Tatort Schule: Wie fahrlässig wir als Gesellschaft mit jungen Menschen umgehen

Wer tagsüber in seinem Kiez spazieren geht, hört ihn, den unverkennbaren Lärm unserer Zukunft. Die Schule. Für viele von uns existiert sie in einem Paralleluniversum, mit dem wir seit dem Schulabschluss wenig Berührungspunkte haben.

Über die Lage der Berliner Bildungslandschaft wird viel diskutiert. So viel ist klar: Sie ist ziemlich prekär. Die Gründe hierfür sind so komplex, dass man sich in der Suche nach Erklärungen und Lösungen schnell verlieren kann.

Immer wieder hören wir von einem Lehrkräftemangel in der Hauptstadt. Der Berliner Senat wurde anscheinend überrascht. Wo kamen bloß plötzlich all diese Kinder her? Oder sahen die älteren Lehrer*innen alle so frisch aus für ihr Alter? Obwohl eine zukünftige Pensionierungswelle lange bekannt war, wurden nicht genug Studienplätze geschaffen.

Nicht nur das, sondern die Anzahl der Plätze im Grundschulbereich waren sogar limitiert, viele Studienanwärter*innen wurden abgewiesen. Die Politik handelte viele Jahre kurzsichtig und führte dem Berliner Bildungssystem erheblichen Schaden zu.

Die Politik handelte viele Jahre kurzsichtig und führte dem Berliner Bildungssystem erheblichen Schaden zu.

Für Lehrer*innen wurde Berlin zunehmend unattraktiv, die Arbeitsbedingungen in anderen Bundesländern waren einfach besser. Ein Faktor ist die Verbeamtung. Oder besser gesagt, in Berlins Fall: die Aufhebung der Verbeamtung von Lehrkräften. Zwar wurde die Verbeamtung zwischenzeitlich auch in anderen Bundesländern abgeschafft, sie ruderten aber alle wieder zurück, als eine Abwanderung qualifizierter Lehrer*innen zu beobachten war.

Im Hinblick auf die erschwerten Bedingungen und der oft harten sozialen Realität der Schülerschaft ist dieser Missstand besonders schwer zu begreifen. Gerade deswegen müsste der Berliner Senat Anreize schaffen, die besten Lehrkräfte in die Hauptstadt zu locken. Dass Berliner Lehrer*innen sich für einen längeren Arbeitsweg entscheiden, um in Brandenburg eine Stelle anzunehmen, ist derzeit nicht verwunderlich.

Nur dank der hohen Anzahl der Quereinsteiger*innen konnten die offenen Stellen in Berlin abgedeckt werden. Der Mangel ist so erheblich, dass pensionierte Lehrer*innen aus dem Ruhestand wieder-rekrutiert werden.

Unsere Schulen stehen vor immensen Herausforderungen und Veränderungen wie Ganztagsbetrieb, Inklusion und Integration.

Unsere Schulen stehen vor immensen Herausforderungen und Veränderungen wie Ganztagsbetrieb, Inklusion und Integration. Dazu gesellen sich immer wieder wechselnde Schulreformen, die mehr Chaos in den Schulalltag bringen. Beginnt die Oberschule nun ab der 5. oder 7.Klasse? Abitur in 12 oder 13 Jahren – diese unterschiedlichen Modelle existieren sogar an manchen Schulen gleichzeitig. Von den Schulen wird erwartet, dass sie die neusten Reformen einfach umsetzen. Dass dies nicht gerade zu motivierten Lehrer*innen führt, ist wohl klar.

Derzeit arbeiten viele angestellte Lehrer*innen neben verbeamteten Kolleg*innen an ein und derselben Schule. Manche sagen, das führe zu einer Zweiklassengesellschaft innerhalb des Kollegiums. In Wirklichkeit gibt es noch mehr Untergruppen, so wie die Quereinsteiger*innen und Vertretungslehrer*innen. Auch von ihnen wird die gleiche Arbeit erwartet, bezahlt werden sie hingegen mit Dumpinglöhnen.

Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war eine von ihnen. Nach nur drei Wochen als Vertretungslehrerin wurde ich plötzlich zur Klassenlehrerin befördert. „Du machst das doch so nett, möchtest du nicht die Klasse XY übernehmen? Die eigentliche Klassenlehrerin kommt nicht wieder, wegen Burn-Out.“

Es gab zahlreiche filmreife Szenen: Zu Unterrichtsbeginn flogen Stühle, manchmal kam ich aber auch gar nicht erst in den Klassenraum hinein.

Da arbeitete ich nun in Vollzeit als Klassenlehrerin, was für mich bedeutete, dass ich Deutsch, Mathe, Kunst und Englisch unterrichtete. Dazu kamen Elternabende sowie abendliche Telefonate mit den Eltern. Ich dachte anfänglich, dass ich von alteingesessenen Hasen ein bisschen an die Hand genommen würde. Da lag ich leider falsch.

Es gab zahlreiche filmreife Szenen, vor allem in den höheren Jahrgängen, in denen ich Englisch unterrichtete. Zu Unterrichtsbeginn flogen Stühle, manchmal kam ich aber auch gar nicht erst in den Klassenraum hinein. Ein nicht unbeachtlicher Teil der Klasse verbarrikadierte sich mit dem Riesen-Besen hinter der Tür.

