Sexuelle Belästigung: Niemand sollte „damit rechnen“ müssen!

Lisa will am Abend mit Freundinnen weg. Das Outfit steht: Trotz des neuen Rocks hat sie sich für die Jeans entschieden, trotz des Spitzen-Tops für das Bandshirt und den Blazer. Als sie ihren Freund zum Abschied umarmt und küsst, drückt er sie fest an sich. „Pass auf dich auf, komm lieber mit dem Taxi als mit der Bahn heim.“ Sie nickt.

Vorsichtig sein – dazu haben ihr damals auch ihre Eltern immer geraten. „Geh‘ im Dunkeln nicht alleine raus“ und „Schau, dass du immer genügend Bargeld für ein Taxi dabei hast. Nur für den Notfall.“ Lisa hält sich an das, was ihr beigebracht wurde. Für sie birgt jeder Abend, den sie außerhalb ihrer Wohnung verbringt, ein potenzielles Risiko. Deswegen ist Lisa besonders vorsichtig und fährt sogar mit dem Taxi zu ihrer Verabredung hin. Sicher ist sicher.

Unsere Gesellschaft hat ein Problem. Und zwar mit leider viel zu häufig vorkommenden sexuellen Übergriffen und Belästigungen.

Für die einen oder anderen Leser*innen ist diese Anekdote nichts Besonderes – kommt ja häufiger vor, dass sich jemand so fühlt wie Lisa. Fast jede Frau hat sich so schon einmal gefühlt.

Aber gerade in dem Fakt, dass sich so vielen Frauen so gut in dieses scheinbar alltägliche Szenario reinfühlen können, wird deutlich: Unsere Gesellschaft hat ein Problem. Und zwar mit leider viel zu häufig vorkommenden sexuellen Übergriffen und Belästigungen. Besonders oft haben Frauen darunter zu leiden, da die große Mehrzahl solcher Aktivitäten von Männern ausgeht.

Sexuelle Belästigung: Wo fängt sie an, was tun wir dagegen und wer bestimmt, was okay ist?

Laut §3 des allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz liegt sexuelle Belästigung vor, „wenn ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen gehören, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.“

Fast jede zweite Frau (43 Prozent der Befragten) gab in einer von der ZEIT im Rahmen der #metoo-Debatte zitierten Umfrage an, schon einmal sexuell bedrängt oder belästigt worden zu sein – bei den befragten Männern waren es zwölf Prozent.“

Fast jede zweite Frau (43 Prozent der Befragten) gab in einer Umfrage an, schon einmal sexuell bedrängt oder belästigt worden zu sein – bei den Männern waren es zwölf Prozent.

Und das BMFSFJ stellte fest, dass „[n]ach der repräsentativen Untersuchung ‚Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland‘ von 2004 […] insgesamt 58,2 Prozent aller befragten Frauen Situationen sexueller Belästigung erlebt [haben], sei es in der Öffentlichkeit, im Kontext von Arbeit und Ausbildung oder im sozialen Nahraum.“ Die Europäische Grundrechtagentur hatte im März 2014 sehr ähnliche Ergebnisse veröffentlicht.

Sexuelle Belästigung oder gar Gewalt gehören also nach wie vor zu den unschönen Kehrseiten menschlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft. Von Catcalling über miese Anmachsprüche mit sexuellen Anspielungen bis hin zu Grapscherei und wirklich brenzligen Situationen ist sexuelle Belästigung so sehr Gegenstand unseres Alltags geworden, dass wir unseren Kindern und vor allem den Töchtern schon beibringen: VORSICHT ist die Mutter der Porzellankiste – oder der heimkehrenden Partyqueen, der Alleine-Joggerin, der ganz normalen Passantin auf dem Heimweg.

Als junge (auch hier: überwiegend) Mädchen werden wir schon mit 11, 12, 13 in den Selbstverteidigungskurs geschickt, um möglichst früh damit konfrontiert zu werden: Du bist ein potenzielles Opfer! Du musst dich vorbereiten!

