Was sich liebt, das trennt sich? Was passiert mit der Liebe in der Ehe?

Jeder von uns hat doch schon von Leuten gehört, die mal jemanden verlassen haben oder selbst verlassen wurden, weil sie den Partner oder der Partner sie nicht als den Richtigen für eine nun bald mal angebrachte Ehe betrachteten. Obwohl man sich ja liebte, heiß und innig. »War echt schön mit Dir, aber so und so«, Tick tack, man wird ja auch nicht jünger und will vielleicht Familie.

Ich habe da eine Frage: Haben Menschen, die sich aus diesem Grund trennen, das Spiel einfach besser verstanden als andere? Oder wäre so etwas abzustempeln mit dem für das Thema Liebe so unpassenden Wort »abgeklärt«?

Von Kinderfilmen, romantischen Komödien und den Beziehungen unserer Eltern und Großeltern bekommen wir in unserer westlichen Gesellschaft mitgeteilt, dass die Themen Liebe und Ehe in der Konsequenz untrennbar miteinander verbunden sind.  Man sollte nur heiraten, wen man liebt, und die Ehe soll ein Bund fürs Leben sein. Nur schade, dass die Liebe oft nicht ganz so lange hält wie die Ehe.

Man sollte nur heiraten, wen man liebt. Nur schade, dass die Liebe oft nicht ganz so lange hält wie die Ehe.

Ich persönlich bin ein riesiger Fan der Liebe. Ich habe sie gelesen, geschrieben, gesehen, gefühlt, ich arbeite für Liebe und hab sie auch schon erlebt – und erlebe sie gerade wieder. Aber ich habe die Liebe auch schon einmal verloren, ohne dass ich das gewollt hätte.

Heiraten hingegen ist für mich ein heikles Thema. Auch da habe ich grundsätzlich gar nichts dagegen. Ich finde die Idee sehr schön, dass man sich ein Leben lang zu ein und derselben Person bekennt. Und ich kann mir eigentlich auch keinen schöneren Anlass für eine Ehe vorstellen, als die Liebe.

Nur – wie so oft im Leben – haben hier Schönheit (Liebe) und Zweckmäßigkeit (Ehe) eine eigentlich grundsätzliche Unvereinbarkeit. Die Liebe ist ja ein Spiel, sie geht mit Dir bekanntlich vom einen zum andren. Die Ehe indes ist eine der ältesten Institutionen unserer Gesellschaft. Das Konzept der romantischen Ehe, die beides vereint, ist zuletzt jedoch vor allem ein Trend des 18. Jahrhunderts – sowie die erste heftige Scheidungswelle übrigens auch.

Wenn die Liebe also ein Spiel ist und die Ehe eine Institution – dann ist die Schwierigkeit, beides zu vereinen, ja wirklich kein unvorhersehbares Ding. Ein Spiel macht Spaß und eine Institution klingt so ernst – klingt nach Knast, Papierkram und Spießertum.

Ein Spiel macht Spaß und eine Institution klingt so ernst, klingt nach Knast, Papierkram und Spießertum.

Deswegen wollen ja heute so wenige Menschen überhaupt Bindungen eingehen: Weil sie sich denken, dass das ja unweigerlich in dieses monogame Gefängnis führt. Kaum einer will im Gefängnis sitzen. Frei sein rockt viel mehr – und freie Liebe geht ja auch seit den 68ern mit Rockmusik Hand in Hand. Und heiraten will man schon, aber erst, wenn man die oder den Richtige*n gefunden und seine Sohlen so ordentlich runtergerockt hat. Auch gut.

Die Ehe selbst aber stammt noch aus einer Zeit, bevor die Menschen auf die ulkige Idee kamen, sich eine Sängerin für die Hochzeit ranzuholen, die die gemeinsamen Lieblings-Engtanz-Songs während der Hochzeits-Zeremonie rauf und runter singt.

Geheiratet wurde bis noch weit ins 18. Jahrhundert eher aus ökonomischen Gründen – wie Sicherung und Vermehrung von eigenen Ressourcen und denen des Partners. Man war ein Team, das am selben Strang zog. Bestenfalls hat man sich dabei auch noch gut verstanden oder mit der Zeit gar lieben gelernt. Aber die Liebe allein war bis in die frühe Neuzeit kein hinreichender Grund für die Schließung eines lebenslangen Bundes. Man frage Jane Austen. Sie hat ’ne Menge Bücher drüber geschrieben.

Und wenn man sich die Scheidungsraten heutzutage so anguckt, dann kommt mir zumindest der Gedanke, dass ein Bund, der auf Stabilität ausgerichtet ist, möglicherweise wirklich besser nicht auf so einem fragilen und zarten Gefühl wie Liebe oder auch auf etwas Unruhigem und Unbeständigem wie Leidenschaft aufgebaut sein sollte.

Denn gerade die leidenschaftliche Art Liebe, so wird es jeder schon einmal erfahren haben, lässt in einer längeren Beziehung mit der Zeit einfach nach.

Denn gerade die leidenschaftliche Art Liebe, so wird es jeder schon einmal erfahren haben, lässt in einer längeren Beziehung mit der Zeit einfach nach. Wenn man Glück hat, dann metamorphosiert sie in eine feste Freundschaft, die auf gegenseitiger Achtung und freundschaftlich-zärtlicher Zuneigung basiert. Ohne den Anspruch auf neue große Abenteuer in der Kiste.

Ich will hier nicht ausdrücken, dass lange verheiratete Paare und dazu noch solche, die aus Liebe einander geheiratet haben, nach einer Zeit grundsätzlich nicht mehr leidenschaftlich und / oder verliebt miteinander umgehen.

Aber wenn man sich darauf verlässt, dass Leidenschaft und die rosarote Brille der Verliebtheit für das Bestehen einer Beziehung ausreichen, dann wird man möglicherweise zum Verlassenen. Spätestens dann, wenn der Sex nicht mehr viermal die Woche, sondern vielleicht nur einmal im Monat vorkommt – wenn überhaupt.

Wenn man sich darauf verlässt, dass Leidenschaft und die rosarote Brille der Verliebtheit für das Bestehen einer Beziehung ausreichen, dann wird man möglicherweise zum Verlassenen.

Und jetzt? Wohin mit der Liebe?

Meiner Ansicht nach haben moderne Menschen zwei Möglichkeiten, die ihnen bleiben, um trotz der sich oft beißenden Themen von leidenschaftlicher Liebe und auf Dauer angelegte Ehe ein rundum erfülltes Leben zu führen. Entweder heiratet man seine*n beste*n Freund*in und sucht sich für die Leidenschaft eine*n austauschbare*n Liebhaber*in. Oder aber: Liebe Verliebte, bleibt als Paar doch zusammen. Auch wenn die Leidenschaft mit der Zeit schwinden mag.

Denn, wer weiß? Vielleicht ist Euer Partner schon längst nicht mehr »nur« Euer Liebhaber, sondern auch Euer bester Freund und Ihr könnt Euch im Laufe der Jahre auf stabilere Bausteine einigen, als diese zwar wunderbare, aber auch genauso störungsanfällige Leidenschaft. Ich für meinen Teil werde alles dafür tun, dass in meiner Beziehung Letzteres gelingt.

Und wie geil ist es denn bitte, den Rest seines Lebens mit seinem besten Freund verbringen zu dürfen?

Headerfoto: Mikayla Herrick via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Liebe ist ohnehin ihr Lieblings-Thema – und ihr Lieblingswort. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

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