#UncensoredBerlin – eine Ausstellung gegen die Zensur von Nacktheit in den Sozialen Medien

„Ihr Post wurde entfernt, da er nicht unseren Community-Richtlinien entspricht.“ Während der Zeitgeist sexuelle Vielfalt und sexuelle Positivität feiert, scheint es, als wolle die Zensur in digitalen Räumen die Zeit zurückdrehen und einen antiquierten Moralcode re-etablieren. Die jüngste Ausstellung von iHeartBerlin, #UNCENSOREDBERLIN, zelebriert die – von digitaler Zensur betroffene – Darstellungen des menschlichen Körpers und bietet den teilnehmenden Künstlern*innen eine einzigartige Plattform, um sich frei auszudrücken.

Bei der Ausstellung zeigt unter anderem die Fotografin Bob Jones ihre Serie „I lay my pussy bare“, großformative Bilder von Vulven. Raphael Thelen hat mit ihr darüber gesprochen.


Fotos: © Bob Jones.
Männer spielen unentwegt an ihren Pimmeln, Frauen schämen sich oftmals für ihre Vulva. Warum?

„Wo sieht man schon mal Vulvas? Wo sieht man Pussys? Wenn man aufwächst, sieht man Geschlechtsakte oder anatomische Zeichnungen. Aber Vulvas habe ich nie gesehen. Außer bei meiner Mutter – in ihrer Frauenarztpraxis. Da habe ich als Vierjährige die Schwangerschaftsbücher durchgeguckt und gedacht: „Das ist aber spannend!“ Aber ansonsten? In der Werbung sieht man Unterwäsche, aber ohne Abdruck. Den Abdruck von Penissen sieht man. Die sieht man auch gezeichnet auf dem Tisch in der Schule. Dieses Ungleichgewicht gibt Frauen das Gefühl, dass ein Teil von ihnen tabuisiert ist, dass es etwas Verbotenes ist.“

Was macht das mit Frauen, dass sie sich für ihre Vulva schämen?

„Für mich ist das ein Eingriff in die sexuelle Freiheit. Du kannst Deine Sexualität nur gehemmt ausleben, weil Dir gesagt wird: Eigentlich ist das etwas Negatives.“

Was haben die Frauen, die Dir Modell standen, über Deine Fotos gesagt?

„Die fanden es megageil. Die haben sich total gefreut, dass sie ihre Pussy überhaupt mal sehen konnten. Man sieht die vielleicht mal im Spiegel, aber nie so, wie ich als Fotografin die Perspektive habe. Auf den Fotos sieht man die Struktur, man sieht, dass jede etwas ganz Besonderes ist und dass jede anders ist. Und überhaupt: Wer hat schon mal eine pinkelnde Pussy gesehen?“

Wie sind die Reaktionen derjenigen, die die Bilder zum ersten Mal sehen?

„Viele sagen erst einmal: „Krass.“ Und dann: „Ich hätte das nicht erkannt.“ Oder: „Was ist das?“ Das ist cool für mich, weil ich merke, dass die Leute über meine Fotos nachdenken. Sie sind angezogen und gehen nicht gleich weiter, weil sie nicht wissen, was das ist.“

Du hast die Bilder in Neuseeland auf der Straße plakatiert. Was ist dann passiert?

„Es hat zwei Tage gedauert, dann sind sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion runtergenommen worden. Aber nicht runtergerissen. Es war also kein impulsiver Akt. Deswegen frage ich mich auch, ob sie eigentlich kaputt sind oder ob sie inzwischen in irgendeinem Wohnzimmer hängen.“

Und wie fühlt sich das an?

„Übergriffig. Auf den Fotos sieht man die Körper von anderen. Und dass das vielleicht zerstört oder weggeworfen wurde, heißt: So etwas darf nicht sein. Und mein Werk steht ja dafür, dass so etwas sein darf und dass es etwas Gutes ist. Aber ich bin auch nicht beleidigt, sondern eher neugierig, was im Kopf der Leute, die meine Werke entwendet haben, los ist. Ich hätte gerne gefragt: „Was denkst Du da?“

Was glaubst Du, würde in Berlin passieren?

„Ich denke, in irgendeiner Art würde das auch hier modifiziert. Es würde drüber gesprüht oder getaggt. Aber vielleicht auch im positiven Sinne: Es wird weitergemalt, weitergedacht. Aber ich habe es noch nicht ausprobiert.“

Wirst du es ausprobieren?

„Ja.“

Bob Jones hat Literatur in Montpellier und Fotografie in Berlin studiert. Als Künstlerin, Übersetzerin und Schreiberin zeigt sie ihre Arbeiten in Ausstellungen weltweit. Ihre Fotos enstehen aus einer gender-unkonformen, queer-feministischen Perspektive. Mehr von ihrer Arbeit findest Du auf ihrer Webseite und bei Instagram.

Headerfoto: Olga Khristolyubova für iHeartBerlin. („Körperliches“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

RAPHAEL THELEN ist Journalist und Buchautor mit Schwerpunkt Migration, Ostdeutschland und Neue Rechte. Derzeit schreibt er über Liberalismus und Feminismus. Er lebt in Berlin.

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