Verpiss Dich, Perfektion!

Ich sitze auf einem Campingstuhl vor unserem Zelt, vor mir ein Dosenbier, die Mittagssonne knallt vom Himmel und vom Festivalgelände drängen die Geräusche des letzten Soundchecks zu uns herüber. An meinen Beinen klebt der Ackerstaub und hinterlässt witzige Spuren, stoppelige Härchen reflektieren das Licht und ich fühle mich verdammt wohl. Du sitzt neben mir, kochst uns mit Deinem kleinen Camping-Kocher viel zu bitteren Kaffee, bist genauso verdreckt und verschwitzt wie ich. Und mindestens genauso glücklich.

Rückblick.

Ich befinde mich mitten im ziemlich undankbaren Teenager-Alter. Gerade neu auf meiner Schule und gewechselt in eine Klasse, die nicht wirklich neue Leute gebrauchen konnte. Erste Erfahrungen mit Typen, auf die ich eigentlich hätte verzichten können. Erste Erfahrungen damit, auf dem Schulflur „Schlampe“ hinterhergerufen zu bekommen.

Erste Diät, zweite Diät, Erfahrungen damit, wie es ist, sich nur noch von Karotten zu ernähren. Checken, dass das nicht klappt und sich noch beschissener fühlen. Erste Beziehung, die mit fucking viel Herzschmerz scheitert. Und der immer größer werdende Wunsch, eins von den beliebten und bewunderten Mädchen zu sein.

Jeden Morgen eine halbe Stunde früher aufstehen, Duschen, Rasieren, Schminken, Haare machen, schön sein. Unbedingt schön sein!

Jeden Morgen eine halbe Stunde früher aufstehen, Duschen, Rasieren, Schminken, Haare machen, schön sein. Unbedingt schön sein! Plötzlich länger im Bad brauchen als meine Mum und ihre irritierten Blicke ignorieren. Unzählige Frauenzeitschriften kaufen und die lebensnotwendigen Tipps auswendig lernen.

„Wie Du Dich für ihn unwiderstehlich machst“, „Wie Du mit der richtigen Körperhaltung drei Kilo wegschmuggelst“, „Wie Du ihn beim Vorspiel richtig verwöhnst“, „Wie Du in vier Wochen Deinen Bikinibody bekommst“.

Ich habe diese Magazine verschlungen und gedacht, wenn ich all das befolge, dann wird das schon. Habe gelernt, dass man mit Jungs um Gottes Willen niemals nie über seine Periode reden darf. Dass man niemals nie unrasierte Beine oder – noch schlimmer – Achseln haben darf. Dass man auf gar keinen Fall nicht die Pille nehmen darf. Und dass man vor allem niemals nie unsicher sein darf. Tja.

Irgendwann wurde aus Abneigung zumindest mal Akzeptanz und schließlich einige Freundschaften, die ich heute noch habe. Aber die Unsicherheit in mir drin? Die blieb.

Zum Glück gab es auch unzählige Tipps, wie man Unsicherheit am besten überspielt. Und klar, irgendwann gab es keine „Schlampe“-Rufe mehr. Irgendwann wurde aus Abneigung zumindest mal Akzeptanz und schließlich einige Freundschaften, die ich heute noch habe. Aber die Unsicherheit in mir drin? Die blieb.

Ein paar Jahre später dann der Umzug in die Uni-Stadt. Ein bisschen unbesiegbar fühlen, ob der Freiheit, die man plötzlich gewonnen hat. Und ganz schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen landen. Ich war wieder die Neue, habe wieder versucht, meinen Platz in diesem schon bestehenden Netz zu finden. Nur eben diesmal volljährig.

Und diese dumme Unsicherheit? Klar, die ist mit mir umgezogen. Also habe ich zum zweiten Mal meine Mission gestartet, perfekt zu sein. Typen, Partys, Alkohol. Immer cool, immer lässig. Bloß keinen Stress machen, bloß nie nein sagen. Beschissene Erfahrungen am nächsten Morgen unter der Dusche abschrubben, verletzende Kommentare einfach ausblenden und am nächsten Abend weitertanzen. Alles tun, um zu gefallen.

Wenn der Typ sagt, er findet glattrasierte Vaginas besser, dann habe ich mir meine Vagina glattrasiert. Wenn ein anderer Typ sagt, mit ein paar Kilo weniger wäre ich schon ein bisschen geiler, dann habe ich angefangen, jeden Tag Sport zu machen. Und wenn einer sagte, Sex mit Kondom ist scheiße, weil er dann nichts spürt, dann hab ich ihn halt ohne gevögelt und mich am nächsten Tag für so viel Dummheit fast selbst geohrfeigt.

Stattdessen einfach mal ein „Fick dich“ als Antwort? Undenkbar.

Stattdessen einfach mal ein „Fick dich“ als Antwort? Undenkbar. Und wenn diese Typen dann nach ein paar Wochen wieder weg waren, blieb mir nichts außer Unverständnis, warum ich schon wieder nicht gereicht habe. Und natürlich mein vorbildlich rasierter Intimbereich.

Meine eigenen Bedürfnisse? Dafür war kein Platz. Und so gerne ich glauben würde, dass ich mit meinem Mikro-Selbstwertgefühl eine Ausnahme war, so gut weiß ich, dass es den meisten meiner damaligen Freundinnen ähnlich ging. Und vermutlich unzähligen anderen Mädels auch.

