uns für uns hätten entscheiden können, ist sie schwanger geworden, diese andere Frau. Die offizielle Frau. Und sie wurde noch ein bisschen offizieller, dann ist das mit dem Kind alles leichter. Logisch.

Rationalität verliert gegen Gefühl.

Und jetzt sitze ich ihm dauernd gegenüber, einem frisch verheirateten Mann, sehe immer noch den Funken in seinen Augen und weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Habe ich ein Recht darauf, ihn auf seine eigenen Gefühle hinzuweisen? Darf ich einfordern, dass er sie wahrnimmt? Er hat sich offensichtlich für einen Lebensweg entschieden, der ohne mich auskommt. Aber mit dieser Entscheidung kommt leider keine automatische Gefühls-Eliminierung. Rationalität verliert gegen Gefühl.

Wir sitzen uns immer noch mit der gleichen Liebe im Blick gegenüber. Wir lassen immer noch jede Berührung so lange dauern, wie es nur geht, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Wir gehen betrunken mit lauten Ansagen und im besten Fall mit Begleitung nach Hause, damit wir nicht in gefährliche Situationen geraten. Wir buchen für Geschäftsreisen Hotels, die möglichst weit voneinander entfernt sind.

Muss ich hinnehmen, dass der Ring an seinem Finger das, was zwischen uns passiert, verbietet?

Und doch tanzen wir miteinander. Umeinander. Jeden Dienstag, jeden Freitag, manchmal dazwischen. Vorsichtig zwar, aber mit tiefen Blicken. Habe ich ein Recht darauf, diese Blicke zu interpretieren? Oder muss ich hinnehmen, dass der Ring an seinem Finger genau das, was zwischen uns passiert, eigentlich verbietet?

Das Szenario vom Interesse am verheirateten Mann ist kein fremdes. Aber dass die Hochzeit stattfindet, nachdem wir uns kennengelernt haben, nachdem wir uns verliebt haben – wie ehrlich kann das sein? Nur weil es für den Moment logisch erscheint, ist es dennoch eine feige Sache, eine unglückliche Beziehung weiterzuführen, nur weil der Weg, den das Herz gehen will, Aufwand erfordert und unangenehme Erklärungen. Aber ist das Endergebnis das Ganze nicht wert?

Ich kann nicht verstehen, warum er so entschieden hat. Aber noch weniger verstehe ich, dass ich, wenn ich ihm gegenüberstehe, noch nicht einmal einen Funken eines schlechten Gefühls habe. Dass ich nicht wütend sein kann über seine Entscheidung. Dass ich nicht wütend sein kann, dass er mir die Hochzeit verschwiegen hat. Dass ich nicht wütend sein kann, weil er immer noch versucht, das Thema tot zu schweigen.

Ich schaue in seine dunklen Augen und alles, was ich sehe, ist Liebe.

Ich schaue in seine dunklen Augen und alles, was ich sehe, ist Liebe. Und das verstehe ich nicht. Ich will ihn anbrüllen wollen, ich will ihm Vorwürfe machen wollen, ich will sein Gefühl für mich einfordern wollen. Weil ich weiß, dass es da noch ist. Gar nicht mal so tief vergraben. Aber dazu bin ich zu schwach.

Stattdessen ist die einzige Frage, die ich gemeinsamen Freunden stelle: „Ist er glücklich?“ Denn das weiß ich nicht mehr. Im Februar kannte ich ihn, keine Ahnung, wer er jetzt ist. Ich will es gerne wissen. Ich will dieses Wissen einfordern wollen. Ich weiß nur nicht, ob ich für dieses Wollen je genug Kraft haben werde. Ich sammle noch.

Und ich warte. Darauf, dass die Wut endlich genug Kraft gesammelt hat. Oder auf ihn. Wer weiß das schon.

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!  

ALEX ist überall und nirgendwo zuhause. Mag südafrikanischen Rotwein, Schallplatten und Kurzgeschichten von Heinz Strunk.

1 Comment

  • Toller, berührender Text!
    Auch ich habe ähnliches erlebt und habe mich am Ende – nach vielen Jahren der Zweifel – für das Aus meiner Ehe und für die Liebe meines Lebens entschieden. Es bedarf nur Mut. Hört auf euer Herz <3

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