Vorbereitung ist natürlich gut und es ist grundsätzlich immer ratsam, und zwar für jeden Menschen, in potenziell gefährlichen Situationen eine gewisse Vorsicht an den Tag zu legen. Aber was an der oben geschilderten Verabredung mit Freundinnen ist so gefährlich? Eigentlich nichts. Allerdings ist der Heimweg ein allseits bekanntes Furcht-Szenario, bei dem sich jede Frau ihre eigenen Taktiken zurechtlegt.

Als junge (auch hier: überwiegend) Mädchen werden wir möglichst früh damit konfrontiert: Du bist ein potenzielles Opfer! Du musst dich vorbereiten!

Da ist der Haustürschlüssel, der als Werkzeug zur Verteidigung oder zur Abschreckung mit der Botschaft „Ich bin gleich zuhause, das lohnt sich nicht mehr für dich, mich anzugreifen“ in die Hand genommen wird. Andere wählen Haar-oder Pfefferspray, einen Taschenalarm – oder einfach die Taxifahrt heim. Und hier wird auch zur Sicherheit das Nummernschild diskret fotografiert und an die Freundinnen oder den Freund verschickt.

Aber wie weit kommen wir wirklich mit diesen Sicherheitsvorkehrungen? Wie viel bringt uns Mamas und Papas guter Rat: „Zieh den kurzen Rock wieder aus und stattdessen die Jeans an, geh nicht durch den Park und lass um Himmels Willen niemals dein Getränk unbeaufsichtigt im Club stehen.“

Diese Einstellung, so gut gemeint sie auch ist, suggeriert vor allem das, was ich zuletzt schockierender Weise bei Instagram als Zitat aus einem VICE-Artikel zum Thema sexuelle Belästigung auf Festivals lesen musste: „[…] da muss man vielleicht mit sowas rechnen.“ Die weiteren vom VICE-Magazin befragten Mädchen auf dem Splash-Festival berichteten von sexuell konnotierten Beleidigungen aller Art: Von „Ey, Schlampe“ bis hin zu „Zeig mal deine Spalte für 50 Euro“ sei alles dabei gewesen. Man nähme das so hin, das gehöre wohl irgendwie dazu. Zum Festival, zum Leben in unserer Gesellschaft. Noch immer.

Sexuelle Übergriffe: weder okay noch salonfähig

Mal abgesehen davon, dass sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe ganz und gar nichts sind, womit man rechnen müssen sollte, spiegelt die übertriebene Vorsicht, mit der ich diesbezüglich sozialisiert wurde, die Kehrseite dieser abgeklärten Einstellung wider: „Rechne immer und überall damit, dass ein Fremder (oft sind es Männer, aber nicht alle und nicht immer!)* sich von dir nimmt, was er haben will und deswegen musst du vorsichtig sein. Aber komm‘ nicht auf die Idee, etwas dagegen ausrichten zu können. Das war so und ist so und wird vermutlich immer so bleiben.“

Rechne immer damit, dass ein Fremder sich von dir nimmt, was er haben will und deswegen musst du vorsichtig sein. Aber komm‘ nicht auf die Idee, etwas dagegen ausrichten zu können.

Und wenn mir doch einmal was passiert? Wenn sich jemand an Lisa aus der oben erzählten Anekdote trotz Jeans und T-Shirt anstelle von Rock und Top vergreift? Tja, dann war ich, war Lisa, waren wir vielleicht einfach nicht vorsichtig genug und damit in den Augen vieler Leute selbst daran schuld.

Unglücklicherweise neigen leider häufig Frauen dazu, andere Frauen zu verurteilen: „Na ja, bei dem kurzen Röckchen muss sie sich auch nicht wundern.“ Oder auch: „Sie hat ja auch sehr eng mit ihm getanzt.“ Das nennt man Victim Shaming und dieses Phänomen ist mindestens genauso bedenklich, wie die Häufigkeit von sexuellen Übergriffen selbst.

