Warum der exklusive Kreis der weißen, reichen Girlboss-Feministinnen so unfair ist

Disclaimer: Es geht im Folgenden um den Wunsch nach Karriere und den beruflichen Aufstieg von Frauen. Wenn du als Frau selbst keine Ambitionen hegst, Karriere zu machen, ist das völlig in Ordnung und du solltest dich hiervon nicht unter Druck gesetzt fühlen – du bist toll wie du bist!

„Surround yourself with people who would mention your name in a room full of opportunities.“

“Umgib dich mit Menschen, die deinen Namen in einem Raum voller Möglichkeiten nennen würden“ ist ein Satz, an den ich bis vor einiger Zeit noch selbst glaubte und den ich sogar begeistert in meine Instagram-Story postete.

Die Macht des Netzwerkens 

Warum ich so überzeugt davon war? Weil ich die Wirkmacht des Netzwerkens schon oft selbst erleben durfte. Weil ich stets von Menschen, insbesondere von Frauen, umringt war, die mir Türen geöffnet haben und mir damit Zugang zu neuen Möglichkeitsräumen verschafften. Weil da von klein auf Menschen waren, die das Beste in mir gesehen haben und es mir immer wieder vor Augen geführt haben. Und weil da stets Vorbilder und Repräsentation waren, wohin ich auch blickte.

Da waren stets Vorbilder und Repräsentation, wohin ich auch blickte.

In einer langen und niemals endenden Auseinandersetzung mit meinen Privilegien als weiße, junge, gesunde cis Frau habe ich begriffen, dass die Tatsache, dass mein Name in einem Raum voller Möglichkeiten genannt wird, gar nicht so sehr mit meinem aktiven Zutun verbunden ist, wie ich dachte. Denn mir stehen von Geburt an Räume offen, die anderen, weniger privilegierten Menschen, oft verschlossen bleiben. 

Die Gläserne Decke 

Businessmagazine für Frauen betonen stets die Wichtigkeit von Frauennetzwerken. Männliche Netzwerke würden Frauen nicht ernsthafte Chancen bieten, weil Männer nur Personen fördern, die ihnen selbst ähnlich sind. Stimmt, „alte weiße Männer“ denken eher selten an junge Frauen, wenn sie befördern oder nach einer Nachfolge suchen. Ja, das Patriarchat, kennen wir ja alle. 

„Alte weiße Männer“ denken eher selten an junge Frauen, wenn sie befördern.

Die berühmte Metapher der Gläsernen Decke beschreibt das Phänomen, dass Angehörige einer bestimmten Bevölkerungsgruppe nicht in Führungspositionen aufsteigen. Sie wird meist in Hinblick auf die mangelnden Aufstiegschancen von Frauen benutzt.
Darum braucht es Frauen, die Frauen unterstützen und ihnen Möglichkeiten des Aufstiegs verschaffen. Frauen, die die Gläserne Decke durchstoßen und denen, die nach ihnen kommen, die Hände reichen, um ihnen nach oben zu helfen. 

Girlboss-Feminismus

Bis heute sind in Deutschland die Frauen, die Girlbosses, die es geschafft haben, und führende Positionen besetzen, zu einer überwältigenden Mehrheit weiße Frauen aus der Mittelschicht. Sie haben die Glasdecke durchstoßen, doch anstatt anderen Frauen dabei zu helfen, ebenfalls die Karriereleiter zu erklimmen und durch die Gläserne Decke zu klettern, merken sie oft, wie gut es sich für sie anfühlt, eine hart umkämpfte Position inne zu haben und damit allein zu sein. Wenn ich einen anstrengenden Aufstieg nach oben hinter mir habe, warum sollte ich ihn für andere leichter gestalten? Sollen die doch einfach auch hart genug arbeiten. Kommt dir das bekannt vor? Ja, Girlboss-Feminist:innen können ganz schön neoliberal unterwegs sein. Haben es Frauen erst einmal nach oben geschafft, werden die Netzwerke, die sie um sich bauen, oft sehr schnell ähnlich exklusiv wie die von Männern. Besetzt mit anderen weißen Frauen aus der Mittel- und Oberschicht. 

Haben es Frauen erst einmal nach oben geschafft, werden ihre Netzwerke oft schnell ähnlich exklusiv wie die von Männern.