Die Befreiung meiner Zufriedenheit

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass dieses ganze Perfektsein irgendwie scheiße ist. Ich habe mich gefangen gefühlt von irgendwelchen Idealen, denen ich nachgejagt bin, und die ich am Ende doch nie erreicht habe. Da war keine Lücke zwischen meinen Oberschenkel, dafür aber genügend Pickel in meinem Gesicht und meine Brüste, die einfach nicht groß werden wollten.

Aber diesen Brüsten ist es nun mal einfach egal, wie lange man sie anfleht, dass sie doch bitte noch drei Körbchengrößen wachsen sollen, weil Männer das gut finden. Sie machen’s trotzdem nicht.

Und dann habe ich angefangen, auf mich selbst zu achten. Menschen aus meinem Leben verbannt, die mir zu keiner Zeit wirklich gutgetan haben.

Und dann habe ich angefangen, auf mich selbst zu achten. Menschen aus meinem Leben verbannt, die mir zu keiner Zeit wirklich gutgetan haben. Eine Beziehung beendet, die mehr gewollt als gefühlt war. Ein paar Wochen alleine durch die Welt gereist und zum ersten Mal seit Jahren ungeschminkt rumgelaufen. All das klingt so klein und unbedeutend, aber in diesem Moment war es wie ein Befreiungsschlag. Ich habe angefangen, mich zu akzeptieren. Und irgendwann hab ich mich tatsächlich irgendwie gemocht.

Was dann kam? Klar, ein Typ. Und zum ersten Mal nicht Irgendeiner, sondern ein ziemlich Guter. Genau in dem Moment, in dem ich zu meinen Freundinnen bei Weinschorle und Mädelsabend gesagt habe, dass ich gerade absolut keinen Typen brauche. Weil ich glücklich bin mit mir. Aber er? Er ist einfach geblieben. Und auf einmal war da dieser Mann, mit dem ich über nervige Unterleibskrämpfe geredet habe und der mir jeden Monat eine Wärmflasche bringt.

Der mit mir die Entdeckung der Menstruationstasse feierte und nicht ein einziges Mal gefragt hat, ob ich nicht doch wieder die Pille nehmen könnte. Der auch meine stoppeligen, verdreckten Beine küsst und mein lebender Beweis dafür ist, dass Zufriedenheit bei mir selbst beginnt. Und dass sich erst jemand mit mir wohlfühlen kann, wenn ich mich selbst mit mir wohlfühle. Zumindest ein bisschen.

Hier und Jetzt.

Ich stehe nackt in einer großen, überfüllten Festival-Gemeinschaftsdusche. In der Reihe mir gegenüber zwei etwa achtzehnjährige Mädels, die mit Bikini duschen. Umständlich. Gesichtsausdrücke, die ganz klar sagen, wie unwohl sie sich fühlen. Die sich zehn Minuten später gegenseitig den Spiegel halten, um sich zu schminken. Auch, wenn die Schminke bei so viel Hitze und Dreck sowieso nicht richtig hält. Egal.

Ich erkenne mich so ausgezeichnet wieder in ihnen. Hätte noch vor fünf Jahren niemals nackt in so einer Dusche gestanden. Wäre niemals irgendwohin gefahren, ohne mein Schminkzeug und den Rasierer dabei zu haben.

Und während ich das sehe, wünsche ich mir inständig, dass die zwei Mädels sich schminken und rasieren und perfekte Frisuren flechten, weil sie sich so einfach wohler fühlen. Dass sie das für sich tun.

Und während ich das sehe, wünsche ich mir inständig, dass die zwei Mädels sich schminken und rasieren und perfekte Frisuren flechten, weil sie sich so einfach wohler fühlen. Dass sie das für sich tun. Nicht, weil sie denken, dass sie das müssten. Ich wünsche mir, dass diese ganzen Magazine endlich aufhören, Tipps für den perfekten Blowjob, die perfekte Sommerfigur und die besten Bauch-Weg-Schlüpfer zu verteilen.

Stattdessen könnten die doch einfach mal schreiben, wie man sich auch mit sechszehn gut finden kann und dass Selbstwertgefühl eine ganz fantastische Sache ist. Mal im Ernst – wäre das nicht viel wichtiger? Ich glaube schon. Und ich glaube, es ist allerhöchste Zeit, dass wir uns alle einfach mal ein bisschen häufiger gut finden. Denn das haben wir uns mehr als verdient! 

Headerfoto: Natasha Kasim via Unsplash.com. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt. Danke dafür!

LUISA ist Wahlhamburgerin. Seit sie „irgendwas mit Medien“ fertig studiert hat, arbeitet sie als freie Texterin und Konzeptionerin. Damit Kunst und kreatives Chaos in so einem Erwachsenendasein allerdings nicht zu kurz kommen, macht sie außerdem ein bisschen Musik, manchmal schöne Bilder und ganz viel mit Worten. Zum Beispiel auf Poetry-Slam-Bühnen. Dort redet sie über Emotionen, Beziehungen und den ganz normalen Wahnsinn. Wann das Leben für sie am schönsten ist? Mit guten Freunden, leckerem Vino und Gesprächen ganz weit weg von Smalltalk!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.