Vom Erdboden verschwunden: Als meine Mutter starb, war auch mein Leben nicht mehr dasselbe

Vor 10 Jahren

Meine Mutter war anscheinend schon lange Zeit depressiv. Es gab mal gute Phasen, aber auch viele schlechte Phasen. Es gab Zeiten, in denen sie nicht mehr leben wollte und alles dafür gab, damit es ein Ende hat. Es gab viele Suizidversuche, beinahe wäre ich nicht geboren worden, wegen solch einem Versuch.

Doch vor knapp 10 Jahren hat sie es geschafft. Sie hat ihr Leiden beendet. Damals war ich 9 Jahre alt, jetzt bin 19. Ich habe nun genauso lang mit meiner Mutter gelebt, wie ich ohne sie gelebt habe. Sie versprach mir damals, dass sie an meinem Geburtstag bei mir sein wird, dass wir ihn zusammen feiern werden. Drei Tage vor meinem Geburtstag hat sie sich das Leben genommen.

Meine Welt stand Kopf

Mein erster Gedanke war: „Wer kocht uns jetzt etwas zu essen?“ Viele Jahre habe ich mich dafür geschämt, dass das mein erster Gedanke war. Als ob meine Mutter nur zum Kochen gut gewesen wäre. Sie war so viel mehr. Sie war immer da, sie war eine Mutter, die alles für ihre Kinder getan hätte.

Alles war anders und doch drehte sich die Welt einfach weiter, obwohl ich nicht bereit war.

Die Zeit danach wurden wir von einer Oma zur anderen Oma geschickt, weil unser Vater sich in die Arbeit zurückzog. Alles war anders und doch drehte sich die Welt einfach weiter, obwohl ich nicht bereit war. Ich war nicht bereit dazu, am Montag wieder in die Schule zu gehen, ich war nicht bereit dazu, meinen Geburtstag zu feiern, ich wollte meinen Geburtstag nicht ohne meine Mutter feiern.

Viele Jahre habe ich daran geglaubt, dass meine Mutter an meinem Geburtstag wieder zurück kommt. Ich muss es mir nur sehnlichst wünschen, dann merkt sie es, dass ich sie brauche, dass ich sie vermisse.

Irgendwann kam dann die ernüchternde Erkenntnis, dass es niemals wieder einen Moment geben wird, in dem ich mit ihr reden kann, ich sie umarmen kann, ich ihr sagen kann, dass alles gut wird, ihr Lachen hören kann, ich völlige Geborgenheit spüren kann.

Ich war 18 Jahre alt als ich das zum ersten Mal realisiert habe. Es sind acht Jahre vergangen, bis ich es verstanden habe. Es ist endgültig, es gibt keine Hoffnung mehr, dass sie eines Tages vor meiner Tür steht.

Es sind unzählige Momente vergangen, die ich ausgehalten habe in dem Wissen, dass jetzt hier in dem Augenblick meine Mutter anwesend sein sollte.

Es sind unzählige Momente vergangen, die ich ausgehalten habe in dem Wissen, dass jetzt hier in dem Augenblick meine Mutter anwesend sein sollte. Wenn ich auf der Bühne meiner Zeugnisverleihung ins Publikum blicke, sollte ich dort nicht nur meine Brüder und meinen Vater sehen.

Ich hätte auch dich gebraucht, wir alle hätten dich gebraucht. Ich hätte dich gebraucht, als ich zum ersten Mal meine Periode bekommen habe, als ich meinen ersten BH kaufen wollte, als mir zum ersten Mal das Herz gebrochen wurde, als ich mich alleine gefühlt habe, als ich mein Abitur geschafft habe, als ich mich verliebt habe, als ich glücklich war.

Noch immer ist es manchmal schwer

Heute Nacht habe ich mal wieder davon geträumt, dass ich meine Mutter treffen würde. Sie hatte ihren Tod nur vorgetäuscht, um aus ihrem Leben zu flüchten, um eine Auszeit zu bekommen. Ich habe mich auf das Treffen vorbereitet, ich habe pure Enttäuschung verspürt, Enttäuschung, die sich bis ins Knochenmark zieht.

Gleichzeitig war ich aber auch so unglaublich froh und erleichtert. Es war, als hätte ich endlich den Schlüssel zum Schloss all meiner Probleme gefunden. Ich habe mich unglaublich darauf gefreut, meine Mutter richtig kennenzulernen, ihr von meinem Leben zu erzählen, von den Dingen, die ich alle geschafft habe, die ich schaffen musste, weil sie nicht da war.

Schon spürte ich die Wut in mir hochkommen, wieso hast du mich und meine Brüder im Stich gelassen? Die einzig wahre Frage, für deren Antwort ich alles geben würde.

Schon spürte ich die Wut in mir hochkommen, wieso hast du mich und meine Brüder im Stich gelassen? Die einzig wahre Frage, für deren Antwort ich alles geben würde. Ich sah meine Mutter schon von hinten, ich erkannte sie kaum, sie hatte jetzt lange Haare. Und dann klingelte mein Wecker, der Traum verschwand, doch die Gefühle blieben. Die Wut, die Enttäuschung, sie haben sich in mir festgebissen.

Ich versuchte aufzustehen, mich für die Arbeit fertig zu machen, ich wusch mir mein Gesicht, putze mir die Zähne und fing an, mir meinen Pony mit dem Glätteisen meiner Mutter zu stylen. Doch der Pony wollte nicht so wie ich wollte. Ich merkte, wie die Wut und die Enttäuschung in mir hoch kamen, ich packte mir das Glätteisen und warf es gegen die Wand.

Zehn Jahre sind vergangen und manchmal steht meine Welt immer noch auf dem Kopf.

Das Glätteisen, das ich von meiner Mutter habe, das seit zehn Jahren meine Locken glättet und davor ihre Locken glättete. Ich setzte mich auf den Boden und starrte es an, ich fühlte so viel, Trauer, Wut, Kraftlosigkeit, Einsamkeit. Ich habe mich danach krankgemeldet und bin zurück in mein Bett gekrochen.

Zehn Jahre sind vergangen und manchmal steht meine Welt immer noch auf dem Kopf.

Wenn auch du unter Depressionen leidest oder jemanden kennst, der/die darunter leidet: Hilfe und Infos für Betroffene oder Angehörige findest du beispielsweise in Berlin bei der Beratung für Betroffene von Suizid bei Angehörigen und bundesweit online bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, bei der Telefonseelsorge und bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Falls dir in deiner Familie oder unter Freunden jemand auffällt, der/die dringend Hilfe braucht, lass die Person bitte nicht mit ihren Gedanken allein.

Laura ist jung, manchmal ängstlich und verletzlich aber auch neugierig und voller Lebenslust. Und verliebt in das Leben!

Headerfoto: Darina Belonogova (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Meine Mutter hat sich das Leben genommen, als ich 19 war, kurz nachdem ich angefangen hatte zu studieren. Das hat mein weiteres Leben total verändert. Mein Vater hat sich 6 Jahre später umgebracht, dann mein Onkel und 10 Jahre danach auch mein Cousin.
    Es liegt also in der Familie… Ich bin immer froh, von anderen Menschen zu hören, die ähnliches erlebt haben, deshalb danke für den Beitrag.

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