Von Lieben, Zweifeln und Vermissen in der Mutterschaft – mein Herz in winzig kleinen Händen

Ich wanke. Noch schlaftrunken, die Nacht zu kurz, zwischen Bad und Küche. Der Kaffee schon durchgelaufen, die Milch noch nicht aufgeschäumt. Der Müll ist voll, dort stehen die schmutzigen Fläschchen der vergangenen Nacht. Die Spülmaschine will ausgeräumt werden, die Brotscheiben werden im Toaster schon wieder kalt. Ich lasse Wasser ein zum Spülen der Fläschchen, laufe los auf der Suche nach weiteren. Im Wohnzimmer die achtlos ausgezogene Jeans vom letzten Abend, nehme sie mit zum Wäschekorb – voll. Mist. Damit ins Bad, der Trockner will ausgeräumt werden, später. Waschmaschine an, Wasserhahn auf, kaltes Wasser auf müde Wangen. Was war eigentlich mit dem Kaffee? Ach ja, die Milch.

Der Trubel

Eine Dreiviertelstunde, eine ganze vielleicht. Dann ist der Mann mit dir zurück vom Kinderarzt. Dann ist der Trubel zurück mit all seiner Unaufschiebbarkeit. Die Zeit reicht locker zum Frühstücken, für ein Durchatmen beim Kaffee, für zumindest ein paar der Dinge, die hier daheim erledigt werden wollen. Die Zeit reicht letztendlich nie. Fühle mich wie morgens um sechs, auch wenn es schon bald Mittag ist.

Meine Schultern schmerzen, und noch mehr schmerzt die Erinnerung an dein Weinen der letzten Nacht.

Meine Schultern schmerzen, und noch mehr schmerzt die Erinnerung an dein Weinen der letzten Nacht. Müde Spaziergänge in seinen oder meinen Armen durch dunkle Räume, kalte Füße, die viel lieber unter warmen Decken stecken würden. Auf Knien die ausgespuckte Milch vom Boden wischen, nachts um halb vier, mit fahrigen Händen und vor Müdigkeit brennenden Augen. Zurück ins Bett, dein Weinen beruhigt, dein kleiner Körper auf meinem Bauch, wo er endlich in den Schlaf findet.

Mein Davor und Danach

Ich wanke. Zwischen diesem Leben jetzt und dem Leben davor. Eigentlich beides dasselbe. Und trotzdem fühlt es sich an, als wäre mit dir auch eine neue Variante von mir geboren. Und als hätten diese beiden Varianten von mir manchmal nichts, aber auch so gar nichts gemein. Ich liebe deine warme Haut, deinen Geruch nach Milch, deine kleinen Hände, die meine Finger so fest umschließen. Ich liebe dein Schmunzeln. Gott, was liebe ich dein Schmunzeln. Verausgabe mich, ziehe die albernsten Schnuten, nur um dir ein glückliches Zucken deines Mundwinkels zu stibitzen. Liebe die Ruhe, die du in meiner Nähe findest. Liebe dein Vertrauen, das du mir bedingungslos entgegenbringst.

Ich vermisse die Spontanität. Die Zeit für mich, immer genau dann, wenn ich sie brauche.

Ich vermisse die Spontanität. Die Zeit für mich, immer genau dann, wenn ich sie brauche. Vermisse die Ruhe, wenn mir alles zu laut wird. Vermisse durchzechte Nächte, verschwitzte Körper und viel zu laute Musik. Wann war ich eigentlich zum letzten Mal tanzen? Tanze viel später mit dir auf meinen Armen, mit geschlossenen Augen, summe langsame Melodien in dein Ohr. Meine Lippen an deiner Schläfe, mein Herz voll und ganz in deinen kleinen Händen.

Jeden Tag hunderte Erinnerungen mit dir.