Die afroamerikanische Feministin und Schriftstellerin bell hooks hat die Karriereleiter einer weißen cis Frau aus der Mittelschicht mit der Karriereleiter jeder anderen Frau verglichen. Während der Aufstieg für weiße Frauen aus der Mittelschicht von Sexismus beschwert wird, werden andere Frauen auf ihrem Weg nach oben zusätzlich mit strukturellen, institutionellen und individuellen Hindernissen durch Rassismus, Antisemitismus, Klassismus, Armut, Homo- und Transfeindlichkeit und Ableismus konfrontiert.

Räume voller Möglichkeiten

bell hooks hat uns verdeutlicht, dass Karriereleitern nicht für alle Frauen gleich aussehen. Abhängig von unseren Ausgangsbedingungen sind sie länger oder kürzer, stabiler gebaut oder deutlich wackeliger, haben Haltegriffe oder eben nicht. Abhängig von unseren Ausgangsbedingungen stehen da oben, am anderen Ende der Leiter, bereits Menschen mit ausgestreckten Armen – oder eben nicht.

Welche Räume stehen wem offen?

Ich möchte (uns) Fragen stellen: Wie divers sind unsere Netzwerke und Räume voller Möglichkeiten wirklich? Welche Räume stehen wem offen? Wer hat Zugang zu bestimmten Netzwerken, wer nicht? Wie frei sind wir wirklich in der Wahl der Menschen, mit denen wir uns umgeben? Und wer nennt wessen Namen in einem Raum voller Möglichkeiten? 

Intersektionale Solidarität

Um zu verstehen, warum manche Frauen Zugang zu mehr Räumen haben als andere, müssen wir Intersektionalität verstehen. Die US-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw benutzte den Begriff „intersectionality“ erstmals, um zu verdeutlichen, dass verschiedene Diskriminierungsformen nicht isoliert voneinander auftreten, sondern in ihren Überkreuzungen und Interdependenzen betrachtet werden müssen. Dass einige Frauen also einen leichteren Aufstieg haben als andere, liegt in großen Teilen an ihren Ausgangsbedingungen und den Erfahrungen, die sie, bedingt durch Mehrfachdiskriminierung, machen müssen.

Was haben Frauen davon, wenn ihre Namen in Räumen voller Möglichkeiten genannt werden – und ihnen der Zutritt zu diesen Räumen nach wie vor verwehrt bleibt?

Ich habe (surprise!) nicht die ultimative Lösung parat. Denn um langfristig Strukturen und Räume zu ändern, braucht es politischen Willen, Repräsentation, Quoten in Unternehmen, niedrigschwellige Zugänge und wenn schon nicht Chancengleichheit im Bildungssektor, dann Zielgerechtigkeit. Was haben Frauen davon, wenn ihre Namen in Räumen voller Möglichkeiten genannt werden – ihnen aber der Zutritt zu diesen Räumen nach wie vor verwehrt bleibt? 

Ein Appell

Ich habe nur einen Appell an meine weißen Mitschwestern: Es ist für einige von uns recht einfach, in dieser sexistischen, kapitalistischen Welt zum Girlboss zu werden und darüber zu vergessen, solidarisch zu sein. Lasst uns das nicht tun. Lasst uns Türen öffnen, um die Räume, in denen wir von klein auf sein dürfen, offener, diverser, zärtlicher und vor allem solidarischer zu gestalten. Lasst uns achtsam sein, wessen Namen wir nennen, wessen Ressourcen wir nutzen, wenn wir unterstützen. Wir brauchen intersektionale Solidarität, wir brauchen empowernde Netzwerke, wir brauchen neue Perspektiven.

Wir brauchen Räume, die nicht von weißen Frauen für weiße Frauen geschaffen sind.

Wir brauchen aber auch neue Räume voller Möglichkeiten, Räume, die nicht von weißen Frauen für weiße Frauen geschaffen sind. In denen wir uns dezentrieren, zuhören und einmal nicht die sind, die die Namen anderer nennen. 

Headerfoto: Monstera (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Amelie Fischer (sie/ihr) sieht das Politische in den ganz großen und den ganz kleinen Dingen. Sie spricht und schreibt am liebsten über globale Ungerechtigkeiten, Machtstrukturen, intersektionalen Feminismus und die Liebe, immer die Liebe. Um ein wenig Leichtigkeit in den Weltschmerz zu bringen, den sie oft fühlt, liest sie für ihr Leben gerne Romance Novels. Aber nur zu Forschungszwecken, versteht sich! Denn auch die Liebe ist höchstpolitisch. Mehr von Amelie gibt es auf Instagram.

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