Natürlich waren diese Klassen im Kollegium bekannt. Es herrschte eine Mentalität von Einzelkämpfer*innen. Alle waren froh, wenn sie verschont blieben. Meine zermürbende Erfahrung ist, dass Quereinsteiger*innen vor allem gerne in diesen unbeliebten Klassen eingesetzt werden.

Wie viele andere, schmiss ich nach fast zwei Jahren das Handtuch, denn ich konnte einfach nicht mehr. Was mich ebenso frustrierte, war, dass ich weniger verdiente, als hätte ich bei einem schwedisch-bangladeschischem Modehaus Pullover gefaltet. Because they are worth it. Not.

Vor allem Schulen mit schlechtem Ruf haben Schwierigkeiten, qualifizierte Lehrkräfte anzuziehen. Aber gerade diese Schülerschaft braucht gute Pädagog*innen!

Vor allem solche Schulen mit schlechtem Ruf haben Schwierigkeiten, qualifizierte Lehrkräfte anzuziehen. Aber gerade diese Schülerschaft hat eine hohe Bildungsqualität nötig! Sie brauchen gute Pädagog*innen! Die vielen Quereinsteiger*innen bringen eher selten eine pädagogische Ausbildung oder Erfahrung mit. Auch ich hatte keine pädagogische Vorkenntnisse.

Bei diesen Kindern wird das Vermasselte in der Schule nicht zuhause aufgefangen. Eine befreundete Lehrerin, die ich an der Schule meines Grauens zurückließ, berichtet mir immer noch regelmäßig vom Neusten. Jedes Schuljahr wird der Stapel von Ummeldungs-Anträgen höher. Es gibt nur noch wenige, die ihre Kinder bedenkenlos zu dieser Schule schicken. Sie ist mal wieder haarscharf am Status Brennpunktschule vorbeigerutscht. Die Gründe hierfür müssen sich in Details verstecken, die für Menschen mit Sehvermögen nicht ersichtlich sein können.

Was bei Schülern zuhause passiert, kann man auch als Lehrer*in nicht beeinflussen. Oft höre ich von meinen Lehrerfreund*innen, dass genau dies so frustrierend sei: Die Eltern müssten eigentlich noch pädagogisch unterstützt werden. Schwierige Umstände zuhause belasten die Kinder eben auch in der Schule. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass die Kinder sich nicht nur auf eine hohe Qualität im Unterricht verlassen können, sondern auch auf ein insgesamt positives Lernumfeld.

Dass die Schulen ausreichend finanzielle Mittel brauchen ist einleuchtend und es scheint so, als ob es hier in die richtige Richtung geht. Die Regierungskoalition hat für 2018/19 zusätzlich etwa 150 Millionen Euro für Bildungszwecke eingeplant.

Die Lehrkräfte, die sich mit dem Verein Bildet Berlin! (bildet-berlin.de) für eine bessere Schulbildung einsetzen, fordern ein Ende der unhaltbaren Zustände an den Berliner Schulen. Die konkreten Forderungen lesen sich eigentlich wie eine Selbstverständlichkeit. Durch meine eigenen Erfahrungen weiß ich leider sehr gut, dass sie aber noch lange keine Realität sind.

Es ist an der Zeit zu überdenken, wie wir als Gesellschaft mit jungen Menschen umgehen. Nehmen wir Kinder wirklich ernst genug?

In unseren erwachsenen Leben machen wir uns viele Gedanken über die Liebe und darüber, welche Beziehungen für uns funktionieren. Das ist wichtig und wird uns immer begleiten.

Als eine vielleicht eher unsichtbare Beziehung könnte man die zu der jüngeren Generation sehen. Es ist an der Zeit zu überdenken, wie wir als Gesellschaft mit jungen Menschen umgehen. Nehmen wir Kinder wirklich ernst genug? Nicht zuletzt hierzu hat die Schülerin Greta Thunberg einige Fragen aufgeworfen.

Manchmal denke ich, es wäre richtig, eine Art Schöffenamt für Schulen einzuführen. Wenn jede*r mal für eine gewisse Zeit als Assistenzlehrer*in in den Dienst gerufen werden würde, würden wir nicht so den Bezug zum Bildungssystem verlieren. So eine Teilhabe wäre doch sehr demokratisch.

Die Verantwortung für die Bildung unserer Jugend liegt größtenteils bei der Politik, sie hat den Auftrag, die Interessen der Gesellschaft zu vertreten. Wie fahrlässig sie mit der Zukunft der nächsten Generation umgegangen ist, kann man vor allem in Brennpunktschulen beobachten.

Bildet Berlin! fordert ganz richtig: „Wir brauchen eine gebildete, engagierte und motivierte Jugend, die dem zukünftigen gesellschaftlichen Leben innovative und wertvolle Impulse gibt.”

Headerfoto: Stockfoto von Tanya Yatsenko/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

KATHARINA wurde zwar in Berlin geboren, wollte aber eigentlich immer in die weite Welt hinaus. Vielleicht hat das mit ihren friesischen Vorfahren zu tun, die waren schon vor langer Zeit auf hoher See um die Welt gereist. In London fand sie für viele Jahre ihr Zuhause und studierte dort nicht nur Medienwissenschaften und Soziologie, sondern bekam nebenbei noch gleich zwei Kinder. Sie ist Feministin, obwohl sie denkt, dass das eigentlich selbstverständlich ist. Als überzeugter Killjoy kann sie schlecht mit Ignoranz umgehen. Was sie liebt, sind ungewöhnliche Biografien und am liebsten hört sie diese direkt von Menschen auf Reisen.

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