Victim Shaming: Unterwäsche als Zustimmung zum Sex? Bitte was?

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit ist solch ein Fall von Victim Shaming in Irland durch die Nachrichten gegangen. Ein 27-jähriger junger Mann war aufgrund des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs an einem 17-jährigen Mädchen angeklagt. Trotz Zeugenaussagen, er habe das Mädchen erst gewürgt und dann zum 30 Meter entfernten Tatort geschleppt, wurde er freigesprochen.

Von der Verteidigerin wurde zur Entlastung des Angeklagten vor Gericht geäußert, dass man sich ja nur einmal auf die Unterwäsche des Opfers konzentrieren müsse. Der Spitzentanga würde eindeutig für eine grundsätzliche Zustimmung zu einer sexuellen Zusammenkunft sprechen.

Unter dem Hashtag „this is not consent“ teilten User*innen Fotos von ihrer Unterwäsche und signalisierten, dass das Tragen schöner Unterwäsche nicht automatisch eine Zustimmung zum Sex ist.

Dieses Statement ist beschämend und schockierend. Und das ist es umso mehr aufgrund der Tatsache, dass es von einer Frau kam. Damit wird nicht nur das Opfer zur Täterin gemacht, sondern auch mit einem kleinen Satz alles an Emanzipation weggewischt, was Frauen im letzten Jahrhundert erreicht haben. Mit einem solchen Verhalten zementiert man ein Gesellschaftsbild, in dem bestimmte Männer sich grundsätzlich das nehmen dürfen, was sie wollen ­­– und Frauen zum bloßen „Objekt“ werden, „das grundsätzlich erstmal zur Verfügung steht.

Das Plädoyer der Verteidigung empörte in der Tat viele junge Frauen zunächst in Irland und daraus resultierend in vielen weiteren Ländern –­ auch in Deutschland. Unter dem Hashtag „this is not consent“ teilten User*innen auf Instagram, Twitter und Facebook Fotos von ihrer Unterwäsche und signalisierten somit, dass das Tragen schöner und dekorativer Unterwäsche nicht automatisch eine Zustimmung zum Sex ist.

Denn im Umkehrschluss würde eine solche Behauptung bedeuten, dass jedes Outfit, und mag es noch so züchtig gewählt sein, durch das Tragen aufreizender Unterwäsche an Seriosität verliert: „Sie hatte vielleicht eine Jeans und einen Pullover an, aber die Unterwäsche sprach Bände über ihr Vorhaben heute Abend.“ Aha, ja klar. I call Bullshit.

Die Moral der Geschicht

Man kann, denke ich, als Frau noch so gut vorbereitet sein auf sexuelle Belästigung oder Übergriffe jeglicher Art. Wenn man Pech hat, passiert es und man kann sich im schlimmsten Fall nicht zur Wehr setzen. Das liegt aber in den meisten Fällen mit Sicherheit nicht daran, dass man unvorsichtig gewesen wäre oder dass in bestimmten Situationen, in einem bestimmten Kontext damit rechnen müsste. Das muss man nicht.

Niemand sollte einem Gewalt antun dürfen, nur weil er es kann oder die Gelegenheit dazu hat. Das gilt für Frauen und für Männer.

Es ist an der Zeit, Kindern­­ – das heißt Mädchen wie Jungen ­­– beizubringen, dass man sich nicht einfach in eine Opferrolle (oder Täterrolle) fügen muss, weil die Gesellschaft auf einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern basiert. Niemand sollte einem Gewalt antun dürfen, nur weil er es kann oder die Gelegenheit dazu hat. Das gilt für Frauen und für Männer.

Headerfoto: Stockfoto von Jacob Lund/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel “-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

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