Jeden Tag hunderte Erinnerungen mit dir. Sammle sie in Bildern auf meinem Smartphone. Sammle sie in Augenblicken ganz tief in mir drin. Blättere abends, wenn du längst schläfst und ich noch nicht schlafen kann, durch alte Fotos. Alte Texte. Alte, lieb gewonnene Erinnerungen. Will sie festhalten, noch ein bisschen fester als sonst. Damit dieses Leben vor dir nicht verschwindet – auch, wenn es gerade in den Hintergrund rückt.

Was, wenn es nicht reicht?

Ich wanke. Zwischen der Gewissheit, all das mit dir so gut zu machen, wie ich nur irgendwie kann. Dich zu hören. Dich zu sehen. Dir die Liebe zu geben, die du brauchst. Und zwischen den Zweifeln, doch nie gut genug zu sein. Dir nie alles geben zu können. Die Verantwortung für deine gerade mal fünf Kilo lastet an manchen Tagen tonnenschwer auf meinen Schultern. Gute Mutter. Schlechte Mutter. Ich habe Angst vor Schubladen, in die ich unweigerlich gesteckt werden werde.

Gute Mutter. Schlechte Mutter. Habe Angst vor Schubladen, in die ich unweigerlich gesteckt werden werde.

Durchdenke so vieles, noch viel mehr als früher. Und war dabei doch schon immer meisterhaft darin, mir den Kopf zu zerbrechen. Was, wenn du weinst, während wir gerade in der überfüllten U-Bahn stehen? Was, wenn ich dich nicht beruhigen kann? Was, wenn es mir nicht gelingt, die kritischen Blicke all dieser anonymen Gesichter einfach an mir vorbeiziehen zu lassen? Was, wenn sie mich schmerzen? Und sag, war ich nicht gestern erst selbst noch ein Kind, das manchmal gern an die Hand genommen worden ist?

Dann steht alles still

Ich wanke. Manchmal geplagt von so vielen Sorgen und Ängsten wie ein Schatten meiner Selbst durch unser vertrautes Zuhause. In die Arme dieses Mannes, der sich als Konstante seit Jahren durch alle Phasen meines Lebens zieht. Der mich festhält, wenn du längst schläfst. Der die Lampen unsere kleine Höhle in warmes, gemütliches Licht tauchen lässt und Kopfmonster wieder in dunkle Ecken verbannt.

„Die Zeit rennt“, sagen sie alle. Und das tut sie.

„Die Zeit rennt“, sagen sie alle. Und das tut sie. Gerade warst du noch in meinem Bauch, winzig klein. Nun bist du schon fast drei Monate bei uns. Drei Monate, die sich eher nach zwei Jahren anfühlen. Die Zeit rennt an manchen Tagen, und an anderen steht sie still. Scheine jegliches Zeitgefühl verloren zu haben in dem Moment, in dem du unter lautestem Tosen auf diese Welt gekommen bist. Danach absolute Stille für eine gefühlte Unendlichkeit. Und seitdem wechseln sich Tosen und Stille, Zeitraffer und Zeitlupe ab im Minutentakt. Möchte manchmal, ganz kurz nur, alles anhalten. Ein Sekundenbruchteil zum Luftholen. Durchatmen in Momenten, die mir den Atem rauben.

Und dann gibt es kein Gefühl mehr, das ich lieber fühlen würde.

Und dann. Abends. Wenn ich dich ins Bett bringe. Deinen kleinen Körper auf meinen viel größeren lege, dein Bauch auf meinem. Wenn wir den Trubel des Tages zusammen mit den Hausschuhen vor der Schlafzimmertür abstreifen, ich deinen ruhiger werdenden Atem spüre, dein warmes Köpfchen in meiner Halsbeuge. Dann steht alles still. Dann halten wir die Zeit an. Und dann gibt es kein Gefühl mehr, das ich lieber fühlen würde.

Headerfoto: Anna Shvets (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

LUISA ist geboren im Süden, hat Wurzeln im Osten, studiert in der Pfalz und heute ihr Zuhause mit Mann und Hund in Hamburg gefunden. Dort arbeitet sie als selbstständige Texterin und Konzeptionerin. Und nach Feierabend? Liebe Menschen, guter Vino, offene Gespräche. Alles, was es braucht.

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